Pivothead Kamerabrille:
Wenn die Sonnenbrille filmt, geht deine Privatsphäre flöten

Wer nicht auf Googles “Wunderbrille” Glass warten will, kann sich jetzt zumindest eine Sonnenbrille mit integrierter Full-HD-Kamera kaufen. Nur wer braucht sowas?

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Kamerabrille Pivothead Durango Smoke

Die Idee von Google Glass ist nett, das muss auch ich zugeben: ein Android-Device, befestigt an einer Art Brillengestell. Mit der integrierten Kamera kann man jederzeit fotografieren oder filmen, was man selbst gerade sieht. Apps erweitern den Funktionsumfang von Google Glass. Das Ganze ist derzeit noch in einem Prototypen-Stadium, wird aber dennoch heiß diskutiert.

Kamerabrillen boomen

So mancher Hersteller hat sich diesem Hype nun angeschlossen und entwickelt eigene Versionen “intelligenter” Brillen. Darunter Pivothead mit Sonnenbrillen inklusive Full-HD-Kamera. Die Idee dahinter: Man erlebt spannende Dinge und nimmt sie gleichzeitig über die Sonnenbrille in Full HD auf. Ein 44,4 kHz Mikrofon auf der Vorderseite der Brille sorgt für die Soundaufnahmen.

Pivothead Full-HD-Kamerabrillen
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Technische Schwächen

Die Idee ist interessant, doch wer sich etwas intensiver mit Videoaufnahmen beschäftigt, wird die Schwachpunkte dieser Kamera schnell entdecken. Zum einen wird es schwierig sein, ein unverwackeltes Bild hinzubekommen. Unbewusst ist unser Kopf immer in Bewegung. Um ein stabiles Bild im Video hinzubekommen, braucht es dagegen eine verkrampfte Haltung. Wer möchte aber so herumlaufen und Videos aufnehmen? Zum anderen (und das steht nur im Kleingedruckten) hält die Kamera gerade mal eine Stunde durch, dann ist der Akku leer. Für Abenteuer unterwegs, Sport Events oder Feiern ist eine Stunde quasi nichts. Auf der Webseite des Herstellers findet sich ein Link zum YouTube Kanal der Firma. Auf diesem Kanal findet man zahlreiche Videos, die mit der Kamerabrille erstellt wurden.

Tonaufnahmen bei lauter Umgebung unmöglich

Die Qualität der Videos ist gut. Besonders wenn genügend (Tages)licht vorhanden ist, sind die Aufnahmen scharf und ausgeglichen. Bei schwierigen Lichtverhältnissen verhält sich die Kamera aber auch wie jeder andere Kamera in diesem Preisrahmen: die Bildqualität lässt nach. Hoch anrechnen muss man der Firma allerdings, dass sie ebenfalls Videos hochgeladen hat, bei denen man die Schwächen des Mikros erkennt. Wenn der Ton zu laut ist, stottert er und es gibt Tonausfälle. Fairerweise muss man hier aber sagen, dass es nur sehr wenige Kameras im niedrigen Preissegment gibt, die laute Tonaufnahmen einigermaßen verzerrungsfrei aufnehmen können. Wer sich eine solche Kamerabrille holen will, um Konzerte aufzunehmen, sollte sich also im Klaren sein, dass die Tonaufnahmen miserabel sein werden.

Die Sache mit der Privatsphäre

Ein anderer Aspekt wird leider auch viel zu selten hervorgehoben: Eine Kamerabrille zeigt sich nicht offensichtlich als Kamera. Damit ist es möglich, relativ unbemerkt Videoaufnahmen zu machen. Greift man damit in die Privatsphäre Dritter ein, sehe ich das sehr kritisch. Natürlich kann man auch mit einer normalen Kamera in der Öffentlichkeit filmen, doch sehe ich auf der Straße jemanden mit einer Kamera ein Video drehen, erkenne ich dies sofort, und kann aus dem Bild gehen. Mit so einer Brille habe ich diese Möglichkeit nicht, denn die Kameras in diesen Brillen sind meist so klein und versteckt, dass man schon sehr nah vor dem Träger stehen muss, um diese als Kamera zu erkennen.

Ich möchte nicht den Spielverderber spielen, denn ich weiß, dass viele Leute sich auf diese neuen Gadgets im Handel stürzen und sehr begeistert von der Idee sind. Wer wollte als Kind nicht auch einmal Detektiv sein und wie Inspector Gadget spannende Geräte haben, mit denen er die skurrilsten Dinge tun kann? Aber man darf bei jeder technischen Entwicklung nicht nur die Stärken und Schwächen sehen, sondern auch immer fragen, was man dafür aufgibt. Wenn es die Privatsphäre ist, ist es sinnvoll abzuwägen, was einem wichtiger ist. Greift man in die Privatsphäre Dritter ein, erst recht.

 

Ricarda Riechert

Ricarda Riechert ist Autorin bei neuerdings und dem Euronics Trendblog. Sie kann sich sowohl für neue Gadgets, als auch für Fotografie begeistern. Ihre Gamingleidenschaft lebt sie bei Elvun aus.

4 Kommentare

  1. Gut, die Kameras in Brillen gibt es wirklich schon einige Jahre. Auch in HD. Jede Suchmaschine findet mit dem Stichwort “Kamerabrille” etliche Angebote. Die Preise sind teilweise sehr günstig, besonders im Vergleich zu dem hier gezeigten Produkt.

    Gut finde ich den Hinweis auf die Privatsphäre. Allerdings ist es nicht korrekt, dass Aufnahmen im öffentlichen Raum mit offen geführter Kamera grundsätzlich rechtlich unproblematisch sind.

  2. Komisch, wenn in den Nachrichten Aufnahmen von der Fußgängerzone, Strand oder vom Biergarten gezeigt werden regt sich keiner über Privatsphäre auf. Dabei hat diese Leute auch niemand gefragt ob sie im Fernsehen gezeigt werden dürfen.

  3. Wer mich persönlich mit so einem Ding filmt, dem nehm ich’s weg.
    Egal wo.
    So einfach geht das.

  4. Hmmm was schmerzt wohl mehr? Eine Strafanzeige wegen Diebstahl oder die Gegenanzeige (wenn du denn die geistige Kapazität hast eine solche zu erstatten) wegen verletzung der Rechte am eigenen Bild? :-D Ach ja, Diebstahl ist ja eine Straftat, während Persönlichkeitsverletzungen, solange es nicht um Aufnahmen im Privatbereich geht ein rein zvilrechtlicher Tatbestand sind…. Dr. Faust ist zwar eine nette literarische Anleihe, doch eben nur ne Anleihe, da jemand mit nem Dr. Titel der Tatbestandsmässigkeit des angedrohten Verhaltens gewahr wäre…

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