WeatherSignal:
Das Smartphone als Wetterstation

Pfiffige Idee einer britischen App-Schmiede: Winzige Sensoren, die ein Android-Handy vor Überhitzung schützen, werden eingesetzt, um die Temperatur an einem Ort genauer zu bestimmen. Die tausendfache Auswertung verfügbarer Daten könne eines Tages halbwegs verlässliche Werte liefern und das Smartphone mit Apps wie WeatherSignal zur Wetterstation werden.

Wetterdaten-Crowdsourcing per App. Bilder: neuerdings.com/ American Geophysical Union

Wetterdaten-Crowdsourcing per App. Bilder: neuerdings.com/ American Geophysical Union

Seit einigen Monaten warte ich gespannt auf Thermodo, einen kleinen Anstecker für mein Smartphone, das als Thermometer fungieren soll. Wie das bei Kickstarter-Projekten inzwischen wohl usus ist: die Auslieferung verzögert sich. Dass die Idee etwas taugt, das Smartphone als Wetterstation zu verwenden, zeigen indes auch die Entwickler der App OpenSignal mit einem Spin-off-Projekt.

Die Idee, die den Entwicklern angeblich zufällig kam: Sie verwenden Temperaturdaten aus tausenden Smartphones. Jedes moderne Mobiltelefon verwendet kleine Sensoren, um den Akku gegen Überhitzung zu schützen. Android-Telefone geben dem Nutzer Zugriff darauf. Mit Hilfe der App WeatherSignal greifen die Forscher die Daten ab und setzen sie zu anderen Temperatur-Daten der Umgebung in Verbindung. Die App funktioniert schon jetzt, verlässliche Daten liefert sie aber nur teilweise.

OpenWeather und OpenSignal
Screenshot_2013-08-15-10-07-14Screenshot_2013-08-15-10-07-54Screenshot_2013-08-15-11-15-51Screenshot_2013-08-15-11-16-23
Screenshot_2013-08-15-11-16-34Screenshot_2013-08-15-11-17-30Screenshot_2013-08-15-11-22-06Screenshot_2013-08-15-11-25-14
Screenshot_2013-08-15-11-25-35Wetterdaten-Crowdsourcing per App. Bilder: neuerdings.com/ American Geophysical UnionWetterkarteLondon-2

Erst die Masse und clevere Algorithmen werden den Entwicklern bei der Genauigkeit helfen. Die Sensoren des Smartphone-Akkus zeigen nur selten die genaue Außentemperatur an. Zum einen sind sie von einem Gehäuse geschützt, zum anderen heizen sich je nach Beanspruchung des Telefons, der Innentemperatur und der Datenverbindung unterschiedlich auf. Spielt jemand ein Auto-Rennspiel auf dem Smartphone, erhitzt sich das Gerät entsprechend stärker, als würde es im Standby auf dem Schreibtisch liegen.

Neugierige App

Zeigen aber mehrere hundert oder gar tausend Smartphones an einem Standort die gleiche oder zumindest eine ähnliche Temperatur an, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man sich hier der tatsächlichen Temperatur annähert. Stellt man diese Werte dann noch in Verbindung zu den offiziellen Werten von Wetter-Apps und Messstationen, kann man sich der tatsächlichen Temperatur weiter annähern. Noch weiter verbessern lässt sich das Ergebnis, wenn man die wahrscheinliche Quelle einer Temperaturerhöhung herausrechnet, wenn die App also “weiß”, welche Anwendungen im Hintergrund laufen und mit welcher Datenverbindung ein Nutzer unterwegs ist.

Der Zugang zu den Daten ist gleichzeitig das Problem: Nicht jeder Smartphone-Nutzer wird diese freigeben wollen. Die App OpenSignal – das Erstprojekt der Entwickler – lässt sich bereits heute für verschiedene Datenauswertungen benutzen. Und sie kommt auffällig neugierig daher, will etwa über Telefongespräche Bescheid wissen und auf Kurznachrichten Zugriff haben. WeatherSignal will Zugriff auf den Datenspeicher des Telefons und hier auch Daten löschen dürfen. Nicht alle Nutzer dürften bereit sein, interessante Forschungsergebnisse mit ihren Daten zu bezahlen.

Im Test ungenau

Screenshot_2013-08-15-11-15-51

Screenshot_2013-08-15-11-15-51

Bei mir im Test mit einem Huawei Ascend P6 lieferte WeatherSignal interessante Daten: Bei aktuell geschätzten 20 Grad Celsius in Bonn und dank geöffneter Balkontür auch in meinem Zimmer zeigte die App zunächst 12 Grad an, um sich nur kurze Zeit später auf gut 15 Grad einzupendeln. Ich spielte ein Rennspiel, um die Genauigkeit des Geräts zu testen. Nach zwei Runden und ca. 5 Minuten, in denen ich das Smartphone dafür in der Hand hielt, war die Temperatur auf 21 Grad gestiegen. Sie erhöhte sich also durch die verstärkte Nutzung, kletterte aber erstaunlicherweise nicht weiter hinauf, als ich zwei weitere Runden des Spiels absolvierte.

Zehn Minuten nachdem ich das Smartphone danach wieder aus der Hand gelegt hatte, zeigte das Smartphone 15 Grad an. Nach anschließend zehn Minuten in der Hosentasche errechnete WeatherSignal 17,5 Grad. Weitere zehn Minuten später, nachdem ich das Telefon wieder auf meinen Schreibtisch gelegt hatte, maß die App nur noch 13 Grad. Nach Angaben der Entwickler soll die App mit einer Fehlertoleranz von 1,5 Grad messen. In der Praxis sieht es leider anders aus. Noch steht WeatherSignal allerdings am Anfang der Entwicklung und ist nach Angaben der Entwickler nur ein Prototyp.

Wetterstation Galaxy S4

Schon jetzt misst WeatherSignal übrigens mehr als nur die Temperatur. Je nach verbauten Sensoren kann sie auch den Luftdruck, die Lichtstärke (in Lux), Beschleunigung und Magnetfelder messen. Mit dem Samsung Galaxy S4 lässt sich aufgrund entsprechender Sensoren auch die Luftfeuchtigkeit bestimmen. Android-Geräte, die dank eines integrierten Barometers den Luftdruck messen können, sind nach Angaben der Entwickler unter anderem das Nexus 4, das Nexus 10, Galaxy S3 und S4, Galaxy Note 1 und 2, Motorola Xoom und Razr Maxx HD sowie das Xiaomi MI-2.

Die OpenSignal-Entwickler haben die Idee zusammen mit Wissenschaftlern als Forschungsprojekt veröffentlicht. Künftig sollen sich mit der App noch weit bessere Ergebnisse erzielen lassen und mit dem Einbau weiterer Sensorik auch weit mehr verschiedene Daten. Ansteckgeräte wie Thermodo können dann dabei helfen, noch verlässlichere Werte zu liefern.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist freier Technikjournalist, Innovationsberater und Skeptiker.

Mehr lesen

Fever Smart: Das Pflaster mit eingebautem Thermometer

1.10.2014, 3 KommentareFever Smart:
Das Pflaster mit eingebautem Thermometer

Kränkelt das Kind? Hat es Temperatur? Hat sie sich in den letzten Stunden verändert? Diese Fragen kennen Eltern. Das Crowdfunding-Projekt „Fever Smart“ greift einem hier – bildlich – unter die Arme.

Clime: Ein Sensor, der Thermometer, Hygrometer und andere Messinstrumente arbeitslos macht

18.7.2014, 2 KommentareClime:
Ein Sensor, der Thermometer, Hygrometer und andere Messinstrumente arbeitslos macht

Clime ist ein kleiner praktischer Helfer für die Wohnung: Der Sensor misst beispielsweise Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Helligkeit und übermittelt die Daten ans Smartphone. So hat man beispielsweise das Klima seiner Pflanzen immer im Blick.

Smartphone-Thermometer Thermodo im Test: It\'s getting (too) hot in here

30.6.2014, 4 KommentareSmartphone-Thermometer Thermodo im Test:
It's getting (too) hot in here

Thermodo wird in die Kopfhörerbuchse eines Smartphones gesteckt und zeigt ab dann mit Hilfe einer App die aktuelle Temperatur an. Nur welche eigentlich? Das wurde bei uns im Test leider nicht so ganz klar und das macht das ansonsten eigentlich praktische Gerät fast unbrauchbar.

StormTag: Wetterstation zum Anstecken

28.6.2014, 2 KommentareStormTag:
Wetterstation zum Anstecken

Stormtag+ ist ein geldstückgroßer Sticker, der Temperatur, UV-Licht, Luftfeuchtigkeit und -druck messen und die Daten an ein Smartphone liefern kann. Aus allen Daten der Nutzer will Gründer Jon Atherton eine Outdoor-Wettercommunity befüttern.

Ein Kommentar

  1. Naja…
    Wenn das richtig messen soll, müsste das Smartphone ja im Freien sein, und dann noch offen rumliegen.

    Meine Erfahrungen mit dem Garmin Edge Fahrradcomputer zeigen, das es trotz Fahrtwind mindestens 20 Minuten dauert, bis die Temperaturanzeige stimmt, wenn das Gerät vorher im Haus/Tasche war.

Ein Pingback

  1. [...] Pfiffige Idee einer britischen App-Schmiede: Winzige Sensoren, die ein Android-Handy vor Überhitzung schützen, werden eingesetzt, um die Temperatur an einem Ort genauer zu bestimmen.  [...]

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen.

* Pflichtfelder