Sailfish OS:
Jollas erstes Smartphone und die Frage der Apps

Die finnische Softwareschmiede Jolla hat das erste Smartphone mit dem neuen Sailfish OS vorgestellt. Noch fehlen viele Details, Jolla stellt aber einen Liefertermin für Ende des Jahres und einen Preis nicht höher als 399 Euro in Aussicht. Wird das reichen, um verwöhnte Europäer zu einem Wechsel von iOS und Android zu bewegen? Jollas Vorteil: Android-Apps sollen darauf laufen – allerdings wohl nur mit Einschränkungen.

Bunt, mit austauschbarem Cover: das erste Jolla-Phone

Bunt, mit austauschbarem Cover: das erste Jolla-Phone

Geht es um den Verkauf, wird der an einen Späthippie erinnernde Jolla-CEO Marc Dillon im Video plötzlich ernst: “Ich bin so begeistert, euch das erste Phone mit Jolla OS vorzustellen. Aber damit es ein Erfolg wird, brauchen wir eure Hilfe.” Die Interessenten sollen zeigen, dass es einen Markt für Jolla gebe. Blogger werden gebeten, darüber zu schreiben, App-Entwickler und Designer werden aufgerufen, Apps und Designs für Sailfish OS zu entwerfen. Wer Interesse an dem Gerät habe, solle die Vorbestellkampagne unterstützen. Und das wichtigste von allem: “Jolla ist eine Bewegung”, so Dillon. “Tretet dem Stamm bei!”

Stamm? Bewegung? Moment mal. Auch Jolla ist ein Unternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht. Das verwendete System Sailfish OS ist größtenteils Open Source. Trotz allem stellt sich die Frage nach den Vorteilen, die die Nutzer damit hätten. Und kann Jolla wirklich eine Bewegung auslösen?

Das erste Jolla-Phone
Bunt, mit austauschbarem Cover: das erste Jolla-PhoneJollaPhone2JollaPhone3JollaPhone4


Zumindest mit den jetzt verkündeten, ersten technischen Details des geplanten Smartphones braucht sich Jolla nicht zu verstecken:

  • 4,5-Zoll-Display -> wirkt im Video recht handlich
  • Dual-Core-Prozessor, der leider nicht genau benannt wird. Es dürften aber mindestens 2×1,0 GHz sein, was in etwa auf Augenhöhe mit Nokias Mittelklasse-Windows-Phones läge.
  • 4G-Chip, also LTE. Noch lange nicht Standard für alle neuen Smartphones.
  • 16 GB interner Speicher, was schon fast solider Durchschnitt ist. Dazu die Möglichkeit, den Speicher mit einer MicroSD-Karte zu erweitern.
  • 8-Megapixel-Hauptkamera mit Autofokus -> aktueller Standard
  • Ein austauschbarer Akku -> mittlerweile schon eher die Ausnahme als die Regel. Leider verrät Jolla noch nichts über die Kapazität.
  • Außerdem soll Sailfish OS mit Android-Apps kompatibel sein.

Die jetzigen technischen Details lassen sich sehen und auch das Design des ersten Jolla-Phones wirkt auf mich alles andere als abschreckend. Der Preis scheint für die Hardware auf den ersten Blick in Ordnung zu gehen, wobei ich hier natürlich gerne noch viel mehr Details hätte, um eine abschließende Aussage zu treffen. Hier das Gerät auch noch einmal im Video mit Jolla-Mitgründer Marc Dillon:

Wesentlichster Unterschied zu anderen modernen Smartphones also: Man bekommt Sailfish OS. Ist das ein Vorteil? Wir hatten das System hier in der Vergangenheit bereits vorgestellt und konnten ihm einiges abgewinnen. Das Bedienkonzept, das vor allem auf Gesten basiert, wirkt frisch. Die Oberfläche ist durchaus etwas fürs Auge, der Umgang mit Multitasking mit Vorschau-Funktionen wirkt modern. Nutzerdaten lagern nicht bei einem Großkonzern wie Google, Apple oder Microsoft in der Cloud, sondern, nun ja, bei einem kleineren Unternehmen.

Aber Android-Kompatibiltät hin oder her: Ein großes Problem wird für Jolla die App-Frage sein. Schaut man sich an, wie stiefmütterlich beliebte Apps selbst für die bekannten Systeme der Branchenschwergewichte Microsoft und Blackberry herausgebracht werden, muss man sich fragen, welcher Entwickler auch noch für Jolla Ressourcen zur Verfügung stellt. Ja, wenn Android-Apps nativ in dem System laufen, tief integriert sind, auf alle Basisfunktionen zugreifen können und man sie ebenso leicht finden und installieren kann wie im Play Store, dann würde man mit einem Jolla-Phone nicht viel falsch machen.

Android-Apps sollen laufen, aber nicht nativ

Nach Erfahrungen mit dem Blackberry 10, wo ebenfalls damit geworben wird, dass Android-Apps dort laufen, bin ich allerdings vorsichtig geworden, was solche Versprechen angeht. Android-Apps laufen in Blackberry 10 in einer Art Sandbox. Optisch ist daran meist nichts auszusetzen, konzeptionell fehlen bei der Nutzung von Android-Apps allerdings einige native Funktionen wie der Zugriff auf Kontakte, Kalender oder Nachrichten. Abgesehen von Apps, die für die Blackberry World portiert wurden, gibt es für Android-Apps auf BB10 auch keinen Store. Man muss sie vielmehr mit Hilfe eines PCs über einen Sideload auf das Endgerät überspielen. Die Routine, einmal erprobt, funktioniert recht leicht, ist allerdings mit dem Komfort der Installation im Play Store auf Android-Geräten nicht zu vergleichen. Und bei Sailfish OS? Von Jolla heißt es dazu:

“Viele Android-Apps werden auf Jolla-Geräten unverändert laufen. Wenn ihr alle Vorteile des UIs und anderer Features des Sailfish OS nutzen wollt und eure Anwendungen schnell machen wollt, könnt ihr sie auf natives Qt/QML portieren.”

Das klingt nicht gerade so, als liefen Android-Apps auf Sailfish OS ohne Einschränkungen. Trifft das auch so ein, dann wäre Jolla kein Android 2, sondern nur ein weiteres System, dem viele native Apps fehlen. Bliebe zuletzt eine Antwort auf die Frage, was eigentlich so schlecht an Android sein soll, dass man unbedingt wechseln muss. Okay, die Datenkrake Google. Die allerdings präsentiert sich gerade beim Thema Android in den vergangenen Jahren sehr innovativ und rüstet das System stets mit neuen, attraktiven Funktionen aus. Allenfalls die Update-Problematik ist ein Manko. Da aber selbst die jüngeren Systeme Windows Phone und Blackberry 10 ihren Kunden hier inzwischen recht lange Wartezeiten zumuten, steht zu erwarten, dass fast kein System vor diesen Problemen gefeit ist. Je mehr Geräte ein Ökosystem hat, desto länger dauert es meist auch mit Updates. Jolla hat hier allenfalls einen Anfangsvorteil.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

Mehr lesen

Mobile Betriebssysteme: Die Geheimfavoriten, die Etablierten und die Außenseiter

14.8.2013, 11 KommentareMobile Betriebssysteme:
Die Geheimfavoriten, die Etablierten und die Außenseiter

Android ist mittlerweile auf fast 80 Prozent aller neu verkauften Smartphones installiert, das iPhone mit iOS bleibt aber das meist gewählte Modell und dann ist da auch noch Nokia mit Windows Phone. Welche mobilen Betriebssysteme gibt es noch? Und wie sehr ist mit ihnen zu rechnen? Ein Überblick.

Mobile Betriebssysteme: Endlich Mut zur Revolution

3.1.2013, 12 KommentareMobile Betriebssysteme:
Endlich Mut zur Revolution

In diesem Jahr sollen mit Blackberry 10, Jollas Sailfish OS, Tizen, Ubuntu und Firefox OS mindestens fünf neue mobile Betriebssysteme auf den Markt kommen. Neue Versionen von iOS und Android werden erwartet. Jeder der Anbieter setzt dabei auf clevere Innovationen, doch so recht wagt sich keiner damit aus der Deckung. Noch nicht.

Sailfish OS: Warum Innovationen für Jollas neues System alleine nicht ausreichen

2.1.2013, 9 KommentareSailfish OS:
Warum Innovationen für Jollas neues System alleine nicht ausreichen

Die Nokia-Aussteiger Jolla haben eine Demo ihres neuen mobilen Systems Sailfish OS vorgeführt. Das bietet zwei echte Killerfeatures, aber es dürfte nicht reichen, um erfahrene iOS- und Android-Nutzer zu einem Wechsel zu bewegen. Die Finnen müssen auf Neukunden und Schwellenmärkte setzen.

Sailfish OS: Warum Innovationen für Jollas neues System alleine nicht ausreichen

2.1.2013, 9 KommentareSailfish OS:
Warum Innovationen für Jollas neues System alleine nicht ausreichen

Die Nokia-Aussteiger Jolla haben eine Demo ihres neuen mobilen Systems Sailfish OS vorgeführt. Das bietet zwei echte Killerfeatures, aber es dürfte nicht reichen, um erfahrene iOS- und Android-Nutzer zu einem Wechsel zu bewegen. Die Finnen müssen auf Neukunden und Schwellenmärkte setzen.

Nach Microsofts Quadcore-Vorstoß: 17 brauchbare Smartphones unter 100 Euro

24.7.2014, 2 KommentareNach Microsofts Quadcore-Vorstoß:
17 brauchbare Smartphones unter 100 Euro

Microsoft hat das preiswerteste Einsteiger-Windows Phone im Preis halbiert und ihm einen Quadcore spendiert. Nun geht der Preiskampf bereits ab 99 Euro los. Was hat die Konkurrenz dem derzeit entgegen zu setzen? Eine Übersicht.

Back to the Roots mit Dimple: Zusätzliche Tasten für Android-Geräte zum Ankleben

11.7.2014, 4 KommentareBack to the Roots mit Dimple:
Zusätzliche Tasten für Android-Geräte zum Ankleben

Smartphones und Tablets zeichnet unter anderem aus, dass sie möglichst wenige Tasten und Knöpfe bieten. Stattdessen werden sie über das Touch-Display bedient. Das Crowdfunding-Projekt Dimple geht quasi zurück zu den Wurzeln der Technik und bietet für mobile Devices zusätzliche Buttons als Klebestreifen an.

Xperia C3: Sony schlachtet Sommertrend für Selfie-Smartphone aus

8.7.2014, 0 KommentareXperia C3:
Sony schlachtet Sommertrend für Selfie-Smartphone aus

Selfies sind der Modetrend des Jahres und Smartphone-Hersteller Sony will nun mit dem Selfie-Smartphone C3 davon profitieren. Das neue Mittelklasse-Gerät verfügt über eine 5-Megapixel-Frontkamera mit LED-Blitz und Selfie-Apps. Braucht sicher nicht jeder, kann aber auch nicht schaden, das bisher vernachlässigte Detail einmal aufzuwerten.

6 Kommentare

  1. Ich bin sehr gespannt, wie das Jolla wirklich sein wird. Das Konzept und das Design und die Software überzeugen mich jedenfalls. Nur die Katze im Sack möchte ich dann doch nicht kaufen – vor allem, wenn es erst Ende des Jahres fertig ist.

    Aber wenn die Akkulaufzeit gut ist, und auch sonst alles in Ordnung, dann wird das wohl mein nächstes Handy. Bis dahin muss sich mein Uralt-Android wohl leider noch etwas gedulden!

    Alternativ: auch FF OS oder Ubuntu interessieren mich, aber die UI vom Jolla ist doch ungeschlagen.

  2. Ich sehe das Ganze nicht so skeptisch. Über Jolla bin ich zufällig gestolpert, als ich – auf der Suche nach einem neuen Handy – nach Abklopfen meiner Prioritätenliste noch ca. 6 Geräte zur Auswahl hatte.
    Darunter war auch das Nokia N9. Für das ich mich letztlich aus purer Neugier auf das Betriebssystem entschied (bin seit jeher Android-Userin gewesen).
    In den Rezensionen war als Knackpunkt immer wieder das von Nokia “verstoßene” Betriebssystem genannt worden – zu späterem Zeitpunkt dann mit Querverweisen auf Jolla Sailfish.

    Das N9 begeistert mich jeden Tag aufs Neue. Die Benutzerführung ist einfach ein Genuss und ich wede nicht mehr gezwungen, in den Untiefen irgendwelcher Menüs zu suchen, um eine Funktion zu finden, die ich gerade benötige.

    Genau aus diesem Grund habe ich das Jolla-Smartphone auch schon vorbestellt. Gründe:
    1) Ich halte das Risiko für gering. Die Leute, die hier ihre Finger im Spiel haben, waren ja auch die Entwickler des N9. Sie wissen, wie man Telefone baut und ein Betriebssystem zum Laufen bekommt.

    2) Auch ich als “Durchschnittskunde” – also ohne Progammierambitionen oder übermäßige technische Kenntnis – bin von der Idee hinter Sailfish fasziniert und fühle mich als User endlich einmal ernst genommen. Denn hier ist das Produkt auf die individuellen Ansprüche des Kunden und nicht auf die des Herstellers zugeschnitten.

    3) Die Geschichte hinter dem N9 und jetzt hinter Jolla ist so faszinierend und der Mut dieser Menschen so bewundernswert, dass der Versuch, sich in diesem überladenen, asiatisch dominierten Markt mit 60 Leuten Stammbelegschaft zu etablieren, meiner Meinung nach jede Unterstützung verdient.

    4) Die Idee mit “The second half” – dem Backcover, dass man je nach Bedarf tauschen und damit zusätzliche Features installieren kann (gemunkelt wird von einem stärkeren Blitz oder einer mechanischen Qwertz-Tastatur) ist einfach genial!

    5) Ich mag das minimalistische Design.

    6) Ich freue mich auf mein neues Smartphone und wünsche Jolla viel Glück auf dem weiteren Weg!

  3. hm, wenn die anderen probleme haben dann ist es vielleicht doch nicht so schlecht einfach android zu nehmen? so schlecht is android ja nicht? vom standpunkt einer analyse ist diese konklusion weniger als eindimensional. finde es etwas schwierig leser regelrecht in android hineinzureden anstatt kritisch zu bleiben und alternativen aufzuzeigen.

  4. @ Fabrizia, hast Du den dass Telefon bereits bekommen, bzw. wann wird es so weit sein? Auch ich hatte mir nach viel hin und her in diesem Jahr das “alte” N9 gekauft, und bis jetzt immer noch sehr zufrieden. Jolla interessiert mich sehr, nicht wegen aktueller Kaufabsichten, eher als Fortsetzung der N9-Geschichte und Adresse für später. Über einen Test/Bericht würde ich mich freuen.

    @ Jürgen, oder hast Du vor darüber zu berichten, bzw. eine Deiner Langzeiterfahrungen (wie mit BB10 und WP) zu veröffentlichen?
    Die Zielgruppe wird wohl leider nicht sehr groß sein, das ist eigentlich klar, aber das Thema ist etwas Besonders, glaube ich zumindest.

    • Würde ich gerne. Stelle ich mir hier etwas schwerer vor, ein Testgerät zu bekommen, aber ich versuch’s mal!

  5. Hallo Jürgen, habe einen Test hierzu gefunden, sicher etwas euphorisch aber… http://pocketpc.ch/c/5614…ailfish-os-test.html
    Das Telefon gibt es bis Sonntag 40 Euro günstiger, mir jucken die Finger :-)

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

* Pflichtfelder