Wafaa Bilal «The 3rd I»:
Soziale Invasiv-Optik

Ein Kunstprofessor befestigt sich für ein Jahr eine Kamera am Hinterkopf.

Wissenschaftler sind verrückt, so etwas belegen nicht nur bekannte Filme wie «Der verrückte Professor» oder berühmte Mediziner à la Werner Forßmann, der den ersten Herzkatheter an sich selbst ausprobierte, sondern auch ein Professor für Kunst und Fotografie: Er ließ sich eine Kamera an den Hinterkopf schrauben – hoffentlich ist bei ihm keine Schraube locker.

Professor Wafaa Bilal unterrichtet an der Tisch School of the Arts, NY und startete das Kunstprojekt The 3rd I für die Eröffnung des Mathaf: Arab Museum of Modern Art in Doha, Qatar. Zu diesem Zweck wurde eine Titanplatte an seinem Hinterkopf angebracht, ein Eingriff der unnötig ist und somit nicht von Ärzten durchgeführt wird. Deshalb fand die Befestigung des Metalls in einem Piercing Studio unter Lokalanästhesie statt. Man darf davon ausgehen, dass die Schädeldecke selbst nicht von diesem Laien angebohrt wurde, sondern die Kopfhaut das Gewicht ertragen muss.

Über eine Magnetverbindung kann die Kamera am Metall angeclippt werden und schießt jede Minute ein Bild – der erste Mensch, der tatsächlich ein Auge im Hinterkopf hat. Die Bilder finden ihren Weg direkt in das Museums-Gebäude und werden für die Ausstellung «Told/Untold/Retold» («Erzählt/Nicht Erzählt/Nacherzählt») am 30. Dezember aufbereitet.

Die Kamera wird jede Minute ein Bild aufnehmen, egal ob er im Zug sitzt, auf dem Klo oder im Bett liegt, durch die wasserdichte Konstruktion werden auch Schwimmen und Duschen aufgezeichnet. Nur eine Ausnahme gibt es: Sobald er den New Yorker Campus betritt muss er die Privatsphäre seiner Studenten respektieren und die Linse abdecken. Die dazu nötige Technik schnallt er sich um und verbindet er mit einem Kabel, deshalb auch die leicht zu lösende Metallverbindung, ähnlich dem MagSafe-Adapter. (Kunst, Design, MacBook…da klingt das ganze gar nicht so abwegig.) Das Projekt dauert ein Jahr an, so lange soll die Titanplatte an seinem Kopf verbleiben.

Bei solch ausgefallenen Ideen fehlen mir schlicht die Worte, ein Stirnband hätte es sicher auch getan, andererseits handelt es sich um Kunst, worüber sich trefflich streiten läßt – van Gogh schnitt sich ein Ohr ab, Lewis Gordon Pugh schwam nackt durch die Antarktis, um die Aufmerksamkeit auf diese bedrohte Ökosphäre zu ziehen. Und vielleicht, vielleicht möchte Bilal den Blick auf die zunehmende Überwachung (in Amerika) lenken; vielleicht ist er aber auch nur verrückt.

Kinder: Nicht zu Hause nachmachen!

Via CNN.

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3 Kommentare

  1. Florian
    schrieb am 7. Dezember 2010 um 11:26 Uhr (#)

    Amerikaner… Sind nicht im Stande Produkte zu entwerfen geschweige denn zu konstruieren deren Komplexität über einen einfachen Kühlschrank hinausgeht sind aber in der Lage dies medienwirksam durch Ihre “vielfältige Einfältigkeit” zu publizieren.
    Blöd nur das Dummheit in Scharen sehr gefährlich ist…

  2. Swonkie
    schrieb am 7. Dezember 2010 um 15:50 Uhr (#)

    ich sehe nicht ganz wie das eine interessante bildsammlung geben soll.

    viel spannender wäre doch wenn er den livestream von seinem hinterkopf über eine art videobrille auf einem auge einblenden würde. dann könnte er darüber berichten wie sich seine wahrnehumng verändernt wenn sich das hirn erst mal an die neuen optischen reize gewöhnt hat. oder wie sich die menschen in seinem umfeld ihm gegenüber anders verhalten weil sie sich immer beobachtet fühlen.

  3. Patrick P
    schrieb am 7. Dezember 2010 um 22:05 Uhr (#)

    ich glaube schon, dass das eine interessante Bildersammlung werden kann – ich frage mich allerdings, warum der gute Mann nicht auf die Idee gekommen ist, sich die Kamera einfach an eine Muetze zu schrauben und diese aufzusetzen. Naja, bei einem Professor sollte man vielleicht nicht so viel “Umsicht” erwarten.
    Jedenfalls ein schoen geschriebener Artikel! Gruesse aus MX von P.P

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