Streaming auf eigene Geräte:
Warum die nächste Generation Bordprogramm der Bahn nach einer guten Idee klingt

Es spielt eigentlich keine Rolle, ob die Bahn ein intern diskutiertes Bordprogramm in neuen ICEs wirklich einführt. Denn die Idee ist gut und sollte auch bei Fluggesellschaften und Busunternehmen Schule machen: Games oder Videos würden sich vom Server auf ein eigenes Gerät streamen lassen. Bring your own device – auch für das Bordprogramm.

ICE: Künftig mit eigenem Bordprogramm? Bild: Ting Chen via Flickr.

ICE: Künftig mit eigenem Bordprogramm? Bild: Ting Chen via Flickr.

Das beste Bordprogramm, das ich jemals hatte, war auf einem Inlandsflug in den USA. Ich konnte zwischen verschiedenen Spielfilmen wählen, sie starten und anhalten, wann ich wollte. Ich konnte in die neuesten Alben reinhören, einige gar nicht so schlechte Spiele spielen. Was dem verwöhnten Nutzer von heute dafür wenig Spaß machte: die miese Auflösung des im Vordersitz integrierten Screens, die Anfälligkeit des Servers und der träge, nicht gerade berührungssensitive Touchscreen. Immerhin: Es gab ein Bordprogramm, noch dazu ein personalisiertes.

Wie die Zukunft eines modernen Bordprogramms aussehen könnte, wird laut eines Berichts des “Tagesspiegel” derzeit intern bei der Bahn diskutiert. ICEs könnten künftig mit einem personalisierten Bordprogramm ausgerüstet werden, das aber anders als in Flugzeugen üblich nicht über eingebaute Bildschirme verfügbar wäre. Vielmehr würden sich Filme und Games auf die eigenen Notebooks oder Tablets der Fahrgäste streamen lassen. Die nächste Generation Bordprogramm. Sinnvoll oder nicht?

Bring deine eigene Unterhaltungskonsole

Die erste Frage stellt sich hier praktisch schon nicht mehr: Ob ein Verkehrsunternehmen gut damit fährt, eingebaute Screens komplett wegzulassen und auf die Gadgets der Nutzer zu vertrauen. Hier kann die Antwort nur “ja” lauten. So schnell wie die Entwicklung auf dem Smartphone- und Tablet-Markt verläuft, kann kein Verkehrsunternehmen der Welt seine Sitze mit neuen Bordgadgets kostengünstig ausrüsten. Darauf ganz zu verzichten, gibt den Fahrgästen außerdem die Möglichkeit, ihr jeweiliges Lieblings-Gadgets dafür zu benutzen. Mehr Komfort für die Gäste, und die Reisegesellschaft spart auch noch viel Geld damit. Hierauf sollten Fluggesellschaften einen besonderen Blick werfen: Was hier bei der Bahn diskutiert wird, dürfte auch für sie der nächste logische Schritt sein. Wichtiger als ein eingebauter Screen wäre eine Steckdose an jedem Platz.

Testbetrieb könnte Ende 2014 starten

Die andere Frage wäre, ob man heutzutage überhaupt noch ein eigenes Bordprogramm braucht. Wenn der Fahrgast ohnehin schon sein eigenes Gadget mitbringen soll, dann könnte er es ja auch gleich Zuhause mit seinen Lieblingsmedien bestücken. In Zeiten von LTE könnte man sich zumindest in ICEs unterwegs seine eigenen Filme oder Musik sogar selbst herunterladen (“Bring your own broadband”). Der Bericht im “Tagesspiegel” spricht von einem Beginn des Probebetriebs Ende 2014, was im Jargon der Bahn heißt, dass erste ICEs vielleicht 2016 mit derartigen Servern ausgerüstet werden. Bis dahin dürfte LTE in den Ballungsgebieten nahezu flächendeckend verfügbar sein. Wozu dann noch ein eigenes Bordprogramm?

Bordprogramm nach wie vor interessant

Nun, die Versprechen der Mobilfunkprovider hin oder her: Der Weg zu einem überall verfügbaren mobilen Breitbandinternet mit günstigen Konditionen und echten Flatrates ist noch weit. Und wie man seine hiesigen Pappenheimer von O2 bis Telekom kennt, wird das Thema auch in drei Jahren noch nicht gegessen sein. Was uns auch 2016 mit etwas Pech noch fehlen könnte: eine echte Serien- und Filmflatrate mit immer den neuesten Sendungen im Abo. Die Bahn könnte hier mit dem neuesten Angebot an Unterhaltungssendungen punkten, wenn man es kostenlos anbietet. Wer weiß, vielleicht wird sogar dem einen oder anderen Gast die teure Fahrt im ICE damit wieder etwas schmackhafter gemacht.

Nicht alles verbreitet sich so schnell wie Tablets und Smartphones

Dass bis Ende 2014 zusätzlich jeder ICE mit WLAN-Hotspots ausgerüstet werden soll, ist ehrenwert und überfällig. Wer aber schon einmal die Telekom-Hotspots in einem ICE benutzt hat, weiß, dass das nicht das Gelbe vom Ei ist: eine zu geringe Bandbreite, die von zu vielen Nutzern beansprucht wird. Da doch lieber die Möglichkeit, ohne Internetnutzung auf ein internes Netzwerk zuzugreifen. In Flugzeugen, wo es mit einer eigenen LTE-Versorgung verständlicherweise schlecht ist, gilt das gleiche.

Zusätzlich plant die Bahn weitere Services: Nachrichten, Bestellungen beim Bordbistro direkt am Platz oder ein Alarm, wenn der ICE sich dem gewünschten Ziel nähert. Das wiederum könnte relativ problemlos auch über eine eigene App gelöst werden. Schon heute gibt es etwa einen Verspätungsalarm für Pendler. Aber Services im Zug und die nächste Generation Bordprogramm als solches haben durchaus noch ihre Daseinsberechtigung. Gerade, wenn die Einführung einiger Technologien doch etwas schwerfälliger vonstattengeht als die virale Verbreitung neuester Smartphones und Tablets.

Via Mobilbranche.de, Bild: Ting Chen via Flickr unter CC-Lizenz BY-SA 2.0.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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4 Kommentare

  1. Ich hatte vor wenigen Tagen darüber gebloggt, wie ich “Bring my own device” und “Bring my own content” bevorzuge.
    http://martinweigert.com/…ong-distance-flight/

    Insofern bin ich mir nicht sicher, inwieweit überhaupt irgendein Bordprogramm notwendig ist. Ich bin eher ein Anhänger von “No Frills”. Weg mit Zusatzleistungen, welche die Betriebskosten und damit die Preise erhöhen.

    • Ich seh das etwas pragmatischer. Flächendeckendes WLAN habe ich im ICE noch nicht und die Betriebskosten sind ohnehin schon derart hoch, dass es auf 5% mehr auch nicht mehr ankäme. Wenn ich keine Wahl habe zwischen No Frills und Premium, dann soll Premium mir auch was bieten.

  2. Klingt doch nach einen sehr Sinnvollen Projekt. Ich bin voll dafür und wie schon erwähnt, lassen sich dabei nicht gerade unerheblich viele Kosten einsparen. Ich werde die Planung jedenfalls weiter im Auge behalten. Danke für die Info. Klasse Artikel.

  3. Bordprogramm gut und schön. Kann jeder halten und anbieten, wie’s ihm beliebt und wie es gebraucht wird. ABER davor steht ja bei der Basis-Infrastruktur Bahn erst mal eine Voll-Implementierung der Basis-Infrastruktur Internet an. Also preiswertes WLAN vom ICE bis zur untersten Regionalbahn. In städtischen S-Bahnen wie in Berlin braucht man ja erst mal weniger WLAN, weil in Städten fast flächendeckend UMTS verfügbar ist.

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