Sprachsteuerung:
Alles hört auf mein Kommando – oder auch nicht

Seitdem man Siris Fähigkeiten und Unfähigkeiten im Alltag ausprobieren kann, ist der Hype darum einer gewissen Ernüchterung gewichen. Aber dennoch: Sprachsteuerung wird vielen eine große Zukunft bescheinigt. Auf der Suchmaschinen-Konferenz SEMSEO 2012 in Hannover habe ich einen nicht wirklich ernst gemeinten Vortrag zu “Voice Search” gehalten. Eigentlich ist er eine Kolumne. Hier nun zum Nachlesen.

Ein Blick in unsere Zukunft: tolle Frisuren, schicke Jacken und vor allem ein Auto, mit dem man sich via Armbanduhr unterhalten kann.Sprachsteuerung ist derzeit ja in aller Munde und ich bitte dieses lahme Wortspiel gleich zu Beginn meines Textes zu entschuldigen. Jedenfalls: Vor allem Apples Siri hat die Phantasie neu beflügelt. Und „Phantasie“ ist auch schon das richtige Stichwort: Werfen wir doch einmal einen Blick darauf, wie Sprachsteuerung und sprachgesteuerte Suche laut Werbung angeblich funktionieren. Und noch viel wichtiger: Die Werbung erklärt uns auch, warum und wozu wir das alles eigentlich nutzen sollten.

In Apples erstem Werbeclip zu Siri sieht man da z.B. einen jungen Mann joggen und währenddessen SMS beantworten – alles über Sprachbefehle an Siri. Und ist es nicht genau das, was wir uns alle schon gewünscht haben? Ganz bestimmt! Jedenfalls mit kleinen Einschränkungen. Sagen wir einmal so: Vorausgesetzt ich würde joggen und ich wäre so wichtig, dass ich zwingend meine SMS während einer Joggingrunde beantworten müsste, würde ich das genau so machen wollen.

Dass ich diesen Anwendungsfall nicht habe, ebenso wie übrigens der Großteil der menschlichen Bevölkerung, ist ja alles in allem nicht Apples Schuld.

In Berlin joggen und per Siri SMS beantworten – hipper wird's nimmer.

In Berlin joggen und per Siri SMS beantworten – hipper wird's nimmer.

Jedenfalls eröffnet ein solches Tool wie Siri vollkommen neue Anwendungsmöglichkeiten! Endlich kann ich einen Termin mit meinem Chiropraktiker anlegen, noch während ich am Bungeeseil hänge. Endlich kann ich Notizen machen, während ich drei Kinder und fünf kleine Kätzchen aus einem brennenden Haus rette. Endlich kann ich eine SMS beantworten, während ich ans Bett gefesselt bin.

Und das sind nur einige Beispiele dafür, was man damit alles anstellen kann. Da soll noch einmal jemand behaupten, auf so etwas wie Siri hätten wir nicht alle schon viele Jahre ungeduldig gewartet.

Da ich ein kritischer und unbestechlicher Journalist bin, will ich natürlich nicht verschweigen, dass nicht alles so super ist. Restaurant-Bewertungen sind auch dann noch gefälscht, wenn ich sie mit Siri abfrage. Die Wettervorhersage bleibt ein Glücksspiel. Und überflüssiges Wissen aus Wolfram Alpha bleibt überflüssiges Wissen aus Wolfram Alpha.

Aber gut: Nehmen wir einmal an, das sei an sich alles sinnvoll. Da fragen wir uns: Kann denn das in der Realität überhaupt so funktionieren?

Dazu habe ich drei Punkte.

Und der erste Punkt zeigt auch schon, wie kompliziert das Thema in Wirklichkeit ist:

Sprachsteuerung unter Menschen

Erster Härtetest für die Sprachsteuerung: Menschen.

Erster Härtetest für die Sprachsteuerung: Menschen.

Wenn Sprachsteuerung und sprachgesteuerte Suche funktionieren, dann müssen sie doch wohl auf jeden Fall von Mensch zu Mensch funktionieren. Oder etwa nicht? Dafür ist doch die Sprache mal erfunden worden. Aber was muss ich feststellen und ich glaube, so mancher wird das auch kennen: Es funktioniert nicht. Oder nur selten. Denn wann wird schon einmal gemacht, was ich sage?

Wir alle kennen doch die Situation: Wir wohnen mit unserem Lebenspartner zusammen. Und als Mann sagt man da zum Beispiel einen typischen Satz wie: „Schatz, bring mich Bier.“

So reden Männer. Alle. Und das ist auch vollkommen in Ordnung so, denn „Schatz, bring mich Bier“ ist schließlich ein ganz klar formulierter Sprachbefehl: Subjekt, Prädikat, Objekt – alles drin.

Und obwohl dieser Sprachbefehl so klar und eindeutig scheint, haben wir doch alle schon erlebt, dass er entweder ignoriert wird oder zu einem ganz anderen Ergebnis führt. Man hat schließlich nicht gesagt: „Schatz, stell unsere Beziehung in Frage.“ Man hat auch nicht gesagt: „Schatz, lass uns mal über unsere Rollen in dieser Partnerschaft diskutieren.“ Es hieß ganz klar: „Schatz, bring mich Bier.“ Und da merkt man, wie schnell man an die Grenzen der Sprachsteuerung kommt.

Das Problem wird nicht besser, wenn wir uns nicht mehr nur mit Sprachbefehlen beschäftigen, sondern mit sprachgesteuerter Suche unter Menschen, die so genannte Human Voice Search. Auf die klare Suchanfrage: „Schatz, wo sind die Autoschlüssel?“ bekommt man da beispielsweise die Antwort: „Da, wo du sie hingelegt hast, du Dussel.“ Die Antwort ist zwar korrekt, aber wenig hilfreich.

Nur: Wenn das zwischen Menschen schon nicht funktioniert, kann das zwischen Mensch und Maschine funktionieren? Auch dazu ein Beispiel aus der Praxis:

Automatische Hotlines

Weiterlesen auf Seite 2/3…

 

Jan Tißler

Jan Tißler ist Leitender Redakteur von neuerdings.com und Autor auf netzwertig.com. Er ist fasziniert von Technik und ein leidenschaftlicher Internetintensivnutzer.

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4 Kommentare

  1. Köstlich!
    Danke. :)

  2. Dem kann ich nur zustimmen. Sehr gut :)

  3. Aus der Seele gesprochen und genial zu Papier gebracht.

    Sehr gut :o)

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