Leap Motion ausprobiert:
Wo der Gesten-Controller glänzt und wo er versagt

Nach langer Wartezeit konnten nun viele den mit großer Spannung erwarteten Gesten-Controller Leap Motion ausprobieren – und waren schwer enttäuscht. Nach dem ersten Herumprobieren mit meinem Exemplar scheint mir klar: Dieses Gerät hat ein Identitätsproblem.

Edel im Design, aber in der Praxis dann doch unfertig wirkend: der Leap Motion Controller.

Edel im Design, aber in der Praxis dann doch unfertig wirkend: der Leap Motion Controller.

Manche verfluchen inzwischen den Film “Minority Report” dafür, dass er so vielen die fixe Idee in den Kopf gepflanzt hat, man könne Computer durch einfaches Herumwedeln ganz leicht und bequem bedienen. In der Folge haben wir zahlreiche Projekte gesehen, die diese Phantasie in die Wirklichkeit holen wollten. Ein prominentes Beispiel ist Microsofts Kinect, das eigentlich nur zur Spielesteuerung gedacht war, aber schon bald als Eingabegerät für Computerbedienung im Minority-Report-Stil genutzt wurde. Microsoft selbst verfeinert Kinect weiter und zeigt mit Kinect for Windows, was heute schon möglich ist.

Das ganz große Entzücken und schier überschäumende Hoffnungen aber produzierte vor allem eine Neuvorstellung des Jahres 2012: Leap Motion.

Leap Motion ausprobiert
Im "Airspace" finden sich alle Apps, die man für den Leap Motion hat.Die Auswahl im "Airspace Store" ist noch bescheiden, reicht aber, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen.leap-motion-01Edel im Design, aber in der Praxis dann doch unfertig wirkend: der Leap Motion Controller.
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leap-motion-app-03leap-motion-app-04Ein Programm, das die Fähigkeiten des Leap Motion demonstrieren soll, deckt zugleich seine Schwächen auf: Hier sieht er zwei Hände, wo nur eine ist.leap-motion-app-06
Je freier man herumexperimentieren kann, desto mehr Spaß hat man. Hier eine Musik-App.leap-motion-app-08leap-motion-app-09leap-motion-app-10
leap-motion-app-11leap-motion-app-12leap-motion-app-13Finger drehen zum Scrollen, Winken zum Schließen – ich möchte mal wissen, wer sich das ausgedacht hat.
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Über ein Jahr ist es nun her, dass der Leap Motion erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde. “Jeden Computer per Fingerzeig steuern”, hatte ich meinen Artikel überschrieben und das war der Anspruch und das war in der Folge auch die Erwartung. Ohne Zögern habe ich das kleine Kästchen damals vorbestellt. Bei dieser Revolution musste ich einfach dabei sein.

15 Monate später liegt das schick designte Gerät nun vor mir auf dem Schreibtisch. Von der Optik und Haptik her ist es klar von Apples Geräten inspiriert. Das geht bis hin zur schlichten, aber edlen Verpackung. Und hier beginnt schon das Dilemma: Der Leap Motion präsentiert sich wie ein fertiges Consumer Produkt, ist davon aber in Wirklichkeit meilenweit entfernt.

Erste Eindrücke, erste Überraschungen

Im "Airspace" finden sich alle Apps, die man für den Leap Motion hat.

Im “Airspace” finden sich alle Apps, die man für den Leap Motion hat.

Dabei beginnt die erste vorsichtige Begegnung mit dem neuen Gerät recht positiv: Man schließt den Leap Motion Controller einfach per USB an und lädt die passende Software von der Website herunter. Sie stellt unter anderem eine Oberfläche für die Apps zur Verfügung, mit denen man die Gestenkontrolle nutzen kann. Hier dann für mich schon die erste Überraschung: Ich kann dieses Programm von Leap Motion nicht mit dem Gesten-Controller bedienen. Nicht einmal die Multitouch-Gesten des Trackpads meines MacBook Pro erkennt es. Ganz klassisch schiebe ich den Mauszeiger umher. Nunja. Kommt vielleicht noch, denke ich so bei mir.

Zu Beginn wird einem dann vorgeführt, was der Controller kann. Man hält seine Hände beispielsweise über das Gerät und bekommt dann als Gittermodell angezeigt, was der Leap Motion zu erkennen glaubt. An sich soll er die Position der Handteller und alle zehn Finger unterscheiden können. Aber schon hier sieht man die Schwierigkeiten, mit denen das System konfrontiert ist. So müssen die Finger abgespreizt sein, um sicher erkannt zu werden. Hält man die Hand zu schräg, deutet sie der Controller mit einem mal als Faust oder als einzelnen Finger. Und manchmal tauchen Finger auf oder verschwinden, ohne dass einem klar wird, was der Grund ist. Zudem zittert das Modell auf dem Display bisweilen, wie keine menschliche Hand zittern könnte. Irgendetwas irritiert dann den Leap Motion und er ist offenbar nicht in der Lage, das auszugleichen. Mein Sitzplatz am Fenster ist wegen der direkten Sonneneinstrahlung zum Beispiel schon an sich problematisch.

Ein Programm, das die Fähigkeiten des Leap Motion demonstrieren soll, deckt zugleich seine Schwächen auf: Hier sieht er zwei Hände, wo nur eine ist.

Ein Programm, das die Fähigkeiten des Leap Motion demonstrieren soll, deckt zugleich seine Schwächen auf: Hier sieht er zwei Hände, wo nur eine ist.

Leap Motion lässt sich schnell aus dem Konzept bringen

Hier zeigt sich nach meiner Einschätzung schon, woran die Macher des Leap Motion noch stark arbeiten müssen: an ihren Algorithmen. Sie betonen gern, wie fein der Leap Motion Controller Dinge im Raum erkennen kann. Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Schließlich gibt es nicht immer ideale Bedingungen und die Nutzer machen es der Technik eben manchmal mit ihrem Verhalten sehr schwer. Das ist ein Problem, das Hersteller von Geräten mit Touchscreens bestens kennen. Als Nutzer merken wir davon im Idealfall nichts, denn das Gerät erkennt, ob wir etwas antippen oder eigentlich nur scrollen wollten. Oder es erkennt, wenn wir unbewusst unseren Daumen auf dem Display ablegen und weiß, dass es darauf nicht reagieren muss. Wenn das alles funktioniert, kommt uns alles ganz einfach und natürlich vor. Aber wehe der Touchscreen ist schlecht oder aber die Algorithmen sind schlecht: Dann macht das Gerät immer wieder Dinge, die wir gar nicht wollten.

Und genau das ist eines der Probleme des Leap Motion: Er mag viel erkennen, aber er lässt sich auch schnell aus dem Konzept bringen. Bewegungen, die physisch gar nicht möglich oder zumindest höchst unwahrscheinlich sind, müsste er eigentlich ignorieren. Falls er das bereits tut, tut er es zu wenig.

Viele Bedienprobleme

Die Auswahl im "Airspace Store" ist noch bescheiden, reicht aber, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen.

Die Auswahl im “Airspace Store” ist noch bescheiden, reicht aber, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen.

Aber wir lassen uns nicht entmutigen und testen weiter. In der “Airspace” genannten Software gibt es schon gleich einige Apps zu entdecken. Sie sollen dem Nutzer erst einmal vorführen, was eigentlich möglich ist. Im Airspace Store ist noch mehr im Angebot – kostenlos und kostenpflichtig. Das Angebot ist noch sehr bescheiden, aber es gibt immerhin Projekte aus diversen Bereichen, um sich einmal einen Überblick zu verschaffen.

Diese Apps führen einem dann allerdings sehr deutlich vor, woran der Leap Motion heute noch krankt. Zum einen leiden sie vielfach sehr an der chaotischen Erkennung, die ich weiter oben schon beschrieben hatte. Manche fühlen sich dadurch beim ersten Ausprobieren schlichtweg unbenutzbar an. Zum anderen gibt es bislang keinerlei standardisierte Bedienkonzepte. Leap Motion liefert den Entwicklern nur, was ihr Controller erkennt. Was sie daraus machen, ist vollkommen ihnen überlassen. Und deren Ideen sind entsprechend vielfältig und nicht wirklich immer logisch.

Ich finde immer: Wenn ich zu viel erklären muss, stimmt etwas nicht. Natürlich ist der Leap Motion eine neue Art, mit einem Computer zu interagieren. Aber das war Touch auch und ich kann mich nicht entsinnen, so ratlos und frustriert mit dem ersten iPhone in der Hand dagesessen zu haben. Auch dort muss man bestimmte Gesten lernen. Aber letztlich stellen sich viele (wenn auch nicht alle) als intuitiv heraus. Aber was hat den Entwickler der App der New York Times geritten, dass man zum Scrollen einen Kreis mit dem Finger in die Luft malen soll? Warum kann ich nicht einfach die Inhalte mit der Hand in der Luft verschieben? Auch das Auswählen von Menüpunkten ist immer mal wieder unterschiedlich gelöst. Während man oftmals auf einen Menüpunkt zeigt, um ihn auszuwählen, erkennt eine andere App durch die Zahl der Finger, was man auswählen möchte – sofern die Zahl der Finger den richtig erkannt wird.

Finger drehen zum Scrollen, Winken zum Schließen – ich möchte mal wissen, wer sich das ausgedacht hat.

Finger drehen zum Scrollen, Winken zum Schließen – ich möchte mal wissen, wer sich das ausgedacht hat.

Die Kommentare im Airspace Store sprechen da oftmals Bände. Ich bin nicht allein mit dem Frust, dass ich mit der Bedienung nicht zurechtkomme. Ausgerechnet so ein Aushängeschild wie Google Earth ist dabei zunächst komplett unbenutzbar. Man erfährt aus der App heraus gar nicht, was man tun soll. Das wäre vielleicht noch halb so wild, wenn die App nicht so irrsinnig überdramatisch auf alles reagieren würde. Ein nasses Stück Seife ist ein Präzisionsintrument dagegen.

Als weiteres Erschwernis kommt hinzu, dass man als Nutzer logischerweise gar nicht sieht, wo man eigentlich mit seinen Händen sein kann, damit sie noch erkannt werden. Aber das mag etwas sein, was man sich mit der Zeit einprägt.

Wo hat die Gestenkontrolle ihre Stärken?

Aber selbst wenn die Erkennung des Leap Motion besser wird und selbst wenn es irgendwann in der Zukunft Standards für solche Bnutzeroberflächen gibt: Wozu ist so eine Gestenkontrolle tatsächlich gut? Wo bringt sie einen praktischen Vorteil? Wo ist sie anderen Eingabemethoden sogar überlegen?

Diese Fragen sind zum heutigen Zeitpunkt noch offen. Nachdem ich nun eine Weile mit dem Leap Motion in seiner aktuellen Form herumgespielt habe, kann ich sagen: Alles, was präzises Arbeiten erfordert, scheint mir weniger bis gar nicht geeignet. Im Gegensatz zur Bedienung mit der Maus oder auch mit Touch ist nie ganz klar, wo man sich gerade auf dem Display befindet. Teilweise ist daran die sprunghafte Erkennung des Controllers Schuld, teilweise scheint es mir aber auch schlicht ein grundsätzliches Problem mit einer Gestensteuerung an sich zu sein. Es ist schwer, einen Punkt exakt anzuvisieren und dann etwas ebenso Exaktes zu machen. Und es ist nicht nur schwierig, es ist schlichtweg anstrengend. Arme und Hände ermüden dabei schnell.

Je freier man herumexperimentieren kann, desto mehr Spaß hat man. Hier eine Musik-App.

Je freier man herumexperimentieren kann, desto mehr Spaß hat man. Hier eine Musik-App.

Ganz leicht geht es mir allerdings von der Hand, wenn man frei ist in seinen Bewegungen, wenn es nicht auf Präzision ankommt oder es sogar gewollt ist, dass man herumprobiert. Mit Musik-Apps habe ich einigen Spaß gehabt und ich hoffe, dass da noch mehr kommt. Auch praktische Dinge wie Programmwechsel oder Scrollen kann ich mir als Gesten sehr gut vorstellen. Ein paar Beispiele für Spiele gibt es bereits. Oder auch der Bereich der Lernprogramme könnte profitieren.

Aber wenn die Erkennung nicht erheblich besser und die Bedienung erheblich intuitiver wird, nützt das leider gar nichts.

Kalte Dusche für erhitzte Nerds

Ich würde das Thema Gestensteuerung noch nicht abschreiben, auch wenn der Leap Motion so etwas wie eine kalte Dusche für so manchen erhitzten Nerd gewesen ist. Wie eingangs erwähnt tut, der Controller fatalerweise so als sei er ein fertiges Consumer-Produkt, bereit die Art zu verändern wie wir Computer nutzen. In Wirklichkeit ist er ein (zu) schick verpackter Technologieträger.

Klar ist aus meiner Sicht auch, dass so etwas wie der Leap Motion eine Ergänzung zu anderen Bedienmethoden ist, aber kein Ersatz.

Kurz habe ich darüber nachgedacht, ob ich meinen Leap Motion wieder zurückschicken soll. Immerhin 30 Tage hat man dafür Zeit. Aber ich habe ihn nun doch behalten. Denn so ganz ist mir die Fasziniation einer Minority-Report-Steuerung noch nicht abhanden gekommen. Und so manche App deutet zumindest an, was noch möglich sein könnte.

 

Jan Tißler

Jan Tißler ist Redakteur bei netzwertig.com. Er ist fasziniert von Technik und ein leidenschaftlicher Internetintensivnutzer.

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3 Kommentare

  1. Und dann noch dieses hässliche Apple-Design :-/

  2. Guter Artikel mit viel Hintergrund und entsprechenden Links. Ich werd mich da mal durchlesen müssen (bzw. wollen). Danke.

  3. Ich besitze selber einen LeapMotion Controller. Das Gerät an sich tut was es soll. Das einzige was meiner Meinung nach (noch) nicht stimmt ist die Software. Die Auswahl ist dann doch noch etwas begrenzt – aber ich bin voll der Hoffnung …

    Hasta Luego

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