Smartphones schlagen Feature Phones:
Das Handy stirbt aus und warum das zumindest ein bisschen schade ist

Es ist ein erfreulicher Trend: Das Web wird endlich mobil, wir können unterwegs mehr als nur stumpf telefonieren oder überteuerte Kurznachrichten verschicken. Das ganze Web liegt uns zu Füßen. In Deutschland werden in diesem Jahr bereits mehr als doppelt so viele Smartphones wie einfache Mobiltelefone verkauft. Dem Dumb Phone geht es an den Kragen. Die Entwicklung war überfällig, und doch bleibt etwas Wehmut.

Einfache Handys sterben aus. Bild: o2

Einfache Handys sterben aus. Bild: o2

Mit Riesenschritten geht es zu Ende, selbst in Deutschland, wo Trendwenden manchmal etwas länger auf sich warten lassen. Nach neuen Zahlen des Consumer Electronics Markt Index (CEMIX) verkauften die Hersteller in Deutschland in den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres nur noch 5,3 Millionen einfache Mobiltelefone und 12,6 Millionen Smartphones. Laut Comscore nutzen jetzt 27 Millionen Deutsche ein Smartphone – das wäre jeder dritte Bundesbürger. Im nun laufenden Weihnachtsquartal dürften es weitere 5 Millionen mehr werden. Trend angekommen.

Weitere interessante Zahlen gibt es aus den USA zu berichten: Dort gingen die Umsätze der Mobilfunkprovider aus dem Geschäftsfeld Textnachrichten erstmals zurück. In Finnland und auf den Philippinen war das wohl schon länger so. Natürlich kommunizieren die Menschen nicht weniger; das Gegenteil ist der Fall. Aber sie zahlen weniger für SMS, nutzen immer mehr alternative Chat-Clients wie WhatsApp, Kik, iMessage oder den Facebook Messenger. Die SMS, die mindestens zweitwichtigste Funktion auf einem Dumb Phone, wird nicht mehr zwingend benötigt.

Smartphone für viele die erste Anlaufstelle

Und noch eine Studie haben wir, deren Ergebnisse euch nicht überraschen werden: Laut Pew Internet nutzen die Menschen in den USA immer mehr Services auf dem Smartphone, die sie sich vor ein paar Jahren noch nicht getraut hätten: E-Mail natürlich (56 Prozent), aber auch Mobile Banking (29 Prozent). 82 Prozent nehmen mit dem Smartphone Fotos auf, 44 Prozent Videos.

Für einige Menschen ist das Smartphone noch vor der Kamera oder dem PC bereits die erste Anlaufstelle geworden, wenn es um einige der Funktionen geht. Auch das Thema Mobile Wallet (digitale Brieftasche) kommt langsam ins Rollen. Die Sparkassen wagen sich an das Thema NFC, der digitale Kassenzettel-Archivar Reposito will seine Services erweitern und unter anderem Couponing via Apples Passbook erlauben. Und selbst unser aller Staat macht mobil und stellte Anfang des Monats den Prototypen einer mobilen Elster-App vor, mit der man unter anderem Kassenzettel für die Steuerklärung mobil abfotografieren kann.

Mehr Smart Communicator als Smart Phone

Interessant auch, wie Jörg Ruwe aktuelle Zahlen vom Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) interpretiert, die die PEW-Zahlen unterstreichen. Die meisten Smartphone-Nutzer (83 Prozent) gaben an, ihren mobilen Begleiter zum Fotografieren zu benutzen. Das Ding müsste also eigentlich Smart Camera statt Smartphone heißen. Man könnte es auch Smart Communicater nennen. Telefonieren zumindest ist nur noch eine Funktion von vielen.

Statista über den Markt für Mobiltelefone in Deutschland

Statista über den Markt für Mobiltelefone in Deutschland

Die Freiheit zu telefonieren und mit anderen mobil per Textnachricht (SMS) zu kommunizieren, wurde um die Jahrtausendwende endlich für Jedermann erschwinglich. Und vielen reichen diese beiden Funktionen bis heute. Einfache Dumb Phones besitzen zumindest einen unschlagbaren Vorteil: Ihr Akku hält für gewöhnlich länger als einen Tag durch, meist sogar mehrere Tage am Stück. Ich habe noch kein Smartphone in der Hand gehalten, von dem man das gleiche behaupten könnte. Das Motorola RAZR i, das ich gerade im Test habe, schafft mit einer Akkuladung bei recht reger Nutzung einen vollen Arbeitstag. Und das ist schon viel. Dem Hersteller gelingt das nur mit einem 2.530-mAh-Akku, was den gegenwärtigen Durchschnitt um gut ein Viertel schlägt. Die Stromversorgung bleibt ein Problem, das sich beim Trend zu noch größeren Displays mit Full-HD-Auflösung eher noch verschärft.

Nicht jeder braucht ein Smartphone, aber fast jeder ein Handy

Zumindest in der Hinsicht darf man dem Dumb Phone getrost eine Träne nachweinen. Auch die Fans von Klapp- oder Slider-Handys oder ganz einfach Freunde physischer Tastaturen dürften bei den Touchscreen-Phones etwas vermissen. Nicht vergessen sollte man auch, dass gerade das Akku-Problem Menschen in Entwicklungsländern vor Probleme stellt. Dort fehlen oft auch leistungsfähige 3G-Netze, WLAN, ein Festnetz-Internet, um Apps zu installieren, oder ganz einfach das Kapital für teure Geräte. Die Menschen dort werden auf mittlere Sicht nicht ohne Feature Phones und einfache mobile Services dafür auskommen.

Auch in Deutschland gibt es noch viele Menschen, denen ein mobiler Datenvertrag zu teuer ist, oder denen es genügt, für Telefonate, Kurznachrichten oder einfach im Notfall erreichbar zu sein. Weniger als 2 Millionen einfache Mobiltelefone wurden laut CEMIX im 3. Quartal hierzulande noch verkauft. Vor zwei Jahren waren es noch mehr als doppelt so viel. Die Auswahl an einfachen Mobiltelefonen dürfte in absehbarer Zeit rapide zurückgehen. Smartphone-Liebhaber dürfen sich dafür über noch mehr Auswahl freuen – und müssen weiterhin auf eine Lösung des Akku-Problems hoffen.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist freier Technikjournalist, Innovationsberater und Skeptiker.

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4 Kommentare

  1. der trend zu smartphones ist auch deswegen da weil die ganze neue und gute technik z.b bei fotokameras nicht mehr in feature phones eingebaut wird. die kriegen einen bescheidenen sensor mit 3,2MP und das wars. andere studien und umfragen zeigen das die leute durchaus zu normalen feature phones greifen würden sogar nach einem smartphone aber des nicht machen weil denen da sachen fehlen.

  2. Welches Akkuproblem? Wenn das Telefon nicht den ganzen Tag online ist, um ständig Mails, Twitter, Facebook und noch mehr Blödsinn abzurufen und im Büro nach GPS sucht, dann hält es auch.

    Nachts schlafe ich sowieso, tagsüber habe ich meist Email auf dem Rechner, und Twitter nutze ich eh nicht. Mein Galaxy S hält meistens drei Tage pro Akkuladung (und vier gingen manchmal zur Not auch noch).

    • Genau das ist doch aber der Gedanke dahinter, wenn man sich ein Smartphone zulegt. Ich will den ganzen Tag damit online sein, über neue Mails, Tweets, Facebook-Nachrichten, WhatsApp sofort informiert werden, das Ding auch in die Hand nehmen und benutzen. Sonst kann ich ja auch genauso gut ein Feature Phone nehmen.

      Ein realistisches Smartphone-Szenario ist für mich zum Beispiel, mit dem Zug in eine fremde Stadt zu fahren, auf dem Weg dorthin das neueste vom Tage zu lesen und mir Verbindungen unterwegs heraussuchen. Vor Ort informiere ich mich mobil online ein wenig über die Stadt, checke alle 1-2 Stunden mal meine neuesten Nachrichten und suche mir bei Qype vielleicht noch ein nettes Café, bevor ich am späten Nachmittag wieder fahre und auf der Rückfahrt dort ein bisschen was im Web lese. Ich will die vielen Möglichkeiten des Dings halt mobil unterwegs nutzen und, wie gesagt, da stößt jedes heutige Smartphone bislang an seine Grenzen.

    • Ich fühle mich jetzt nicht eingeschränkt und nutze das Gerät ausdrücklich als Smartphone. Ich surfe damit, nutze es als Stadtplan und manchmal GPS, als Kalender, Musikplayer usw.

      Ich bin nur meist offline, weil ich alles auch am Arbeitsplatz habe und nachts schlafe. On/Offline schalten geht sowieso in einer Sekunde, ist also wirklich kein Problem selbst fürs schnelle Nachgucken. Wenn ich mal reise, ist der Akku auch schonmal 70% leerer abends, aber das ist ja ok. Auch da gilt: wenn ich irgendwo im Meeting oder am Arbeiten bin, muss ich nicht ständig Mails abrufen und spare Akku.

      Klar, wer wirklich immer online sein möchte, und zwar mit dem Fon und nicht dem PC o.ä., muss das akkufressende Gefunke irgendwie aushalten :-)

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