Marktüberblick:
Drahtloser Strom für Smartphones, Tablets und andere Gadgets

Die “Generation Ladekabel” könnte bald ein Ende haben: Mehrere große Hersteller arbeiten daran, uns vom Alptraum aus leerem Akku, vergessenem Netzteil und fehlender Steckdose zu erlösen. “Drahtloser Strom” lautet die Lösung. Nikola Tesla wäre begeistert.

So wie hier in Nikola Teslas Labor sollte man sich "drahtlosen Strom" übrigens nicht vorstellen...

So wie hier in Nikola Teslas Labor sollte man sich “drahtlosen Strom” übrigens nicht vorstellen…

1891 verblüffte der so geniale wie exzentrische Erfinder Nikola Tesla sein Publikum im American Institute of Electrical Engineers. In beiden Händen hielt er je eine Gasentladungsröhre, einen Vorläufer unserer heutigen Neonröhre. Beide waren nicht an den Strom angeschlossen und trotzdem leuchteten sie. Das Geheimnis lag in zwei Metallplatten links und rechts der Bühne, die die Lampen durch die Luft mit Strom versorgten. Teslas Ideen reichten soweit, dieses Modell auf die gesamte Erde zu übertragen. Soweit ist es bekanntlich nicht gekommen, aber seine Ideen und seine Pionierarbeit leben heute in drahtlosen Ladestationen weiter. Und die könnten in den nächsten Jahren die Art und Weise revolutionieren, wie wir mit unseren Gadgets umgehen.

Drahtloser Strom
Captura-de-pantalla-2013-02-27-a-las-18.18.04253352_1280Nexus 4 mit einer Ladestation.Lampen bieten sich als drahtlose Ladestationen an.
km_kmorg1127_1350546925Küchenarbeitsplatte mit LadefunktionSo wie hier in Nikola Teslas Labor sollte man sich "drahtlosen Strom" übrigens nicht vorstellen...

Denn sehen wir den Fakten einmal ins Auge: Die Akkutechnologie hält nicht Schritt mit dem steigenden Energiehunger unserer Geräte. Sehr gute Laptops und Tablets halten acht, neun, zehn Stunden durch – aber das natürlich auch nur, wenn sie tatsächlich 100 Prozent aufgeladen wurden. Was aber, wenn wir es vergessen hatten oder es keine Gelegenheit gab? Was, wenn wir unser Netzteil oder Ladekabel nicht dabei haben? Und wer ein Smartphone intensiv nutzt, wird schon froh sein, überhaupt einen Tag mit einer Ladung durchzukommen. Ich beispielsweise habe mir nun einen externen Akku angeschafft und bin sehr froh, nun völlig bedenkenlos mit meinem Smartphone tun zu können, wofür ich es gekauft habe: es benutzen. Man höre und staune.

Judäische Volksfront vs Volksfront von Judäa

Nexus 4 mit einer Ladestation.

Nexus 4 mit einer Ladestation.

In Zukunft aber könnte die Welt ganz anders aussehen und wir haben heute schon die Vorboten. Im Qi Wireless Power Consortium haben sich beispielsweise zahlreiche Hersteller zusammengetan. Darunter finden sich laut Wikipedia Namen wie Belkin, HTC, Huawei, LG, Motorola, Nokia, Samsung und einige andere. Über 100 Mitglieder hat Qi demnach. Samsung und Qualcomm haben daneben die Alliance for Wireless Power (A4WP) gegründet. Inzwischen ist auch Intel Mitglied der A4WP, ebenso Sandisk, LG und insgesamt 50 andere. Nicht zu vergessen die Power Matters Alliance. Auch hier finden sich Namen wie HTC, Huawei und Samsung.

Fans von “Leben des Brian” wird das an die Judäische Volksfront und die Volksfront von Judäa erinnern – nicht zu vergessen die Spalter von der Populären Front. Tatsächlich werden Kunden in Sachen Drahtlosstrom mit verschiedenen Standards und unterschiedlichen Technologien konfrontiert. Sie bieten unterschiedliche Vorteile in Sachen Stärke des Stroms oder auch des Komforts: Während bei der elektrostatischen Induktion das Gerät in der Regel recht exakt platziert werden muss, um geladen zu werden, ist man bei der elektromagnetischen Resonanz als Nutzer sehr viel freier. Und das wäre sicherlich die von den Kunden am ehesten akzeptierte Variante. Wer will schon feststellen, dass sein Smartphone nicht geladen wurde, weil es nicht exakt genug hingelegt wurde oder weggerutscht ist?

Am Ende entscheidet der Kaffee

Küchenarbeitsplatte mit Ladefunktion

Küchenarbeitsplatte mit Ladefunktion

Aktuell findet sich die Qi-Technologie in über 300 Geräten und Zubehörartikeln. In das Nexus 4 von Google und LG ist es direkt integriert, für das Galaxy S4 bietet Samsung eine spezielle Rückseite als Extra an und fürs iPhone gibt es wie gewohnt jede Menge Hüllen, die die entsprechende Funktionalität ergänzen. Aber eine Frage stellt sich bei alldem: Welchen Vorteil habe ich als Nutzer eigentlich genau, wenn ich mein Smartphone auf eine Ladeplatte lege, anstatt mein Ladekabel einzustöpseln? Ich habe kein einziges Kabel eingespart und die Platte ist für unterwegs nutzlos bis unsinnig. Soll ich also Geld ausgeben, nur um das Kabel nicht mehr ins Smartphone zu stecken?

Wirklich interessant wird die Idee des drahtlosen Stroms erst dann, wenn er universell verfügbar wird – vor allem unterwegs. Ein Beispiel sind Kaffeehausketten. Die Power Matters Alliance konnte Starbucks von sich überzeugen, ebenso “The Coffee Bean and Tea Leaf”. Zudem hat Gründungsmitglied Powermat aus Israel den finnischen Konkurrenten PowerKiss nicht nur vom Wireless Power Consortium abgeworben, sondern auch gleich noch aufgekauft. Das bedeutet: Zusammen verfügen sie nun über 2.500 Drahtlos-Ladestationen mit dem “P”-Logo in Flughäfen, Ladengeschäften und Kaffeehäusern in Europa und den USA. Zudem sollen 1.000 McDonald’s-Filialen in Europa damit ausgestattet werden. Da fragten sich die Kollegen von The Verge bereits, ob am Ende Kaffee entscheidet, welcher Standard gewinnt.

Aber nicht nur unterwegs, auch zu Hause sollte das drahtlose Aufladen deutlich einfacher werden, um einen unzweifelhaften Nutzen zu bringen. Entsprechend gibt es Konzepte und fertige Produkte rund um Möbel und andere Einrichtungsgegenstände als Ladestationen. Ob man sich mit der Idee anfreunden kann, dass ganze Tische oder die Arbeitsplatte in der Küche zugleich Strom liefern, sei einmal dahingestellt. Alternativ gibt es dazu die schlaue Idee, eine solche Ladestation in Tischlampen zu integrieren. Lampen sind schließlich sowieso bereits an den Strom angeschlossen und sie stehen oftmals dort, wo wir auch unser Smartphone oder Tablet ablegen würden: auf dem Schreibtisch, einem Beistelltisch oder dem Nachtschrank.

Fazit

Lampen bieten sich als drahtlose Ladestationen an.

Lampen bieten sich als drahtlose Ladestationen an.

Laptops, Tablets, Smartphones, Digitalkameras, Headsets, Fernbedienungen und vieles mehr drahtlos mit Strom zu versorgen, klingt nach einer sehr nützlichen Idee. Leere Akkus wären dann ein kurioses Problem aus der Vergangenheit. Noch aber hat die Technologie einige Entwicklungszeit vor sich. Technische Verbesserungen gehören dazu, aber vor allem ein verlässlicher Standard. Heute kann man sich seine eigene Insellösung schaffen, wenn man beispielsweise sein Smartphone lieber auf eine Ladeplatte legen als ans Ladekabel anschließen will. Nur sollte man dann nicht darauf hoffen, es zum Laden auch einfach bei Starbucks auf den Tisch legen zu können, denn die setzen sehr wahrscheinlich auf einen inkompatiblen Standard.

So gesehen wird es wohl noch eine Weile brauchen, bis wir Teslas Vision vom universell verfügbaren, drahtlosen Strom zumindest teilweise verwirklicht sehen.

 

Jan Tißler

Jan Tißler ist Redakteur bei netzwertig.com. Er ist fasziniert von Technik und ein leidenschaftlicher Internetintensivnutzer.

Mehr lesen

Qhartz: Drahtlose Ladestation und Zusatzakku für unterwegs

14.7.2014, 1 KommentareQhartz:
Drahtlose Ladestation und Zusatzakku für unterwegs

Drahtlosen Strom ganz ohne Kabel – dieses nur scheinbar unsinnige Ziel verfolgt das Kickstarter-Projekt Qhartz. Konkret gesprochen handelt es sich um einen Zusatzakku, der Gadgets nicht nur via USB-Kabel, sondern auch per Qi-Standard aufladen kann.

Wireless Charging Trousers: Modedesigner entwirft Hose mit integrierter Ladestation

21.6.2014, 1 KommentareWireless Charging Trousers:
Modedesigner entwirft Hose mit integrierter Ladestation

Der britische Modedesigner A. Sauvage entwirft derzeit eine Hose, die als kabellose Ladestation für ein Smartphone dienen soll. Klingt clever? Ist aber nicht unbedingt eine revolutionäre Idee, dafür eine elegante.

Slimo: Pflaster für das iPhone ermöglicht kabelloses Laden

20.3.2014, 5 KommentareSlimo:
Pflaster für das iPhone ermöglicht kabelloses Laden

Das Kickstarter-Projekt Slimo ist eine Qi-kompatible Lösung, mit der das iPhone kabellos aufgeladen werden kann, indem man es einfach auf einer Ladestation ablegt.

Ein Kommentar

  1. Ich lade mein Note 2 schon seit einem halben Jahr via Induktion und kann das nur empfehlen: Nachts wird das Smartphone einfach auf der QI-Ablage platziert und lädt sich bis zum Morgen zu 100% auf.
    Übrigens war das Note 2 nicht werksmäßig für Induktionsladung ausgestattet, aber das kann man nachrüsten.

Ein Pingback

  1. […] Drahtloser Strom für Smartphones, Tablets und andere Gadgets […]

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen.

* Pflichtfelder