Nokia Lumia 900 im Test:
Schöner, größer, besser

Ein Windows Phone mit allem was das Herz begehrt: Das Lumia 900 behält das beliebte Design bei, verbessert Details und liefert damit ein Erlebnis, das die Schlichtheit von WP7.5 unterstreicht.

Nokia Lumia 900 - (Bild: kaz)

Nokia Lumia 900 - (Bild: kaz)

Nokia konzentriert sich auf Windows Phone 7 und das sieht vielversprechend aus. Der Marktanteil explodiert zwar nicht, wächst jedoch kontinuierlich weiter und selbst die großen Marktanalysten IDC und Gartner sehen Windows Phone sogar iOS einholen – wenn auch erst 2015. Bei all der Hellseherei sollten wir uns auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Bis zum Jahr 2015 vertröstet uns das Nokia Lumia 900, welches mehr als nur der Nachfolger des Lumia 800 ist.

Nachfolge

Wer das 800er kennt, wird sich hier sofort zurechtfinden, denn im Prinzip handelt es sich um eine vergrößerte Ausgabe des kleinen Vorgängers. Doch bei genauerem Vergleich erkennen wir sofort große Unterschiede, die Verbesserungen darstellen und keinesfalls “nur so” verändert wurden. Für einen generellen Überblick sei deshalb auf den vorhergehenden Test des Lumia 800 verwiesen, hier sollen insbesondere die Veränderungen aufgeführt werden.

Nokia Lumia 900 im Test
Nokia Lumia 900 - (Bild: kaz)Lumia 900Nokia Lumia 900 - (Bild: kaz)Nokia Lumia 900 - Links HTC One S, rechts Lumia 900 (Bild: kaz)
Nokia Lumia 900 - Links Lumia 800, rechts Lumia 900 (Bild: kaz)

Im Einzelnen geht es um die folgenden Punkte:

  • die Verbesserungen am Gehäusedesign
  • der verbesserter Bildschirm
  • die erhöhte Kameraqualität
  • die hinzugekommene Frontkamera
  • die empfindlichere Antenne
  • die Akkukapazität

Gehäuse

Nokia Lumia 900 - (Bild: kaz)

Nokia Lumia 900 - (Bild: kaz)

Das Gehäusedesign orientiert sich zwar am Lumia 800, doch letztlich wurde es in fast jeder Hinsicht verbessert. Die Textur hat sich von samtartig in grob-lederartig verändert. Kratzer werden jetzt noch besser verziehen und fallen überhaupt nicht mehr auf – eine Silikonhülle fehlt denn auch im Lieferumfang. Weiterhin bleibt die Metallverzierung auf der Rückseite anfällig für Kratzer und zeigt bereits nach kurzem Einsatz deutliche Spuren. Die scharfen Kanten der silbernen Knöpfe auf der rechten Seite wurden entgratet und liegen etwas tiefer im Gehäuse. Den auffälligsten Unterschied macht jedoch das Display, welches nicht mehr zu den Seiten hin ausläuft, sondern stattdessen eingesetzt und von einem Gummirahmen eingefasst wird. Das plane Corning Gorilla Glas minimiert die vorher störenden Spiegelungen durch die rundere Displayform, gibt jedoch gleichzeitig eine spürbare, erhöhte Kante preis. In meinen Augen ist das nicht optimal gelöst. Hier hätte Nokia bei der HTC One-Serie kopieren sollen und statt Gummieinfassung eine abfallende Plastikkante verbauen müssen.

Display

AMOLEDs mit hoher Auflösung bestehen aus dem PenTile-Matrix-Aufbau. Für den Endkunden heißt das: sichtbare Punkte im Display. Das war beim hochgelobten HTC One S der Fall, das ist beim Motorola Razr so und auch das Samsung Galaxy SIII ist nicht davor gefeit – in unterschiedlichem Maß. Auch dem Lumia 800 hing diese Eigenschaft an, aber das 900 kennt das hingegen nicht. Wie auch bei den Vorgängern N8 und E7 bietet das Nokia Lumia 900 ein RGB-AMOLED-Display. Das sieht schärfer, klarer, heller aus und gefällt sofort. Durch die Größe von 4,3 Zoll statt bisher 3,7 wird auch die Tasteneingabe einfacher und durch das intelligente WP7-Design muss der Daumen sich nur selten verrenken. Die Auflösung bleibt dabei gleich, weshalb ein ganz leichter kantiger Verlauf um die Buchstaben sichtbar wird.

Kamera

Die Kamera im Lumia 800 zeichnet sich zwar mit einem Carl-Zeiss-Objektiv aus, doch insgesamt liegt ein leichter Schleier über den Bildern, es rauscht und die Bilder werden meist dunkel und blaustichig. Am Ende musste immer die automatisch Korrektur helfen, um den Bildern die richtige Qualität zu geben. Im Lumia 900 hat Nokia das nun verbessert. Kameraoptik und -sensor wurden übernommen, das zumindest suggeriert die gleiche Bildqualität. Doch der Weißabgleich stimmt nahezu (leichter Blaustich) und die Helligkeit der Bilder wurde erhöht. Absolut gesehen stört das Rauschen weiterhin. Verglichen mit der Konkurrenz im Preissegment jenseits von 450 Euro schlägt sich die Kamera jedoch sehr gut. Während das Lumia feine Details liefert, ergeben die Bilder im HTC One X unsaubere Ränder und leichte Schärfeartefakte, während das Samsung zwar kein Rauschen zeigt, dafür jedoch schön glattbügelt. Lapidar beschrieben zeugt der Ansatz Nokias von einem ehrlichen Bild, das jedoch weniger Freunde finden wird, da die meisten lieber auf ganz feine Details zugunsten eines rauscharmen Bildes verzichten. Videos gelangen weiterhin nur mit 720p aufs Smartphone, doch das ist eine Limitierung Microsofts.

Übrigens gibt es demnächst einen Vergleich von Handykameras auf neuerdings.com.

Antenne, Akku und weiteres

Nokia Lumia 900 - Links HTC One S, rechts Lumia 900 (Bild: kaz)

Nokia Lumia 900 - Links HTC One S, rechts Lumia 900 (Bild: kaz)

Schlauerweise behält Nokia die Bauhöhe des Lumia 800 bei. Das sorgt für mehr Platz, denn außer dem größeren Display und einem Gyroskop bleibt scheinbar alles beim Alten. Nokia optimiert nebenbei noch die Antenne im Lumia 900: “Diversity antenna array to maximize RF performance”, also ein “Antennen-Diversifizierungs-Aufbau, um die Empfangsleistung zu erhöhen” – Englisch kann so schön sein… Auch ohne Zungenbrecher zeigt sich in der Praxis ein erhöhter Empfang, wo vorher mit dem Samsung Galaxy SIII oder dem HTC One S “nur” 3G möglich war, surfe ich jetzt mit 3.5G (HSDPA) – Nokia hat eben doch einiges an Erfahrung im Bau von Mobilfunkantennen.

Die Akkulaufzeit hat sich ebenfalls erhöht, auch wenn nicht unbedingt drastische Verbesserungen zu spüren sind. Bei Nutzung als E-Mail-, Surf- und Chatmaschine geht dem Gerät nach ungefähr 10 Stunden die Puste aus. Das ist leider nur Durchschnitt. Stillschweigend hat Nokia ein Gyroskop verbaut, das in manchen Spielen oder Apps Verwendung findet – es ist so “wichtig”, dass mir sein Fehlen im Lumia 800 nie aufgefallen ist. Genauso heimlich hat man erstmals einen Wi-Fi-Hotspot eingeführt, den HTC im Radar schon seit Monaten einsetzt.

Eine persönliche Einschätzung

Alle Augen sind auf Nokia gerichtet, allerdings nicht in freudiger Erwartung neuer Smartphones, sondern nur um feixend Fehlschläge aufzuzeigen und endlich das “trojanische Pferd” Stephen Elop zu demaskieren. Der amtierende Nokia-Chef kommt schließlich einst von Microsoft.

Doch die Finnen geben sich keine Blöße. Wer mit Windows Phone warm wird, erhält hier ein Top-Smartphone, das mit der Konkurrenz spielend mithalten kann – in WP7-Manier eben. Anfangs war auch ich skeptisch und belächelte die platten, abgedroschenen Lobeshymnen auf WP7.5. Doch es konzentriert sich tatsächlich auf Menschen, besser gesagt Soziale Netzwerke und deren Integration, ohne die Übersicht aufzugeben. Und wer sich darauf einlässt, wird schnell merken, wie intelligent Windows Phone ist: Wie oft glaubt man, jemandem auf Twitter oder Facebook folgen zu müssen, um höflich zu sein und seine Followerzahl nicht zu verringern? Wie oft klickt man hier und hier, weil man die Kontakte aus Facebook, Twitter, LinkedIn und wie sie alle heißen, nicht an einem Ort versammelt hat oder weil die Drittanbieter-Software nicht so richtig rund läuft? Windows Phone integriert alles in die Kontaktliste, erlaubt gleichzeitig bestimmte Personen oder bestimmte Netzwerke auszufiltern und spezielle Personen trotzdem hervorzuheben. Es ist eine andere Herangehensweise, die sich in meinem täglichen Gebrauch als überaus sinnvoll erwiesen hat.

Fazit

Das Nokia Lumia 900 ist ein tolles Gerät: richtige Größe, richtiges Handgefühl, richtige Technik – leider aber mit rund 550 Euro zu teuer. Windows Phone rangiert in der Beliebtheitsskala zu weit unten, ein Preis von 400 Euro erscheint mir da angemessener. Zu allem Unglück kommt noch der nahende Versionssprung auf das neue Windows Phone 8, im Oktober soll die neue Version verteilt werden. Microsoft hat erklärt, das bereits erhältliche Handys die neue Version nicht als Update bekommen. Stattdessen wurde Windows Phone 7.8 angekündigt, das einige Features wie den neuen Homescreen mitbringt. Mehr über die Ankündigungen zur Zukunft von Windows Phone findet ihr in diesem Beitrag.

Zur Zeit gibt es manche Einschränkungen, wie fehlender USB-Speicher-Modus oder ein unausgegorenes Multitasking. Im Prinzip ist das Lumia 900 ein empfehlenswertes Smartphone, doch zum jetzigen Zeitpunkt würde ich eher noch die FÜße stillhalten – für Ende diesen Herbst sind neue Smartphones mit WP8 angekündigt und die jetzigen, auch das Lumia 900, erhalten kein Update darauf und bleiben auf der Strecke.

 

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8 Kommentare

  1. Ich habe selbst das 800er und war bin damit vollauf zufrieden. aber das ich nicht auf wp8 umsteigen kann und mir ein neues phone leisten müsste ist eine frechheit. das irgendwann die hardware mit der software nicht mithält ist oke und verständlich (nexus one und ics z.b.) aber dass ein aktuelles gerät mit der nächsten version schon wieder obsolet wird grenzt an kundenhetzerei.

    • das irgendwann die hardware mit der software nicht mithält ist oke und verständlich

      Na also, über was regst du dich dann künstlich auf? Durch ein Update auf Windows Phone 8 wird Microsoft auch keinen NFC Chip auf das Lumia zaubern können. Windows Phone 7.8 bietet die gleiche User-Experience wie Windows Phone 8, mit Ausnahme der Funktionen die die alten Geräte von der Hardwareseite aus sowieso nicht Unterstützen..

    • Die Kritik ist verständlich Markus und angebracht. Und da kann ich Dir Fabian nicht zustimmen:

      Das Gerät ist kein Jahr alt und gehört schon zum alten Eisen?!Klar, NFC fehlt, aber was ist mit verbessertem Multitasking? Laut den Presseinformationen, wird diese unsaubere Umsetzung auf den alten WP7-Geräten beibehalten werden, während die neuen echtes Multitasking à la Apple erhalten. Angeblich ist der Kernel nicht dazu in der Lage oder man hat keine Zeit/ Lust dazu etwas zu machen? Aber die Hardware ist potent genug, hier mehr raushzuholen.

      Ich hoffe da auf Nokia, denn die geben selbst 2 Jahren alten Geräten noch ein Update. Wenn da jemand etwas macht, dann die Finnen – wenn die Ressourcen dafür reichen..

  2. Danke für diesen hervorragenden Artikel. Man merkt das sie sich das Gerät sehr genau angeschaut haben und anscheinend auch nutzen. Ich selber nutze das das Lumia 800 und bin von dem Gerät an sich und vor allem der User Experience absolut begeistert. Sehr schön fand ich daher diesen Satz: “…. Doch es konzentriert sich tatsächlich auf Menschen, besser gesagt Soziale Netzwerke und deren Integration, ohne die Übersicht aufzugeben … ” – denn dieser trifft es auch meiner Meinung nach ziemlich genau auf den Punkt. Im Mittelpunkt steht der Mensch und nicht die technischen Daten eines Geräts. MS und Nokia haben das mit der Lumia 800/900 Serie hervorragend umgesetzt.

    • Danke für das Lob.
      Aber ging es Ihnen auch so, dass es eine Weile gedauert hat, bis sie dahinter gekommen sind, wie man die sozialen Netzwerke am besten einsetzt? Ich finde Microsoft sollte diese Funktion mehr in den Fokus rücken und leichter zugänglich machen.

    • Das stimmt schon. Man muss sich einmal bewusst werden das im Grunde genommen schon alles notwendige (wenn man Facebook und Twitter als “notwendig” erachtet) schon im System integriert ist. dazu zähle ich u.a. auch den in Bing integrierten Barcodescanner und Musikerkennung. Im Office Hub findet man natürlich Skydrive und im Bilder Hub natürlich auch die Fotos seiner Freunde. Insgesamt sehr User friendly. Mir gefällt’s nicht von lauter Icons und Apps erschlagen zu werden. Bin gespannt darauf wie die zukünftig Skype integrieren werden. Ich freu mich auf den Hebst.

    • Die größte Schwierigkeit sehe ich im Marketing. Es gibt viele, die über die technischen Daten argumentieren und das Gerät nie in Händen gehalten haben.

      Es ist das gleiche Schicksal wie mit RIMs BlackBerry: die Geräte sind gut, aber auf den ersten Blick bleiben sie weit hinter der Konkurrenz zurück.

  3. Stimmt leider. Meiner Meinung nach sollte MS die User Experience viel mehr in den Vordergrund stellen und sich überhaupt gar nicht auf den reinen Technikvergleich einlassen.

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