Tagebuch eines Blackberry-Nutzers (2):
Verzweifelte Suche nach dem Hipster-Phone

Seien wir ehrlich: Das eine Spitzen-Smartphone gibt es nicht mehr. Mit einem Android- oder iOS-Gerät ist man Mainstream. Und mit einem Blackberry? Ein armer Außenseiter oder am Ende doch ein Hipster? Weder noch.

Blackberry Q10 mit Touchscreen und physischem Keyboard: Nicht alt genug, um wieder cool zu sein.

Blackberry Q10 mit Touchscreen und physischem Keyboard: Nicht alt genug, um wieder cool zu sein.

Wer hatte schon ein iPhone als es erstmals herauskam? Ich erinnere mich da an meinen damaligen Kollegen, der großer Apple-Fan war. Er schwor auf Macs und iPods und war so begeistert vom ersten iPhone, dass ihm der hohe Preis egal war. Wir waren nicht ohne Neid, als wir ihn mit seinem iPhone sahen oder die eingeschworene Gruppe der ersten Nutzer. Für mich damals noch ein zu hoher Preis, außerdem war ich noch an meinen Zwei-Jahres-Vertrag gebunden und wollte nicht zur Telekom wechseln, die das iPhone damals exklusiv unter Vertrag hatte. Die ersten iPhones waren etwas Exklusives und auch technisch jedem damaligen Touchscreen-Telefon überlegen. Und heute?

Heute gibt es eine vergleichbare Situation eigentlich nicht. Wer ein iPhone 5 hat, hat sicherlich ein gutes Gerät, aber er wird mit Argumenten nicht mehr gegen seine Freunde ankommen, die mit den jeweiligen Spitzenmodellen von Sony, HTC, Nokia oder Samsung dagegen halten. Die Masse da draußen nutzt iPhones und Android-Geräte. Wer exklusiv sein will, muss andere Wege gehen. Windows Phone vielleicht? Ihr lacht, aber Nokia hat sich in den letzten zwei Jahren wieder einen sehr guten Ruf erarbeitet. Und für noch mehr Exklusivität? Taugt da etwa Blackberry?

Blackberry Q10
Blackberry Q10 mit Touchscreen und physischem Keyboard: Nicht alt genug, um wieder cool zu sein.SONY DSCSONY DSCSONY DSC
SONY DSCQ10

Nachdem ich drei Monate lang das Z10 im Test hatte, muss ich sagen: Nein, ein Staunen oder einen Wow-Effekt löst man damit nicht aus. Die Leute gucken ungläubig, dass man überhaupt einen Blackberry benutzt und werden nicht müde, die schlechte Marktlage der Kanadier zu analysieren. Einige wundern sich gar, dass es das Unternehmen überhaupt noch gibt. Selbst wenn man versucht, die Vorzüge vom Blackberry 10 zu erklären, etwa den Blackberry Hub, reagieren die Mobilfunkinteressierten um einen herum lediglich mit einem “Ah ja, ganz nett”.

Underdog ohne Kultstatus

Dabei hat Blackberry eigentlich alles, was ein Underdog braucht, um wieder exklusiv zu wirken: einen nur noch geringen Marktanteil, der in kaum einer Statistik noch 3 Prozent übersteigt. Zur Innovation verdammt, hat man wirklich kluge Features ins neue System BB10 gepackt und es teilweise mit einer derart schönen Typographie ausgestattet, die an Apples glorreichste Zeiten erinnern. Technisch fortschrittlich sind die lernende Tastatur, der intelligente Kalender, die Kamera mit Timeshift-Modus, das Multitasking mit Active Frames und Blackberry Balance – die Trennung zwischen Arbeit und Privatleben. Auch die App-Lage entspannt sich langsam. Reicht das nicht, um zum Hipster-Phone aufzusteigen?

Nein, das reicht natürlich nicht. Denn Blackberry will seine beste Kundschaft – natürlich – nicht vergrätzen: Geschäftskunden. Gerade für die hat man das eigene System in zwei Welten aufgespalten, die man mit Blackberry Balance verwaltet. Das ist eine clevere Idee, sexy ist sie aber nicht. Ebenso wenig wie die meisten Apps aus eigener Schmiede, wie Blackberry Message, Docs to Go, Remember oder auch der eigene App Store. Hub, Kalender, Apps, Hintergrundbilder und Active Frames – funktional eine tolle Sache, aber nichts, was für Endkunden wirklich attraktiv ist.

Vom Außenseiter zum Exoten

Das Blackberry Q10 mit seiner Kombination aus Touchscreen und physischem Keyboard beschreibt die gegenwärtige Lage eigentlich ganz gut. Physische Tastaturen sind noch nicht lange genug vergessen, als dass ein Smartphone damit schon wieder retro sein könnte. Das gleiche mit dem Unternehmen Blackberry selbst: Heruntergeschrumpft auf den Außenseiter, aber noch zu bekannt und gut im Geschäft, als dass man die Neuausrichtung ein “Comeback” nennen würde. Das System Blackberry 10 und die ersten Geräte Z10 und Q10 – anders, ja, aber dann doch wieder nicht revolutionär genug, um Android- und iPhone-Nutzer zum Wechsel zu begeistern. Aber mal ehrlich: Welches Smartphone ist heute noch so revolutionär, dass alle Beobachter den Mund nicht mehr schließen können und sofort zum Händler rennen?

Eins ist mir dann doch aufgefallen, als ich mich mit einem neuen Blackberry im Kreise von Kollegen bewegte: Man ist zwar kein Hipster, ein Außenseiter aber genauso wenig. Zu sehr auf der Höhe der Zeit sind die Funktionen und Bauteile der Geräte dann doch. Wer ein Blackberry dabei hat, ist für die anderen ein Exot. Das ist eine Rolle, an die man sich als Blackberry-Nutzer gewöhnen kann. Denn das war in den Jahren davor schon deutlich schlimmer.

Erschienen in unserer Serie “Tagebuch eines Blackberry-Nutzers”:
(1) Wie ging das noch mit dieser physischen Tastatur?
(2) Verzweifelte Suche nach dem Hipster-Phone
(3) Physische Tastatur – Mehr Fans als erwartet
(4) Die App-Auswahl in der Blackberry World
(5) Auf Abenteurreise mit dem Underdog

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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5 Kommentare

  1. Hallo Jürgen,
    ich lese Deine Beiträge sonst wirklich gerne, aber dieses Mal habe ich ein paar Kritikpunkte anzumerken.
    Ich denke Du gehst an den Test etwas verkehrt heran. Es geht in doch in erster Linie darum wie sich das Q10 in deinem Alltag bewährt, wir meistert es die alltäglichen Smartphone-Dinge, ist es schnell, lässt sich alles gut bedienen, hält der Akku, kannst Du Deine Bedürfnisse erfüllen?
    Ich würde vermuten dass Blackberry Dir das Telefon nicht zur Verfügung gestellt hat um dessen Hipster-Qualitäten zu testen. Mich persönlich interessiert es auch nicht wie sich das Phone “im Vergleich” zu anderen schlägt. Du solltest nicht ausschließlich darauf achten was Deine Kollegen zu irgendwelchen Features des Q10 sagen, sondern das Gerät unvoreingenommen einfach benutzen und darüber berichten.
    Versteh mich bitte nicht falsch, ich kritisiere den Test so wie er für mich rüberkommt, und da kommt es mir so vor als würdest Du dem Telefon keine wirkliche Chance geben. Vielleich irre ich mich ja auch und es kommen in den nächsten Teilen die interessanten Dinge zur Sprache :-)
    Gruß und Dir ein schönes Wochenende!

    • “Versteh mich bitte nicht falsch, ich kritisiere den Test so wie er für mich rüberkommt, und da kommt es mir so vor als würdest Du dem Telefon keine wirkliche Chance geben.”

      Das hier ist kein Testbericht im gewohnten Sinne. Ich beschreibe hier meine Erfahrungen nach den ersten Tagen mit dem Q10 und die Eindrücke, die Blackberry hinterlässt. Die Herangehensweise entspricht zum einen dem eines Nutzers, der Neuland betritt, der sich aber auch umschaut und umhört. Eine faire Chance bekommt das Ding auf jeden Fall. Was ich bisher gesehen habe, ist das Ding auch eher eins der besseren, die ich in letzter Zeit gesehen habe.

  2. werde mir trotz iphone 4 den bb q10 zulegen, aus zwei gründen:
    - physikalische tastatur – man kann blind schreiben, weil man die tasten fühlt. geht sogar in der hosentasche, ohne dass es jemand sieht.
    viel wichtiger aber:
    - egal, wo man sich auf der welt befindet, kann man jederzeit seine e-mails lesen. muss nicht, wie beim iphone, teure roaminggebühren zahlen für’s abrufen und versenden von mails.

    war grad mit ‘nem geschäftspartner in indonesien unterwegs, vor kurzem auch in china. er immer mailempfang, ich nur bei hotspots, bzw. in china mit meinem iphone 4 und lokaler sim von china mobile – und ich muss halt ein zweites handy am sack haben, weil über mein standardhandy meine kunden anrufen, die nicht wissen, ob ich grad am amazonas, am ganges oder am yangtse bin!

    die überall verfügbare kommunikation IST das alleinstellungsmerkmal von bb!

  3. Ich fühle mich mit meinem Z10 nicht als Exot, eher up to date. Ich kann nur sagen, was BlackBerry da in sein neues OS gesteckt hat, alle Achtung! Für eine gerade mal neu auf den Markt gekommenes OS hat es keine Schwächen, läuft stabil und schnell. Die touch Tastatur ist super, lernt dazu und gibt automatisch Wortvorschläge in der Sprache, in der ich gerade schreibe. Und mit den neuen Gesten kann man rasend schnell zwischen Apps wechseln, zum Hub wechseln und neue Nachrichten ansehen. Das System hat Zukunft und ist jetzt am Anfang schon klasse und nach ein paar Updates perfekt!

  4. “Die ersten iPhones waren etwas Exklusives und auch technisch jedem damaligen Touchscreen-Telefon überlegen”

    Schwachsinn. Mein P910i konnte bis auf den kapazitiven Touchscreen mit guter Auflösung und WLAN sehr viel mehr. Selbst heute wünsche ich es mir noch manchmal zurück, wie gut Symbian war. Copy&Paste, eigene Klingeltöne, Software direkt installieren, Java-Mobile-Applets, Dateien per Bluetooth verschicken.

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