Samsungs Galaxy Camera:
Die Kombination aus Kompaktkamera und Smartphone im Praxistest

Samsung hat eine Kompaktkamera mit einem vollwertigen Android-Betriebssystem, Quadcore-Prozessor, 4,8-Zoll-Touchscreen, WLAN, GPS, 3G und 4G ausgestattet. Praktisch alles, was die Hersteller kompakter Kameras in den Vorjahren vernachlässigt haben, findet sich jetzt in der Galaxy Camera wieder. Das funktioniert für den Prototypen seiner Generation ordentlich, hat allerdings seinen Preis, einige Kinderkrankheiten und Nachteile in der Handhabung.

Vorne Kamera, hinten Internet-Device: Samsung Galaxy Cam

Vorne Kamera, hinten Internet-Device: Samsung Galaxy Cam

Ja, es funktioniert. Über WLAN etwas besser als mit HSPA+, zum Schluss etwas abgehackt. Aber eine Weile verstehe ich meine Gesprächspartner recht gut. Wir skypen – die andere Seite wie gewohnt über den Rechner – ich über eine Digitalkamera. Möglich ist das, weil Samsungs Galaxy Camera gleichzeitig fast ein Smartphone ist. Ein vollwertiges Android 4.1 ist darin, das sich – wie die ganze Kamera – über einen Touchscreen bedienen lässt. Ein Telefonmodul fehlt, aber mobile Chat-Clients wie Skype erlauben die Telefonie über das integrierte 3G/4G-Modul. Wem überraschte Blicke der Mitmenschen nichts ausmachen, der kann sich die Galaxy Camera wie ein Smartphone ans Ohr halten und damit telefonieren.

Bilder, aufgenommen mit der Samsung Galaxy Cam
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Seit Jahren wünsche ich mir eine Digitalkamera mit WLAN, um Bilder kabellos in soziale Netzwerke zu stellen, meinen Freunden zu mailen oder an meinen eigenen Rechner zu schicken. Warum soll es nur mit Smartphones möglich sein, direkt vom Konzert, dem Strand oder dem Hinterhof Bilder direkt online zu stellen, wo Digitalkameras doch viel bessere Fotos machen? Warum begreifen die Hersteller nicht endlich, dass so eine Funktion durchaus ein Kaufargument sein kann?

Sie kommmen, sie kommen

Nun, sie begreifen, so langsam. Nachdem sie jahrelang einen großen Bogen um das Thema gemacht haben, ging es in diesem Jahr endlich los: Kompaktkameras mit WLAN gibt es nun unter anderem von Canon (Ixus 240, Ixus 510), Nikon (Coolpix S51c, S800c), Panasonic (Lumix DMC-FX90) und Fujufilm (Finepix F800EXR). Sony hat zwei Systemkamera-Serien (NEX-5R, NEX 6) mit WLAN ausgestattet, Samsung hat fast alle weiteren Kameras aus der aktuellen Saison (zum Beispiel WB150F oder NX210) ebenfalls damit ausgerüstet. Es gibt sie also jetzt.

Bei den meisten Modellen klingt es allerdings noch nach Tests oder Alibi-Lösungen: Stimmt, das Netz ist ja jetzt mobil, da könnte der eine oder andere Fotograf die Bilder direkt in seine Dropbox, auf Picasa oder Facebook hochladen wollen. Bei keiner anderen aktuellen Kamera wurde wie bei der Galaxy Camera ein derartiger Fokus gelegt auf drahtlose Technologien, eine besondere Touchscreen-Steuerung und ein moderneres Android als in den meisten neuen Smartphones. Der Nutzer ist nicht auf vorgeschriebene Foto-Tools festgelegt, er kann sich die gewünschten Apps zur Bildbearbeitung oder zum Teilen selbst über Google Play herunterladen. Im Test machte die Galaxy Camera einen guten Eindruck, allerdings hakte es auch noch an vielen Stellen.

Positiv fiel mir auf:

+ Im Standby-Modus ist die Kamera in 1 Sekunde mit Automatikeinstellungen einsatzbereit. Etwa ebenso lange braucht dann allerdings noch einmal der Autofokus, um das erste Motiv scharf zu stellen.
+ Android 4.1 auf einer Kamera macht einfach Spaß: Freie App-Wahl, Landscape- oder Portrait-Modus, Google Now, Notifications, Kopfhöreranschluss, um die Kamera als MP3-Player oder für Musikstreaming zu verwenden. Wer will, hat hier bis auf das native Telefonmodul alles an Bord, was ein Smartphone kann.
+ Hohe Lichtstärke
+ Eine speziell für die Kamera konzipierte Touchscreen-Bedienung, die allerdings auch einige Nachteile mit sich bringt (s.u.)
+ Im ausgeschalteten Zustand der Kamera entleert sich der Akku ähnlich langsam wie bei jeder normalen Kamera.
+ Es gibt tolle Modi wie Serienbildaufnahme (4/sec), Best Face, Slow-Motion-Aufnahme bei Videos, Kunstfilter à la Instagram, Motive für Landschaft, Kerzenlicht, Sonnenuntergang,…
+ Sehr gut verarbeitetes Gehäuse
+ Automatischer Sync mit Clouddiensten wie Dropbox
+ Großer interner Speicher von 8 GB, der sich per Micro-SD-Karte um maximal 64 GB erweitern lässt

Nachteile:

- Längere Zeit nicht genutzt, schaltet sich die Kamera ganz ab und muss dann erst neu hochfahren. Das schont zwar den Akku, dauert aber auch etwa 20 Sekunden, was natürlich für viele Motive eine viel zu lange Einschaltdauer ist.
- Bei schlechteren Lichtverhältnissen “irrt” sich der Autofokus zu Weilen im Nahbereich. Auch bei guten Lichtverhältnissen ist seine Geschwindigkeit ein kleiner Schwachpunkt der ansonsten schnellen Kamera.
- Die meisten Kameras lassen viele Funktion über physische Direktwahltasten aufrufen, bei der Galaxy Cam ist man auf das Touchscreen-Konzept und zahlreiche Untermenüs angewiesen. Bei den kleinen Menübuttons vertippt man sich gelegentlich, die virtuellen Rädchen verdreht man zu oft. Insgesamt dauert es zu lange, um eine Einstellung zu verändern, was wertvolle Zeit kostet.
- Das Display entleert den Akku zusehends. Bei Fotoshootings sollte man also immer einen Ersatz dabei haben.
- Die Verbindung über WLAN präsentierte sich oft sehr langsam und verweigerte sich manchmal komplett, wenn man die Kamera längere Zeit ausgeschaltet hatte. War gleichzeitig eine Micro-SIM-Karte eingelegt, ging es mit der Geschwindigkeit erstaunlicherweise aufwärts.
- Kinderkrankheiten der Kamera sind unübersehbar. Hin und wieder stürzen Apps ab, lassen sich Funktionen nicht aufrufen, schaltet sich die Kamera unvermittelt aus.
- Genauer betrachtet, sind viele meiner Schnappschüsse selbst bei hellem Sonnenlicht nicht scharf geworden oder verwackelt. Der Großteil sieht gut aus, aber der Ausschuss ist erstaunlich hoch. Siehe Fotostrecke oben.

Beispielvideo aufgenommen mit der Galaxy Cam:

Größte Blende der Galaxy Cam ist f/2.8, optischer Zoom: 21x. Die Galaxy Camera ist sowohl als Zoomkamera als auch als Smartphone top ausgestattet. In der Praxis stieß ich auf viele Fehlerchen, die wohl der eigenen Oberfläche geschuldet sind, die zwar auffielen, aber nicht sonderlich störten. Mehr machte mir die umständliche Handhabung zu schaffen. In einem Fall wollte ich etwa schnellstmöglich per Serienbildmodus auslösen. Hierzu muss man bei geöffneter Kamera-Funktion erst Modus -> Intelligent aufrufen und dort in der ellenlagen Motivliste “Serienbild” auswählen. In der Eile vertippte ich mich da schon einmal bei den kleinen Menübuttons, die man genau treffen muss.

Ein anderes Mal wollte ich für ein Video rasch auf Slow Motion wechseln, tappte bei eingeschaltetem Kamera-Display aber intuitiv zunächst auf den Video-Button, der sofort eine Aufnahme startete. (Das ist einerseits schön, andererseits wäre mir ein physischer Videoknopf an der Gehäuse-Oberseite noch lieber.) Die Einstellung verbirgt sich statt dessen unter Einstellungen -> Filmgröße, die man über einen Menüpfeil am oberen Displayrand aufrufen muss. Als Graus empfand ich es, in den Einstellungsrädchen im Expertenmodus den jeweils richtigen Knopf zu treffen. Oft tappte ich versehentlich auf den falschen Modus, konnte die Auswahl aber nicht direkt korrigieren, weil das Menü sich sofort wieder schloss.

Das Geld wert oder zu teuer?

Und dann wäre da noch der Preis. Ende November auf den Markt gekommen, kostet die Galaxy Camera in den meisten Online-Shops derzeit etwa 600 Euro. Das ist durchaus gerecht, misst man es daran, dass sie praktisch Kompaktkamera und mobiles Internetgerät mit Quadcore-Prozessor gleichzeitig ist. Für den einen dürfte es mehr als das sein: ein sympathischer Begleiter, der einem immer auf dem Laufenden hält und dabei noch bessere Fotos knipst als Smartphone-Kameras. Für die anderen dürfte es weder Fisch noch Fleisch sein: Kein vollwertiges Smartphone (und wenn es eins wäre, sähe es wohl lächerlich aus, es sich ans Ohr zu halten) und trotz der vielen Funktionen zu teuer für eine Knipse mit diesen Eigenschaften.

Würde ich es mir kaufen? Nein, denn für das Geld bekäme ich schon eine gute Systemkamera. Die Sony NEX 5R etwa kostet 50 Euro mehr und hat ebenfalls WLAN an Bord. Kein Android, okay, aber Sonys gängiges Bedienkonzept fand ich bisher durchdacht und leicht zu verstehen. Als Alternative bietet sich noch die etwas schwächer ausgestattete Nikon Coolpix S800c an, die ebenfalls über Android (2.3 statt 4.1) und WLAN, aber nicht 3G/4G-Modul verfügt. Sie ist mit aktuell etwa 350 Euro preisgünstiger.

Fazit

Auch wenn ich nur bedingt zum Kauf raten kann, danke ich Samsung für den Mut, das einmal so ausprobiert zu haben. Ein App-fähiges System, WLAN, 3G, GPS gehören in meinen Augen in jede Digitalkamera, auch in den höheren Preisklassen. Samsung hat hier den Anfang gemacht, gezeigt, dass es möglich ist, und damit hoffentlich einen Stein ins Rollen gebracht. Für die Hersteller der Kompakten ist das außerdem die letzte Chance, diese Geräteklasse noch zu retten. Smartphones fressen sie auf, eben weil man mit ihnen seine Bilder von jedem Ort zu jeder Zeit verschicken kann.

Disclaimer/Transparenz: Um die Galaxy Camera zu testen, wurde ich von Samsung zu einem Event-Foto-Shooting in die Nähe von Köln eingeladen. Ein Testgerät wurde mir für den Tag und anschließende redaktionelle Tests auf Leihbasis zur Verfügung gestellt.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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4 Kommentare

  1. Super Artikel! Sehr gut beschrieben und alles ist dabei, was ich wissen wollte. 20 Sekunden beispielsweise zum Hochfahren sind schon eine Menge aber ich denke, damit könnte ich leben.

    Ich kann es kaum erwarten sie mal in eigenen Händen zu halten :)

  2. Macht keine besseren Fotos als eine 250,- Euro Kompaktkamera. außerdem kann man nicht damit telefonieren und muss so zwei Geräte mittragen. Android und ein großes display für diesen preis ist eine Zumutung und absolut nicht gerechtfertigt.

  3. Wenn ich Dein Review und die von anderen so lese, merke ich, dass es schwer fällt, die Kamera zu positionieren bzw. einzuordnen: sie ist mehr als eine normale Kompakte, weniger als eine DSLR und Telefonieren kann sie auch nicht. Darum scheint sie bei Vergleichen immer den kürzeren zu ziehen. Das finde ich jedoch ihr gegenüber nicht ganz fair. Ich war auch einem Samsung Medienevent und habe die Kamera einen Tag lang genutzt: Es macht viel Spass mit ihr und man sollte sie lieber als Vertreter einer neuen Gerätekategorie verstehen, als krampfhaft versuchen, sie ins bestehende Schema zu pressen. Und nur weil einfache DSLR unterdessen kaum teurer sind als die Galaxy Cam, heisst es noch lange nicht, dass eine DSLR für jeden das Passende ist. Meine eigenen Testbilder findet Ihr übrigens hier: http://hitzestau.com/2012…msung-galaxy-camera/

  4. Nach dem was ich gelesen habe, steckt als Kamera eine Samsung WB850F drin. Die Bildqualität wäre dann so lala.

    Aber gut, dass der Schritt in Richung Handy mit “richtiger” Kamera gemacht wurde.

4 Pingbacks

  1. [...] mit drin. Die Polaroid iM1836 wäre damit die erste spiegellose Systemkamera mit Android, nachdem Samsungs Galaxy Camera und die Nikon Coolpix S800c Android nur in einer Kompaktkamera eingebaut haben. Auch Polaroid [...]

  2. [...] unterm Strich…obwohl man via Skype auch telefonieren könnte (Jürgen von neuerdings hat das ausprobiert). Vorneweg gleich das, was mich ein Stück weit begeistert hat. Der enorme Zoom ermöglicht auch [...]

  3. [...] Bevor wir nochmals unsere Eindrücke und Überlegungen zusammenfassen, möchten wir uns zuerst Jürgen Vielmeier von neuerdings.com anschliessen und Samsung für das mutige Experiment mit der Galaxy Camera [...]

  4. Anonymous sagt:

    […] oder auf private Homepages/NAS) Einen automatischen Upload ins Internet gibt es schon, z.B.: Samsungs Galaxy Camera: Die Kombination aus Kompaktkamera und Smartphone im Praxistest Eine Kombination aus beidem aber vermutlich […]

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