Spiegellose Systemkameras (1/2):
Ein (gar nicht so) neuer Stern am Kamerahimmel

Spiegellose Systemkameras sind derzeit in aller Munde, nicht nur unter Foto-Enthusiasten. Wir beleuchten den besonderen Charme dieser Kameraklasse und warum sie erst jetzt so richtig durchstartet. Dazu machen wir im ersten Teil einen kleinen Ausflug in die Geschichte der digitalen Kameras.

Eine der ersten ohne Spiegel - Olympus E-P1 (Foto: Olympus)

Eine der ersten ohne Spiegel - Olympus E-P1 (Foto: Olympus)

Der Begriff Systemkamera bezeichnete ursprünglich Spiegelreflexkameras mit Wechselobjektiv – eben ein System aus Kamerabody, Objektiv und sonstigem Zubehör. Seit es Gehäuse mit und auch ohne Spiegel gibt, meint der Begriff Systemkamera korrekterweise beide Varianten. Es wird dabei zunehmend populär, “Systemkamera” nur für die spiegellosen Geräte zu verwenden.

Historische Einordnung

Die analoge Fotografie wurde vor rund 175 Jahren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfunden. Der Startschuss für den Siegeszug der digitalen Fotografie ist Kodaks Vorstellung der ersten Digitalkamera 1975. So richtig setzte sich die neue Technik viel später durch: Mitte der 90er ging es in Deutschland zuerst mit Geräten los, deren Leistungsfähigkeit heute selbst von Billighandys übertroffen wird. Dafür war die neue Technik erst einmal teuer, denn im Jahr 2000 kostete eine Digitalkamera mit 3 Megapixeln umgerechnet etwa 1.000 Euro.

Digitale Fototechnik
Panasonic Lumix G1 (Foto: Panasonic Deutschland)Eine der ersten ohne Spiegel - Olympus E-P1 (Foto: Olympus)Kodak Entwickler Steve Sasson, Erfinder der weltweit ersten Digitalkamera (Foto: obs/Eastman Kodak Company)

Ernstzunehmende, benutzbare und bezahlbare Digitalkameras gibt es erst seit zehn bis zwölf Jahren. Die Digitalfotografie ist im Vergleich also eine junge Entwicklung. Daran gemessen sind spiegellose Systemkameras wiederum relativ “alt”: Vor vier Jahren, im August 2008, wurden die ersten Geräte von Panasonic und Olympus angekündigt, spiegellose Systemkameras mit Fourthirds-Sensoren. Schon auf der Photokina 2008 stellte Panasonic das erste Serienmodell Lumix DMC-G1 vor, während Olympus zunächst nur einen Prototypen der später eingeführten “PEN”-Serie präsentierte.

Inzwischen hat fast jeder Hersteller eine spiegellose Systemkamera im Sortiment.

Liveview und das Verschwinden des Spiegels

Ob man sie nun Spiegellose oder nur Systemkamera nennt: Es handelt sich um eine logische Weiterentwicklung im Rahmen des technischen Fortschritts.

Dank Spiegel und Sucher-Prisma sieht der Fotograf bei einer Spiegelreflexkamera direkt durch das Objektiv. Man sieht genau das, was bei der Aufnahme auf den Film oder Sensor auftrifft. Bei klassischen Kompaktkameras mit optischem Sucher gibt es dagegen die sogenannte Parallaxenverschiebung: Durch den Sucher sieht man das Motiv leicht verschoben gegenüber der Perspektive, die durch das Objektiv aufgenommen wird.

In Zeiten von Digitalkameras mit “Liveview” (= Bildvorschau auf das aktuelle Motiv, angezeigt auf dem Kamera-Monitor) verschwanden die teuren optischen Sucher sehr schnell aus den digitalen Kompaktkameras.

Und bei Spiegelreflexkameras? Warum nicht auf das Spiegel-Prisma-Sucher-Konstrukt verzichten? Ein Verzicht ermöglicht schließlich kleinere und leichtere Gehäuse sowie eine Kostenersparnis bei Teilen und Montage. Trotzdem verschwanden nicht umgehend mit der ersten Vorstellung von “Liveview” alle optischen Sucher. Das lag unter anderem an der Problematik des thermischen Rauschens.

Das thermische Rauschen beherrschen

Die Bildvorschau im Liveview-Modus nutzt den Bildsensor – der dann ständig in Betrieb ist und sich erwärmt. Die großen Sensoren in digitalen Spiegelreflexkameras waren lange Zeit ausschließlich CCD-Sensoren, die anfälliger für thermisches Rauschen sind als CMOS-Sensoren. Mit dem alten Spiegelreflex-Mechanismus war das kein Problem, denn während des “analogen Liveviews” – dem Blick durch den optischen Sucher – war der Sensor nicht im Betrieb, so dass thermisches Rauschen kein Problem war. Inzwischen hat sich die Technik weiterentwickelt: Jetzt gibt es CMOS-Sensoren in passender Qualität und Größe und es gibt nicht zuletzt leistungsstärkere Rauschfilter.

Objektiv-Palette erneuern

Die Objektive sind ein anderer Grund, warum sich der Markt nicht sofort und mit fliegenden Fahnen zu Gunsten der spiegellosen Systemkameras gedreht hat. Denn ohne Spiegelkasten wurden zwar die schicken, flachen Gehäusekonstruktionen möglich, doch sie erforderten komplett neue Objektive. Die “alten” könnten selbst bei gleichem Bajonettanschluss nicht verwendet werden: Objektive einer konventionellen Spiegelreflexkamera projizieren die Bildebene dann weit hinter den Sensor einer spiegellosen Systemkamera.

Kamerahersteller, die in den Markt der spiegellosen Systemkameras einsteigen wollten, mussten also nicht nur neue Gehäuse konstruieren, sondern auch gleich eine möglichst große Objektivpalette mit entwickeln. Wer sich eine Systemkamera kaufen will, interessiert sich schließlich für die Erweiterungsmöglichkeiten und die Flexibilität, die so ein System eben bietet.

Weiter geht es im zweiten Teil mit einem aktuellen Marktüberblick.

 

Gabriele Remmers

Gabriele Remmers schreibt gelegentlich als freie Autorin bei neuerdings.com. Sie interessiert sich für Fotografie, aber auch sonst für alles, was irgendwie “klick” bei ihr macht.

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3 Kommentare

  1. Der hauptsächlichste Grund gegen heutige spiegellose Kameras, ist der Aufgriff des µ43-Sensorformats um die Baugröße der Kamera weiter zu verkleinern.

    Die Größe eines Objektiv sinken nicht proportional zur Größe des auszuleuchtenden Lichtkreises. Linsen gleicher Brennweite für Kleinbild im Verhältnis zu µ43 müssten demnach um den Faktor 2 verschieden sein.

    Leider ist das nicht der Fall, weswegen das größte Marketing-Argument, die Größe, eigentlich kein wirkliches mehr ist.

    Der Zweite und den meisten Fotografen wichtigste Punkt ist die Tiefenunschärfe. Kleinbildformat birgt ein wahnsinnig schönes Freistellungspotential, welches bereits mit günstigen Einsteiger-Linsen erreicht werden könnte. Die Blende einer µ43 Linse müsste doppelt so weit geöffnet werden können, wie ihr KB-Pendant um selbige Freistellung zu ermöglichen. Das ist technisch aber für die seltensten Brennweiten realisierbar und wenn, dann nur unter erhelbichen Mehrkosten.

    Der Dritte Punkt ist die Bildqualität.
    kleinere Pixel durch einen kleineren Sensor benötigen ein höheres Auflösungsvermögen der verwendeten Linsen, was die Glasqualität und Kosten weiter steigen lässt obgleich die Bilder immer mehr rauschen werden und einen geringeren Dynamikumfang haben werden, als ihre meist durch 2x größere Bildpunkte entstandenen Brüder an KB.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Spiegellose Kameras früher oder später dominieren, sobald die Auflösungen der elektronischen Sucher oder die Datendurchsätze mit denen sie das Bild aufbauen groß genug werden, dass das Menschliche Auge kaum einen Unterschied zu sehen vermag.

    Jedoch bietet der Weg über µ43 Sensoren wie jene von Panasonic und Olympus wesentlich mehr Kompromisse als Vorteile, weswegen es mir bisher vergönnt blieb solche Kameras in den Anwendungen von Profis auszumachen.
    Schlichtweg weil Sie niemand nimmt, wenn es um das eigentliche Bild geht.

    Aus Spaß am Design und der Freud gerne!
    Aber als Wahl zum Mittel zum Zweck, niemals.

    • m43 ist ein guter kompromiss. kein “normalsterblicher” benötigt kleinbild, für die meisten reicht sogar die bildqualität ihrer handies aus. es gibt aber auch genug professionelle fotografen, die mit mFT fotografieren. und zum größenvorteil gegenüber kleinbild poste ich einfach das:
      http://camerasize.com/compact/#315.5,328.288,ha,t

  2. Ein Profi sucht sich die Werkzeuge seines Auftrages entsprechend aus, und natürlich kann sich auch µ43 als Praktisch erweisen.

    Jedoch. Wundert sich der “normalsterbliche”, unwissend gern über die schlechte Qualität seiner Bilder, wenn diese denn mit einem APS-C oder KB Sensor verglichen werden.

    Ein weiterer Punkt ist, dass µ43s irgendwie dann doch zu groß für die Hosen oder Hemdtasche sind. Hier trumpft das Handy oder die gute Kompakte. -> Also wird für die Kamera ein Rucksack oder eine Umhängetasche mitgenommen und der tatsächliche Größenunterschied relativiert sich.

    Damit man etwas mehr Raum in der Tasche hat, verzichtet man auf die noch heute unbestreitbaren Vorteile von DSLRs und das gerne beim selben Preis. Demm µ43 mit gutem Glas sind keinesfalls Schnäppchen.

6 Pingbacks

  1. [...] Im ersten Teil hatte ich gezeigt, dass spiegellose Systemkameras gar nicht so neu sind, wie man glauben könnte. Ihr findet dort auch viele Hintergründe zur technischen Entwicklung und was diese Kameraklasse im Vergleich zu anderen besonders macht. [...]

  2. [...] Jahr 2000 kostete eine Digitalkamera mit 3 Megapixeln umgerechnet etwa 1.000 Euro.Weiterlesen bei neuerdings.com Twittern Flattr.flattr{margin-top:0px !important}Mehr [...]

  3. [...] ein Lesetipp für alle, die mehr über diese Kameraklasse wissen möchten: Wir haben uns in einem Zweiteiler mit den Besonderheiten und den Modellen bei spiegellosen Systemkam… Twittern Flattr .flattr { margin-top:0px !important; [...]

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  6. [...] reicht das Smartphone eben bereits aus. Und wer mehr will, kauft sich vielleicht lieber gleich eine spiegellose Systemkamera oder gar eine Spiegelreflex, um die Möglichkeiten spürbar zu [...]

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