neuerdings.com Leitfaden (1/2):
Wie finde ich das passende Smartphone?

Weg mit dem Handy: Die Menschen wollen Smartphones. Aber welches soll es sein? Ein gutes Dutzend Anbieter bringt gefühlt monatlich neue Modelle heraus. Wir zeigen euch, wie ihr die Auswahl auf wenige Exemplare herunterbrecht – und dann aus dem Bauch heraus entscheiden könnt.

Das Feature Phone war gestern, immer mehr Menschen greifen zum Smartphone. Bild: Vodafone

Regel #1: Entspannt euch!

Mit Smartphones ist es heute wie mit PCs vor zehn Jahren: kaum gekauft, schon veraltet. Die Geschwindigkeit, mit der die Hersteller neue Modelle lancieren und sich mit besseren Eigenschaften gegenseitig übertrumpfen, ist atemberaubend, stets das Neueste zu haben nur noch mit einem großen Geldbeutel möglich. Das Ganze hat allerdings auch etwas Gutes: Es ist schwerer geworden, sich versehentlich echten Schund zu kaufen. Beachtet man ein paar Grundregeln, kann so viel gar nicht schief gehen. Nehmt euch ein wenig Zeit, um euch mit Smartphones zu befassen – steigt aber auch nicht zu tief in die Materie ein. Denn schnell werdet ihr merken, dass es das perfekte Smartphone nicht gibt.

Aktuelle Smartphones 2012
SonyXperiaJSamsungGalaxyS3RAZRmaxxNokiaLumia920
iPhone5Endgeraet htc one x, Mobilfunk Deutsche Telekom AGHTC8SDominoGalaxyNexus
SmartphoneUse_Vodafone

Regel #2: Wählt ein Ökosystem

Diese Regel ist mit die wichtigste. Ihr werdet möglicherweise Jahre mit einem System zubringen. Ihr werdet weiteres Geld dafür ausgeben, um Apps, Musik, Filme oder E-Books zu laden. Und ihr werdet Updates haben wollen. Kaum etwas trübt die Freude so sehr wie eine Oberfläche, mit der ihr nicht arbeiten mögt oder bei der ihr lange auf die neuesten Apps warten müsst, von denen ihr überall lest.

Derzeit können wir bedenkenlos Marktführer Android (mindestens Version 4.0), iOS (iPhone) und Windows Phone 8 empfehlen. Blackberry 7, Windows Phone 7, Symbian und Bada sind Auslaufmodelle. RIMs Hoffnung Blackberry 10 wird erst im Frühjahr kommen. Alles andere von Tizen über Open WebOS und Firefox OS bis hin zu Meego ist derzeit zu experimentell, ihre Zukunft ungewiss, die Wahrscheinlichkeit, moderne Apps in Hülle und Fülle zu bekommen, sehr unwahrscheinlich. Das kann sich in Zukunft ändern, derzeit würde man sich aber mit etwas anderem als den großen drei Systemen zum Versuchskaninchen machen.

Regel #3: Verschafft euch Übersicht

Sorry, nein. Wir werden hier nicht mit dem Finger auf ein oder mehrere Smartphones zeigen. Dafür ist die Auswahl zu groß und die Bedürfnisse sind einfach zu unterschiedlich. Allerdings spricht auch nichts dagegen, sich die Suche etwas einfacher zu machen. Was die derzeitigen Flaggschiffe sind und was sonst noch so im Angebot ist, teilen euch die wichtigsten Hersteller (Samsung, Apple, Nokia, HTC, LG, Motorola, RIM/Blackberry, Sony) auf ihren Webseiten gerne anhand großformatiger Fotos mit.

Um Smartphones anhand der technischen Daten zu vergleichen, kenne ich kein besseres Angebot als den Handyfinder der Kollegen von AreaMobile. Bei der Auswahl sollte man es allerdings nicht belassen. Zum einen variieren die angegebenen Preise stark, weswegen man sie bei Onlineshops wie Amazon oder Cyberport aktuell vergleichen sollte. Zum anderen sind die technischen Daten zwar ein wichtiges, aber nicht das alleinige Kriterium. Ein Akku mit 2.000 mAh kann beispielsweise weniger lang durchhalten als die 1.650-mAh-Variante eines anderen Modells, wenn Display, WLAN oder GPS viel Energie verbrauchen. Außerdem sind Erfahrungsberichte und eigene Erfahrung durch nichts zu ersetzen.

Regel #4: Das Auge hat den größten Hunger

Form, Größe, Verarbeitung, Gewicht: Liegt das Phone gut in der Hand und macht es Spaß, damit zu arbeiten? Das ist eine Frage, die euch ein Hochglanzmagazin oder Online-Angebot nicht beantworten kann. Sobald ihr also die Auswahl eingeschränkt habt, sucht nach Modellen, die euch gefallen, geht in den Elektronikmarkt eures Vertrauens und macht ein erstes Hands-on. Meist zeigt sich dann gleich, ob einem das Gerät “sympathisch” ist oder nicht.

Regel #5: Schaut aufs Datum

Sie heißen “Desire”, “Optimus”, “Xperia” oder “Galaxy”, gefolgt von einem Wust an Zahlen, Buchstaben und Farbtypen. Wer hier die Übersicht behalten will, der muss Hersteller oder Profi sein. Für den Laien empfiehlt sich eine Faustregel: Nicht zu billig, nicht zu alt. Einige Online-Versandhändler wie Amazon zeigen an, ab wann sich der Artikel im Katalog befindet. Ist das Modell vielleicht schon zwei Jahre alt? Dann lieber die Finger davon lassen. Kostet das Ding nach etlichen Preisrunden nur noch um die 100 Euro? Dann ist fast sicher davon auszugehen, dass beim Speicher, der Verarbeitung oder sonst einem Detail gespart wurde. Nicht immer, aber meistens.

Regel #6: Achtet auf das Mindestmaß

Ja, schon irgendwo klasse, dass sich die Hersteller derzeit mit Funktionen und mehr von allem überbieten. Trotzdem sind einige grundlegende Probleme wie die Akkulaufzeit derzeit noch von keinem Anbieter gelöst. Aktuelle Smartphones halten bei mittlerer Nutzung meist einen Arbeitstag durch, mehr nicht. Wichtiger für Einsteiger ist unser Meinung nach deswegen, dass Mindeststandards eingehalten werden. Zum Glück gibt es eigentlich nur wenige Bereiche, auf die man ein geschultes Auge werfen muss:

  • Einen Dual-Core-Prozessor mit 1,0 GHz sollte ein Phone heute mindestens haben (die Luxusklasse ist bei 1,5 GHz und mehr angekommen). 512 MByte RAM sollten ebenfalls das Minimum sein (viele Phones haben bereits 1 bis 2 GByte), damit aktuelle Apps flüssig und ohne Absturzgefahr benutzt werden können.
  • Lasst euch keine Display-Auflösung unterhalb 800×480 Pixeln andrehen. Bei der Hauptkamera sollten es mindestens 5 Megapixel und 720p für Video-Aufzeichnung sein. Wichtiger ist eine lichtstarke Kamera. f/3.2 und darunter (weniger ist mehr) sind da ein guter Indikator.
  • Beim internen Speicher sollte man im Hinterkopf behalten, dass moderne Betriebssysteme meist bereits einige GByte verschlingen. 8 freie GByte sollten es schon sein. Wir raten also zu mindestens 16 GByte Speicher oder der Möglichkeit, den Speicher über eine Micro-SD-Karte aufzurüsten, was allerdings längst nicht jedes Modell bietet.
  • Der Akku wäre noch wichtig: Viele mAh bietet nur einen Richtwert, das Gesamtkonzept aus Prozessor, drahtloser Verbindung und Display ergibt die Wahrheit über eine Akkuladung. Wenn der Akku eures gewünschten Modells 2.000 mAh und mehr hat, klingt das aber schon mal gar nicht so schlecht. Geht nicht all zu weit darunter.

Und sonst? Gewicht, Tiefe: findet ihr über ein Hands-on (Regel #4) am besten heraus. Pixeldichte, Full-HD-Display, Lichtstärke des Displays? In unseren Augen vernachlässigbar, es sei denn, es ist euer wichtigstes Kriterium. Daran schließt sich die folgende Regel an:

Regel #7: Akzeptiert Schwächen

Das neue Google Nexus ist ein solcher Fall. In ersten Tests für die inneren Werte eigentlich gelobt, gab es auch leise Kritik: kein LTE, eine Kamera, die einige Funktionen weniger bietet als die Konkurrenz, und ein Akku, der trotz starker Kapazität in der Praxis nicht ganz so lange durchhalten soll wie vergleichbare Modelle. Wenn LTE euch ohnehin noch zu teuer ist, es euch reicht, hin und wieder mal etwas mit dem Smartphone zu knipsen und ihr auch mit einem Akku leben könnt, der nicht Spitzenklasse ist, aber im oberen Mittelfeld mitschwimmt, dann spräche nichts gegen einen Kauf. Pragmatischer ausgedrückt: Wählt ein Gerät mit den Schwächen, die euch am wenigsten stören. Ganz ohne Schwächen ist keins.

In einigen Fällen kann ein einzelnes Kriterium zum Ausschluss führen. Im Nokia Lumia 610 etwa ist der Arbeitsspeicher so knapp bemessen, dass einige Apps aus dem Marketplace von Haus aus nicht geladen werden können. Sony hat es sich derweil aus einem unerfindlichen Grund zur Aufgabe gemacht, in seine Xperia-Geräte leistungsschwache Akkus einzubauen.

Das Ganze funktioniert natürlich auch anders herum: Wenn euch etwa eine monströse Kamera besonders wichtig ist, dann kommt vielleicht das mit der PureView-Technik ausgestattete Nokia 808 für euch in Frage – auch wenn dieses noch mit Symbian als Betriebssystem arbeitet, während Nokia sonst voll auf Windows Phone setzt.

Regel #8: Fragt einen Profi, aber tut nicht, was er sagt

Ihr werdet auch in eurem Bekanntenkreis jemanden haben, der über Smartphones Bescheid weiß. Konfrontiert diesen mit eurer Vorauswahl. Er wird euch einiges zu den Vor- und Nachteilen der Topmodelle erzählen können, einschätzen, was von eurer Auswahl zu halten ist, auf die Fehler der einen schimpfen und die Stärken der anderen loben. Hört aufmerksam zu – und dann relativiert seine Aussage. Der “Experte” wird niemals eine objektive Meinung vertreten können, aber er wird euch Kriterien nennen, die für eure Auswahl von Bedeutung sein können. Bezieht diese in euren Vergleich mit ein – und dann entscheidet nach eurem Gutdünken, nicht nach seinem.

Regel #9: Lest Amazon-Rezensionen mit 2, 3 und 4 Sternen

Es ist davon auszugehen, dass einige Amazon-Rezensionen sowohl von Herstellern als auch der Konkurrenz lanciert werden. Je mehr Rezensionen, desto aussagekräftiger aber meist die Bewertung. Als am interessantesten haben sich Rezensionen mit 2, 3 oder 4 Sternen herausgestellt, weil solche Kunden oft eine differenzierte Meinung abgeben. Mehr noch: Einige Rezensenten posten Langzeit-Tests, die man so in den meisten Technikmagazinen nicht findet, und die die Stärken und Schwächen oft gut auf den Punkt bringen. Lest diese kritisch und zieht die dort benannten Vor- und Nachteile in eure Auswahl mit ein.

Regel #10: Hört auf das Bauchgefühl

Es ist immer gut, sich vor dem Kauf einzulesen und etwas über die Produktkategorie in Erfahrung zu bringen, bevor man hunderte Euro investiert. Das gilt bei der Anschaffung eines Autos genauso wie vor dem Kauf eines Kühlschranks oder eben eines Smartphones. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich die Leute aber doch am Ende ganz anders entschieden haben, nachdem ich ihnen etwas empfohlen und ihnen erklärt habe, worauf sie achten sollten.

Und das ist gut so. Denn derjenige hat sich damit befasst, die Auswahl bereits eingegrenzt, sorgsam abgewägt und dann selbst entschieden. Das Bauchgefühl ist das Ergebnis vieler harter und weicher Faktoren – und darf deswegen bedenkenlos das Zünglein an der Waage sein. Lest euch ein, scannt die Details, begrenzt die Auswahl auf wenige Geräte und dann hört auf den Bauch.

Regel #11: Schlagt zu!

Wenn ihr eure Auswahl getroffen, ihr etwas gefunden habt, was euch gefällt, dann legt los und kauft das Ding. Und macht euch darauf gefasst, dass ihr schon wenige Wochen später ein Modell finden werdet, das euch besser gefällt. Schlimmer noch: Im Freundeskreis werdet ihr belächelt werden, man wird eure Wahl kritisieren, egal, was es geworden ist. Solche Diskussionen führt heute jeder Stammtisch. Macht aber nichts: Am Ende der Reise habt ihr genug Wissen, um kräftig dagegen zu halten.

Regel #12: Moment mal! Ihr habt noch gar nichts zu Lächelauslösern, Weitwinkeln oder Klangqualität gesagt

Das stimmt, und ja, sicher, all diese Details sind nicht zu verachten. Immer mehr Smartphones bieten lichtstarke Kameras an oder solche, die während der Videoaufzeichnung auch noch Fotos machen können. Wenn das wirklich für euch entscheidend ist, dann beherzigt Regeln #6 und #7. Ansonsten ist das in unseren Augen nur dann ein Kaufargument, wenn sich solche schönen “Spielereien” mehren. Aber nur weil ein Gerät einen Quadcore-Prozessor mit 1,7 GHz hat, heißt das noch lange nicht, dass man damit schneller ans Ziel kommt als mit einem schwächeren Modell. Benchmarks sollen helfen, variieren aber stark und sagen wenig über die Benutzerfreundlichkeit aus. Auch eine vergleichbar geringe Display-Auflösung von 800×480 Pixeln kann Spaß machen, eine 5-Megapixel-Kamera bessere Fotos schießen als die 13-MP-Kamera eines anderen Modells. Wenn euch ein Detail wirklich am Herzen liegt, dann nehmt dies in eure Entscheidung mit auf. Dass alle Details vom Feinsten sind, wird euch aber bei keinem Gerät passieren.

Mehr Details bitte!

Dies ist ein Leitfaden, der euch Tipps geben will, wie ihr ein Smartphone kauft. Es wurde dabei noch mit keiner Silbe erwähnt, welches ihr euch kaufen solltet – das erfahrt ihr morgen im zweiten Teil: 26 Smartphones von Luxus bis Einsteiger.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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4 Kommentare

  1. Tolle, wirklich eine tolle Übersicht. Für Menschen, die weniger Affinität zeigen, wie es andere tun, ein perfektes Fressen. Großes Lob!

  2. Finde den Artikel “im Prinzip” auch gut. Jedoch wendet er sich ja deutlich an “Smartphone-Anfänger”. Welchen Grund gibt es, dass ein Anfänger kein veraltetes HTC Desire kaufen sollte?
    Ich habe es seit einem halben Jahr und bis auf den zu kleinen internen Speicher ist es das perfekte Einsteigerhandy. (Mittlerweile betreibe ich es mit Cyanogenmod und App2SD+).

    Warum muss es Android4.0 sein?

  3. Es ist ein sehr schade, dass in dem Artikel die Alternativ-Systeme wie Tizen, WebOS, Firefox OS und Meego direkt mit einem so schwachen Argument schlecht gemacht werden. Nicht jeder braucht hunderttausende Apps die oft nicht nur nahezu sinnfrei sind sondern oft auch ungebremst private Daten an unbekannte Stellen verschicken…

    Insbesondere Kunden die Wert auf ihre Privatsphäre legen, sind bei den “drei Großen” (iOS, Android und Windows) definitiv an der falschen Adresse!!!

    Nicht jeder Kunde brauch eine App für jeden Quatsch! Ich selbst habe ein Nokia N9 mit Meego und ich habe alles was ich brauche. Insbesondere die offline Kartenapp von Nokia ist erwähnenswert und das ganz ohne Microsoft, zB ebenfalls vorhanden ist die Möglichkeit den Kalender zu synchronisieren mit dem offenen CalDAV Standart, alle gängigen Messenger (ICQ, Skype, usw) ja selbst das inzwischen nicht mehr zu empfehlende WhatsApp gibt es auf bzw für das N9. Abgesehen davon gibt noch es eine Vielzahl weiterer Apps für die vielen Dinge des Alltags.

    Wer also ein offenes System will, wert auf seine Privatsphäre legt, sich nicht in die Fänge einer der großen Firmen geben will, und darauf verzichten kann für jeden Unsinn eine App zu haben, der ist mit Meego bestens bedient.

    • @Patric: Das ist ja auch mein Argument pro-Bada immer gewesen. Und he, mein Samsung Wave 3 ist um einiges besser als ein gleich altes Samsung Galaxy S2. Ich habe das auch mal verbloggt:

      Wave 3 mit Bada 2.0 – http://henning-uhle.eu/mo…ng-wave-3-smartphone

      Galaxy S2 mit Android 4.0 – http://henning-uhle.eu/mo…galaxy-s2-smartphone

      Ich kann die ganze Android-Euphorie nicht verstehen. Und es gibt nicht wenige, die behaupten würden, dass Google diese Euphorie zu einem Knebel verwenden könnte. Daher ist es gut und richtig, dass Bada in Tizen aufgeht und so weiterlebt. Und was man so über Tizen liest und sieht, sagt nichts schlechtes aus.

2 Pingbacks

  1. [...] eigentlich, um das alte Handy gegen ein Smartphone einzutauschen. Aber welches soll es sein? Im ersten Teil unseres Leitfadens haben wir euch Tipps gegeben, wie ihr das Smartphone eurer Wahl findet. Hier nun eine Übersicht [...]

  2. [...] wie Blackberry, Sailfish (Jolla) und Windows 8. Da kommen die beiden Artikel bei neuerdings.com – Wie finde ich das passende Smartphone? und 26 Smartphones von Luxus bis Einsteiger – gerade richtig. Gefunden habe ich den Artikel über [...]

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