Amazon Kindle im Test (IV/IV):
Fazit – Besser als man denkt

Noch selten musste ein neues Gadget beim Start so viel heftige Kritik einstecken wie Amazons e-Book Reader Kindle. Warum weckt dieses Gerät so viele Emotionen? Und sind die negativen Meinungen gerechtfertigt? Oder ist der Kindle vielleicht doch besser, als die meisten meinen?

Amazon Kindle im Test Teil I/IV: Entfacht er das Ebook-Feuer?
Amazon Kindle im Test Teil II/IV: Blättern in virtuellen Büchern
Amazon Kindle im Test Teil III/IV: Sonderfunktionen — Mehr als eBooks

 

Amazon ist eine ehrliche Firma und zensiert keine Kundenmeinungen. Darum ist auf der Produktseite des Amazon Kindle auch eine Mehrzahl von deutlich negativen Meinungen zu sehen. Erstaunlich nur: Wenn man die Kommentare liest, scheinen die eigentlichen Besitzer des Kindle eine überwiegend positive Meinung zu vertreten, während sich die Kritiker primär an Dingen stören, die sie gehört oder gelesen haben.

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Amazon Kindle einsatzbereit im mitgelieferten Etui

Diese Diskrepanz kann ich nach diesem Test problemlos nachvollziehen: Der Kindle ist kein Gerät, das einen sofort begeistert, weder vom Design noch von der Featureliste her. Aber er wächst einem mit der Zeit ans Herz, weil er ein sehr gutes und reibungsloses Leseerlebnis bietet.

Eins ist vermutlich nicht einfach zu verstehen, wenn man dieses neue Produkt noch nie selbst ausprobiert hat: Der Kindle ist kein Gerät für Gadgetfreaks. Er ist auch kein Gerät für Leute, die Bücher (d.h. physische Objekte aus bedrucktem Papier) lieben und sammeln. Er ist vor allem eins: ein Gerät für Leute, die gerne lesen.

Und lesen kann man mit dem Kindle tatsächlich besser als mit wohl jedem anderen elektronischen Gerät. Das Display ist nicht perfekt, aber in langen Lesesessions sehr viel angenehmer als jeder LCD-Screen. Es ist verblüffend bequem, einfach so per Datenfunk schnell ein Buch kaufen zu können. Und in diesem kleinen, leichten Gerät 200 Bücher (oder mehr) mit sich herumtragen zu können, ist attraktiv für jeden Bücherwurm. Das ist eine ebenso ganz neue Qualität wie vor noch nicht mal so langer Zeit die Neuerung, tausende von Songs auf einem iPod immer dabei haben zu können.

Aber braucht man wirklich 200 Bücher unterwegs? Gegenfrage: Braucht man wirklich 10’000 Songs, die man in der Hosentasche mit sich herumtragen kann? Beides ist sicher nicht lebensnotwendig, aber gerade auf Reisen sehr angenehm. Es befreit den Medienkonsum von den Grenzen, die physische Datenträger immer noch auferlegen.

Das Design des Kindle ist tatsächlich ästhetisch nicht sehr ansprechend, vor allem nicht im Vergleich mit dem Standard, den Apple mit seinen Gadgets gesetzt hat. Die Materialqualität dürfte für den Preis ruhig besser sein. Auch ergonomisch hat das Gerät noch so manche Schwäche. Immerhin ist es diesbezüglich aber deutlich besser als alle anderen Formen von eBooks, die ich bis jetzt ausprobiert habe (und das waren nicht wenige).

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Ein paar Dinge entdeckt man wirklich nur mit der Zeit: Der Kindle lässt sich beispielsweise am besten halten, wenn man ihn in seinem mitgelieferten Etui unterbringt. Das funktioniert nämlich sowohl für den Transport wie auch das eigentliche Lesen. Man hat den Eindruck, dass die Designer sich das eigentlich so vorgestellt haben, denn damit liegt das Gerät nicht nur deutlich besser in der Hand, sondern sieht auch etwas weniger schlimm aus. Und ich persönlich finde für längere Lesesessions den Kindle inzwischen deutlich handlicher als etwa ein normales Hardcover-Buch.

Kein Zweifel, der Kindle ist nicht billig. Aber mit $399 ist er auch nicht teurer als ein anständiges Navigationssystem, eine brauchbare Digitalkamera oder ein High-End-iPod – Produkte mit durchaus vergleichbarem Nutzen und Leistungsumfang. Und immerhin bekommt man selbst neuste Bücher für einen Preis deutlich unter den üblichen Hardcover-Preisen.

Der gewichtigste Kritikpunkt am Kindle ist eher allgemeiner Natur: Die kopiergeschützten Bücher sind an das Amazon-System gebunden und können nicht auf Devices anderer Hersteller benutzt werden. Die Gefahr ist also, genau wie bei legal heruntergeladener Musik (iTunes lässt grüssen), dass man an eine bestimmte Systemwelt gebunden ist. Es wäre zu hoffen, dass sich die Branche endlich einmal zu einem gemeinsamen Standard für eBooks durchringen kann. Aber gerade starke Player wie Amazon (oder Apple) haben daran natürlich nicht unbedingt ein Interesse.

Insgesamt ist der Kindle klar ein Gerät für Leute, die gerne und viel lesen, sich an den durchaus vorhandenen Kinderkrankheiten nicht stören und mit dem Kopierschutz leben können. Wer sich mit dem Kindle trotz seiner Schwächen anfreunden kann, erhält das derzeit wohl deutlich beste und rundeste eBook-Erlebnis, das man bekommen kann. Das ist zumindest in den USA so, denn der eingebaute Datenfunk in der amerikanischen Version funktioniert nicht in Europa. Darum sollte man auf jeden Fall auf eine europäische Variante warten, bevor man sich so ein Gerät kauft.

Häufig war in den letzten Tagen auch das Argument zu hören “Der beste eBook-Reader wäre eigentlich ein iPhone”. Das ist, mit Verlaub, Blödsinn. Wer mal versucht, auf einem iPhone wirklich längere Texte zu lesen, wird schnell aufgeben. Der Screen ist viel zu klein, ein selbstleuchtendes LCD ist viel anstrengender für die Augen und ein Touchscreen ist für die Bedienung eines eBooks alles andere als ideal. Der Amazon Kindle ist hingegen in allen Aspekten für das Lesen längerer, linearer Texte optimiert.

Über Sinn und Unsinn von eBooks ganz generell kann man natürlich lange streiten. Ich persönlich glaube, dass dieses Medium durchaus eine vielversprechende Zukunft hat. Bisher sprach gegen eBooks, dass die Geräte meist zu gross und schwer waren und nur eine kurze Batterielaufzeit boten. Zudem war die Auswahl an Titeln sehr klein und der Kauf von Büchern kompliziert. Mit diesen Problemen räumt der Kindle weitgehend auf und bringt das eBook als Konzept darum einen grossen Schritt voran.

Hier nochmals die wichtigsten Punkte im Überblick.

Positiv:

  • Relativ grosse Auswahl an eBooks (90’000 Titel); auch einige Zeitungen, Zeitschriften und Blogs verfügbar
  • Guter e-Ink-Screen, der auch für längeres Lesen angenehm ist
  • Drahtloser Zugang per Handynetz für Buchdownloads und Internetzugang, nicht auf PC-Synchronisierung angewiesen
  • Komfortabler Dokumenten-Konvertierungsdienst
  • Exzellente Integration mit Amazon-Website
  • Kann Hörbücher und MP3s abspielen
  • Eingebaute Tastatur
  • Lange Batterielaufzeit
  • Geringes Gewicht (290g)
  • Völlig konfigurationsfreie Inbetriebnahme
  • Einfache, aber gewöhnungsbedürftige Bedienung

Negativ:

  • Bücher in proprietärem, DRM-geschütztem Format
  • Wenig ansprechendes Design mit verbesserungsfähiger Ergonomie
  • Keine eingebaute Beleuchtung für den Screen (gutes Umgebungslicht nötig)
  • Webbrowser ziemlich rudimentär
  • Recht hoher Preis
  • Derzeit nicht in Europa verfügbar und auch nicht voll funktionsfähig (durch das eingebaute EVDO-Funknetz)

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1 Kommentar

  1. Hans
    schrieb am 26. November 2007 um 12:22 Uhr (#)

    Danke erstmal für den extrem detaillierten und differenzierten Test zum Kindle, sowas ist wirklich selten!
    Zur öffentlichen Kritik am Gerät: Was glaubst Du, wie viele Leute aus Prinzip über Windows Vista schimpfen ohne je damit gearbeitet zu haben? Das ergeht dem Kindle nicht anders. Geltungssucht und zwanghaftes Mitteilungsbedürfnis sind gesellschaftliche Symptome unseres WWW-Zeitalters, denen man selber oft erliegt. Siehe Blogosphäre. :-)

    Ich persönlich finde das Teil grottenhässlich, ein totaler Griff ins Design-Klo, aber das ist Geschmackssache. Wenn die Praxis überzeugt, würde ich ihn trotzdem kaufen – nur kann man sich den Luxus, ein Gerät “mal eben so” zu erwerben und ausführlich zu testen, kaum leisten.
    Die Zeit für eBooks ist IMHO längst reif, der Umdenkprozess setzt langsam ein. Natürlich habe ich zuhause auch lieber Musik CDs (früher LPs) in der Hand und blättere in Booklets – bin aber trotzdem froh, nicht mit 5 Umzugskartons in Urlaub fahren zu müssen weil eben alle meine Musik auf einen einzigen MP3 Player passt. Wo ist da der Unterschied zwischen Buch und eBook? Jede Form hat ihre Berechtigung, Koexistenz ist die Lösung!

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