Blackberry Q10 im Test:
Comeback der Tastatur

Eine physische Tastatur in einem Smartphone? Blackberry gelingt es, diese altmodisch klingende Eingabemethode ins Jahr 2013 zu hieven. Das Q10 ist mit starker Hardware ausgerüstet, schlägt auch seinen älteren Bruder Z10 und hat nur einen echten Schwachpunkt.

Blackberry Q10

Blackberry Q10

Ein gutes halbes Jahr verfolge ich jetzt die Entwicklung von Blackberry mit dem neuen Betriebssystem BB10. Das Nur-Touchscreen-Modell Z10 gefiel mir und erhielt auch von anderen Kollegen recht wohlwollende Kritiken. “Sie können’s noch”, war der Eindruck. Und jetzt geht Blackberry mit einer physischen QWERTZ-Tastatur einen Schritt weiter. Zu weit?

Im Test zeigte sich: Archillesferse beim Q10 ist eher die Software als die Tastatur. An die Tasten gewöhnt man sich recht schnell zurück. Die Hardware überrascht positiv, aber auch wenn man wenige Apps tatsächlich vermisst, lässt die Qualität vieler Anwendungen zu wünschen übrig.

Blackberry Q10
SONY DSCSONY DSCHaptisch ansprechend: Die Rückseite des Q10.SONY DSC
Q10Q10_KeyboardÜberzeugt: Die TastaturSONY DSC
SONY DSCBlackberry Q10Geschmackssache, aber durchdacht: Blackberry 10Installierte Apps - hier am Beispiel des älteren Bruders Z10.
Die App-Auswahl ist noch leidlich, die Qualität der Apps oft schlecht.


Wir haben viel diskutiert in den vergangenen Wochen. Zu meinem fünfteiligen Blackberry-Tagebuch haben sich viele Leser zu Wort gemeldet, die sich über das Comeback der Kanadier freuen und die sich eine phsysische Tastatur zurückwünschen. Sie dürften im Q10 ihre Wünsche erfüllt sehen.

Haptisch ansprechend: Die Rückseite des Q10.

Haptisch ansprechend: Die Rückseite des Q10.

Die Hardware

Es klingt nach einer Kleinigkeit, aber kein Smartphone, das ich in diesem Jahr getestet habe, lag besser in meiner Hand als das Q10. Es ist etwas kürzer und dabei gleichzeitig etwas dicker als heute gebräuchliche Touchscreen-Modelle. Was besonders positiv auffällt: die sehr griffige Gehäuserückwand, die einfach nicht aus der Hand rutschen kann. Verarbeitung und Einzelteile sind durchweg wertig, nur in den Öffnungen fängt sich nach einiger Zeit ein wenig Staub. Der Akku, der sich austauschen lässt, hielt im Test überdurchschnittlich lange durch, auch bei reger Nutzung schaffte er meist locker einen Arbeitstag. Prozessor (2x 1,5 GHz) und RAM (2 GB) sind üppig portioniert, so dass die Bedienung stets flüssig läuft. Der nur 3,1 Zoll große Screen löst mit 720 x 720 Pixeln auf, verfügt damit über eine stolze Pixeldichte von 330 ppi. Alles in allem ist die Hardware die große Stärke des Q10.

Überzeugt: Die Tastatur

Überzeugt: Die Tastatur

Die Tastatur

Wer jahrelang mit einem Touchscreen-Gerät gearbeitet hat, benötigt einige Tage, um sich wieder an physische Tasten zu gewöhnen. Dann macht das Tippen auf dem Q10 sogar so viel Spaß, dass man kaum noch darauf verzichten mag. Umständlich ist lediglich die Eingabe von Zahlen oder Umlauten. Für die ersteren muss man die Alt-Taste drücken, für Umlaute muss das Q10 dann doch wieder auf den Touchscreen ausweichen. Was man erst einmal herausfinden muss: Große Umlaute wie ein Ä tippt man ein, indem man erst auf ein a drückt, dann gleichzeitig die Hochstelltaste drückt und schließlich auf dem Touchscreen das dort erscheinende große Ä auswählt.

Wer das Gerät in der rechten Hand hält, dem wird es schwerfallen, die alt-Taste ganz links zu drücken, mit deren Hilfe man Zahlen oder Satzzeichen eingibt. Eine einhändige Bedienung der Tastatur ist so nicht ohne Weiteres möglich. Oft vergriff ich mich außerdem beim Druck auf die leider sehr nah aneinander platzierten Delete- und Enter-Tasten – was gerade bei Chat-Apps wie WhatsApp bei mir öfters abgehackte Nachrichten produzierte. Und zu guter Letzt versagte das Q10 auch temporär dabei, mir beim Druck auf ein a, o, u oder s den passenden Umlaut oder das ß auf dem Touchscreen einzublenden. Dies dürfte eines Software-Fehlers geschuldet sein. Alles in allem wirkt die Tastatur haptisch sehr ansprechend, bei Zeichen abseits des ABCs allerdings noch nicht perfekt.

Geschmackssache, aber durchdacht: Blackberry 10

Geschmackssache, aber durchdacht: Blackberry 10

Das System

Ich sagte es bereits und wiederhole es gerne an dieser Stelle: Mir gefällt das Konzept von Blackberry 10: Active Frames als eine clevere Art von Multitasking, der Blackberry Hub als chronologische Sammelstelle aller Benachrichtigungen. Das System allerdings hat Kinderkrankheiten, seien es Apps, die für das größere Z10 optimiert sind, die fehlende Möglichkeit, mehrere neue Benachrichtigungen im Hub mit einem Knopfdruck als gelesen zu markieren, statt sie mühsam einzeln auszuwählen. Oder sei es nur, von einer geöffneten Benachrichtigung zur nächsten zu springen, ohne dabei erst ins Menü zurückwechseln zu müssen. Diese Funktion soll im Update 10.2 nachgeliefert werden. Aktuell war diese auf meinem Testgerät allerdings noch nicht verfügbar.

Die App-Auswahl ist noch leidlich, die Qualität der Apps oft schlecht.

Die App-Auswahl ist noch leidlich, die Qualität der Apps oft schlecht.

Die Apps

Die meisten Minuspunkte sammelt die Blackberry World. Zwar werden es täglich mehr Apps und es kommen immer neue Highlights hinzu. Allerdings sind zahlreiche Apps und Games immer noch schlechte Android-Portierungen. Android-Apps über einen Sideload auf das Gerät zu spielen, ist zwar möglich, aber nicht gerade konmfortabel. Apps wie Facebook und Twitter sind einige Versionsnummern hinter ihren Pendants auf iOS oder Android zurück. Und nach wie vor enttäuschend ist für mich Blackberrys eigene Maps-Lösung, die sehr langsam startet und rendert. Es ist bezeichnend, dass der Google-Maps-Client BeMaps ganz oben in den Charts der meistverkauften Apps rangiert. Momentan ist im Store noch viel Improvisation gefragt.

Die Kamera

Die Kamera des Q10 nimmt Bilder standardmäßig im Querformat auf, wenn man das Gerät senkrecht hält – das Gegenteil anderer Smartphones. Zwar drehen sich die Kamera-Optionen nicht mit, wenn man ein Bild im Hochformat aufnimmt, solche Bilder werden von der Kamera-App aber als hochformatige Bilder erkannt und in der Galerie später so angezeigt. Die Bilder der Hauptkamera haben eine hohe Qualität. Sowohl Landschaftsaufnahmen als auch Porträts gelingen. Bei schlechteren Lichtverhältnisse hilft der HDR-Modus. Die optische Bildstabilisierung, die sich zuschalten lässt, allerdings versagte bei mir in einem einfachen Test.

Die Bedienung der Kamera gefällt mir bei den neuen Blackberrys am besten. Das Auswahlmenü ist mit wenigen Icons sehr übersichtlich, Bilder nimmt man im Q10 auf, indem man auf den Bildschirm tippt (oder bei Serienaufnahmen gedrückt hält). Eine Eigenschaft, die mir nach wie vor gut gefällt: Der Timeshift-Modus der Kamera, der mehrere Bilder in Serie aufnimmt, von denen man sich nach der Aufnahme das beste aussuchen kann.

Die Videokamera löst wahlweise mit 720p oder 1080p (Full HD) auf; der Autofokus variiert den Schärfebereich während der Aufnahme, so dass das fokussierte Motiv jeweils scharf ist. Das ist längst nicht selbstverständlich bei heutigen Smartphones. Zusätzlich lässt sich während der Aufnahme eine Leuchte zu- oder wieder abschalten. Mit der Kamera trumpft das Q10 mächtig auf.

Installierte Apps - hier am Beispiel des älteren Bruders Z10.

Installierte Apps – hier am Beispiel des älteren Bruders Z10.

Nutzererlebnis

Blackberry 10 hat noch einige Kinderkrankheiten, die mit regelmäßigen Updates nach und nach kuriert werden sollen. Die App-Auswahl reicht trotz aller Bemühungen nicht annähernd an die von Android und iOS heran. Auch die Typografie ist gewöhnungsbedürftig. Sie zeigt sich in den Einstellungsmenüs sehr frisch und augenfreundlich, die App-Screens wirken auf mich dafür erstaunlich unübersichtlich, das Design angestaubt. Der Blackberry Hub hat Kultpozenzial. Ein wenig für Verwirrung könnte für Umsteiger sorgen, dass ein echter Homescreen fehlt. Verlässt man eine App, gelangt man in die Übersicht der Active Frames, rechts zu den App-Icons und links in den Hub.

Q10

Q10

Fazit

Gegen die Hardware dulde ich kaum einen Widerspruch: Das ist mehr als solide, das ist wohlwollend ausgestattet. Vielleicht wäre bei Prozessor und Auflösung gar noch mehr gegangen. Das wäre aber nicht nötig gewesen. Das Q10 tut, was es soll. Die physische Tastatur ist Geschmackssache. Sie funktioniert allerdings bis auf einige konstruktionsbedingte Nachteile gut und selbst langjährige Nutzer einer Touchscreen-Tastatur gewöhnen sich schnell daran. Schmuckstücke des Q10 sind die Kamera und die gute Haptik.

Es steht und fällt also mit der Software. Das Betriebssystem BB10 mit der Anordnung Hub, Active Frames und Apps ist Geschmackssache. Der Business-lastige Charakter der mitgelieferten Apps und der App-Screens ebenfalls. Wenn sich die Auswahl auch langsam verbessert und ich persönlich nur wenige Apps nennen kann, die ich unter BB10 tatsächlich vermisse, lässt sich die mangelnde Qualität vieler Apps leider nicht leugnen, die oft schlechte Android-Portierungen oder für das größere Display des Z10 optimiert worden sind.

Wem das nichts ausmacht, der findet im Q10 ein sehr gutes Blackberry-Smartphone mit erstklassiger Kamera, leistungsfähigem Akku, guter Haptik und starker Motorisierung. Blackberry hat das Tasten-Smartphone auf die Höhe der Zeit gebracht.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

Mehr lesen

Google nimmt den Markt auseinander: Ein absichtlich verfrühter Nachruf auf alles, was nicht Android ist

18.8.2014, 11 KommentareGoogle nimmt den Markt auseinander:
Ein absichtlich verfrühter Nachruf auf alles, was nicht Android ist

Laut jüngsten Zahlen der Marktforscher von IDC vereint Android bei den mobilen Betriebssystemen 85 Prozent Marktanteil auf sich; bis auf Apple fällt der Rest unter ferner liefen. Einige Alternativen dürften bald vom Markt verschwinden, andere sind es schon. Um ihre Innovationen ist es schade. Ein Nachruf, teilweise absichtlich verfrüht.

Blackberry Passport und Classic: Smartphone-Pionier greift zum letzten Strohhalm

25.6.2014, 8 KommentareBlackberry Passport und Classic:
Smartphone-Pionier greift zum letzten Strohhalm

Gute Nachrichten von Blackberry: Das jüngste Geschäftsergebnis überrascht positiv, eine Kooperation mit Amazon bringt Android-Apps auf die Smartphones und nach einem Jahr hat Unternehmenschef John Chen erstmals zwei neue Smartphones vorgestellt, darunter das ungewöhnliche Telefon „Passport“.

Blackberry: Späte Rettung durch Amazons Android-Apps?

19.6.2014, 1 KommentareBlackberry:
Späte Rettung durch Amazons Android-Apps?

Blackberry freut sich über Zuwachs: Anwendungen aus Amazons Appstore werten das Angebot des Blackberry Market auf. Davon profitieren dürfte aber vor allem Amazon.

Tagebuch eines Blackberry-Nutzers (3): Physische Tastatur – Rückschritt oder bestes Verkaufsargument?

8.7.2013, 15 KommentareTagebuch eines Blackberry-Nutzers (3):
Physische Tastatur – Rückschritt oder bestes Verkaufsargument?

Mit physischen Tastaturen auf dem Smartphone zu arbeiten, erscheint einem Touchscreen-erprobtem Nutzer wie ein Schritt zurück. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass die meisten Menschen erst jetzt vom Handy auf ein Smartphone umsteigen. Physische QWERTZ-Tastaturen könnten da plötzlich wieder gefragt sein.

Tagebuch eines Blackberry-Nutzers (2): Verzweifelte Suche nach dem Hipster-Phone

5.7.2013, 5 KommentareTagebuch eines Blackberry-Nutzers (2):
Verzweifelte Suche nach dem Hipster-Phone

Seien wir ehrlich: Das EINE Spitzen-Smartphone gibt es nicht mehr. Mit einem Android- oder iOS-Gerät ist man Mainstream. Und mit einem Blackberry? Ein armer Außenseiter oder am Ende doch ein Hipster? Weder noch.

Tagebuch eines Blackberry-Nutzers (1): Wie ging das noch mit dieser physischen Tastatur?

3.7.2013, 15 KommentareTagebuch eines Blackberry-Nutzers (1):
Wie ging das noch mit dieser physischen Tastatur?

Blackberry liegt am Boden. Nicht einmal mehr drei Prozent Marktanteil, zuletzt ein Einbruch des Aktienkurses - aber ein hoffnungsvolles neues Betriebssystem und ein neues Gerät mit physischem QWERTZ-Keyboard. Doch was nützt das, wenn ein Nutzer nichts mehr bedienen kann, was kein Touchscreen ist?

3 Kommentare

  1. Danke! Ein guter Artikel, alles gesagte deckt sich mit meinen Erfahrungen…, ist natürlich kein Maßstab :-) Ich merke in meinem Umfeld gerade einen “Trend” zum “sicheren” Telefon, die Leute gehen einfach davon aus dass dies BB ist, ob das begründet ist? Ich denke auch BB musste die verschlüsselungs-Schlüssel bei “Papa” abgeben.

  2. Oh Gott, wie ich Handys mit Tastatur vermisse. Das Blackberry war meine Hoffnung, aber wohl nicht ganz so gut umgesetzt. Die aktuellsten Modelle liefert ja Nokia…Über Soft- und Hardware brauchen wir da aber definitiv nicht sprechen… So muss dann doch wohl mein mittlerweile 5Jahre altes Nokia E71 noch etwas auf seinen RUhestand warten.

  3. Comeback? Schön, dass Blackberry die Tastatur wieder bringt, aber das Unternehmen selbst wird sich nicht mehr lange halten im Mobilfunkbereich. Außerdem ist das keine Neuigkeit…

Ein Pingback

  1. […] Blackberry Q10 im Test: Comeback der Tastatur: Eine physische Tastatur in einem Smartphone? Blackberry gelingt es, diese altmodisch klingende Eingabemethode ins Jahr 2013 zu hieven. Das Q10 ist mit starker Hardware ausgerüstet, schlägt auch seinen älteren Bruder Z10 und hat nur einen echten Schwachpunkt. – by Jürgen Vielmeier – http://neuerdings.com/201…blackberry-q10-test/ […]

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

* Pflichtfelder