Mobile Systeme:
Das merkwürdige Buhlen um die begehrtesten Apps

Schon das Fehlen einer App kann Nutzer vom Wechsel auf ein anderes Betriebssystem abhalten. Die App-Auswahl ist mittlerweile eines der wichtigsten Argumente für ein mobiles OS geworden, macht Entwicklungen zu einem Politikum – und verleitet die Anbieter manchmal zu sonderbaren Handlungen.

Blackberry World: Gespickt mit portierten Android-Apps

Blackberry World: Gespickt mit portierten Android-Apps

Zu meinem Beruf gehört es, neue Smartphones auszuprobieren. Um sie möglichst genau zu testen, ziehe ich für gewöhnlich ein bis zwei Wochen komplett auf das Testgerät um. Nach dem Test des Lumia 620 wäre jetzt eigentlich ein Blackberry Z10 dran. Um damit im Alltag arbeiten zu können, fehlt mir dort allerdings ein nativer WhatsApp-Client. Den brauche ich praktisch täglich: Weil fast jeder meiner Freunde inzwischen dort präsent ist und einige nur noch darüber kommunizieren, würde das Fehlen von WhatsApp mein Privatleben ein gutes Stück weit beeinträchtigen.

Eine native App soll noch im März für Blackberry 10 folgen. Außerdem soll es die Möglichkeit geben, sich die Android-App für WhatsApp für Blackberry 10 zu portieren (was bei mir im ersten Anlauf misslang). Mittelfristig wird es dort eine Lösung geben. Das Beispiel zeigt aber, wie notwendig es für die Hersteller heute ist, die wichtigsten Apps auf jeden Fall mit an Bord zu haben. Das Z10 mag das Lumia 620 zwar bei allen technischen Eigenschaften und auch beim Gesamteindruck des Betriebssystems schlagen, und trotzdem benutze ich heute das technisch schwächere Phone – aufgrund nur einer App.

Mobile Betriebssysteme
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Die Anbieter mobiler Systeme wissen um die Wichtigkeit von Apps und sie wissen, dass Entwickler-Ressourcen heute knapp sind. So mutet es heute als Hiobsbotschaft an, wenn das US-Techblog All Things D eine Quelle auftut, die berichten kann, dass die Foto-App Instagram in nächster Zeit nicht für Blackberry 10 kommen werde, vielleicht sogar nie. Dass man das eigene mobiles System ohne Apps wie Facebook praktisch vergessen kann, wusste und weiß auch Microsoft. Ebenso, wie die Facebook-App für BB10 von Blackberry stammt, so hat Microsoft die Facebook-App für Windows Phone selbst erstellt. Die ist in ihrem Funktionsumfang stark limitiert und erhält entsprechend schlechte Rezensionen im Windows Phone Store. Die Apps für Facebook und Twitter in der Blackberry World haben eine durchschnittliche Bewertung von 2 von 5 Sternen. Die Nutzer sind zwar nicht zufrieden – die Plattformanbieter wissen aber genau, dass eine schlechte App noch deutlich besser ist als gar keine App.

Facebook-App selbst programmiert

Gegen das Dilemma können Microsoft und Co. nicht viel mehr unternehmen, als selber Apps zu schmieden, Entwickler zu entlohnen oder kreativ zu werden. Wenn Anbieter wie Instagram und Netflix allerdings nicht mitspielen, können Microsoft, Blackberry und auch andere wie Mozilla und Jolla nicht viel machen. Entwickler sind heute begehrter und teurer denn je. Und sie stehen unter Druck: Um eine App für 90 Prozent der aktiven Geräte herauszubringen, müssten sie 331 verschiedene Geräte unterstützen, fand Webanalyst Flurry heraus. Die nicht endende Fragmentierung von Android und die inflationär gestiegene Zahl an Betriebssystemen für mobile Geräte erhöht diesen Druck nur noch. Würde man nur 50 Prozent des Marktes abdecken wollen, reichen 18 Geräte. Kein Wunder also, dass Entwickler sich da zunächst um die wenigen Apple-Modelle kümmern, dann aufgrund des Marktanteils die Ressourcen in die hohen Anforderungen stecken, die die Android-Fragmentierung erfordert – und für die restlichen Systeme nur noch ein kümmerlicher Rest übrig bleibt.

Enttäuschende Android-Apps für Blackberry 10

Joshua Topolsky, Chef des US-Techblogs TheVerge, stieß kürzlich auf eine Merkwürdigkeit bei Blackberry 10: Entwickler können Apps einfach von Android portieren. Einige Systeme wie auch Jolla werben mit der Möglichkeit, die allerdings im Falle von BB10 mit einem gravierenden Nachteil erkauft ist: Die Apps laufen nicht rund, können nicht auf das Kernsystem zugreifen (und damit etwa keine Kontakte nutzen) und sehen eben auch so aus wie von einem anderen System. Vor einem Download aus der Blackberry World ließen sich diese Apps laut Topolsky nicht von nativen Apps unterscheiden. Die eigentlich wohl klingende Zahl von 70.000 Apps zum Start von Blackberry 10 könnte also schöngefärbt sein.

Nokia-App #2InstaWithLove

Nokia-App #2InstaWithLove

Und auf die Apps kommt es an. Der Mobile World Congress in diesem Jahr brachte kein Gerät hervor, das die Branche noch überrascht hätte oder sie zu Jubelarien anstimmen ließ. Für ein wenig Aufmerksamkeit sorgte im Vorfeld allenfalls das HTC One – weil es den Megapixelwahn nicht mitging und mit dem Blink Feed und der eigenen Kamera-App HTC Zoe ein besonderes Software-Feature der eigenen Oberfläche vorstellte. Ähnlich macht es Nokia. Für fehlende Apps auf Windows Phone schafft man eben eigene Alternativen wie “Here” (Maps und Navigation) oder aktuell in dieser Woche gleich zwei Instagram-Alternativen. Die wieder veröffentlichte App SophieLens ist nun kostenlos und soll Fotos mit Kunstfiltern aufhübschen. Mit der zweiten App #2InstaWithLove richtet sich Nokia direkt an Instagram. Es solle der beliebten Foto-Community zeigen, wie kreativ Windows-Phone-Nutzer sein können, heißt es in der Beschreibung der App. Man wolle die Stimme erheben, um Instagram auf Windows Phone aufmerksam zu machen.

Wenn es nun schon so weit ist, dass ein milliardenschwerer Geräte-Hersteller sich bei einem App-Anbieter einschmeicheln muss, dann ist die Zeitenwende erreicht: Es wird zunehmend egal, welche Hardware und welches Betriebssystem. Es kommt auf die Apps an. Mehr denn je.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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14 Kommentare

  1. Kann ich so unterschreiben. Ohne Whatsapp würde bei mir mittlerweile auch nichts mehr gehen. Mal davon abgesehen habe ich mir die sooooooo teure Jahreslizenz gegönnt(rund 0,80€) weil der 1 Jahres Testzeitraum abgelaufen ist.

  2. Wieso macht sollte man sich von einem Dienst so abhaengig machen, der zudem noch keine Sicherheits bietet. In der Regel kommuniziert man doch mit paar wenigen Leuten, dass kann man doch per Telefon oder SMS(-Flat) erschlagen…. Ich wuerde mich nicht so abhaengig von WhatsApp machen…

    • also ich kommuniziere sehr gern über whatsapp… es sind wirklich fast alle freunde dort und mangels telefon- oder sms-flat schreibe ich lieber dort.

      eigentlich seltsam, dass es keinen wirklichen konkurrenten gibt. Vielleicht gibt es mit dem firefoxOS ja endlich auch ein offenes messengersystem, was durch die html5-programmierung auf jedes OS portierbar sein sollte.

    • Man sollte es nicht tun, da hast du Recht. Aber wenn das Rad erstmal ins Rollen gekommen ist, lässt es sich so schnell nicht mehr stoppen. Der Trend (kostenlose SMS-Alternative, bei der alle sind) hat sich rumgesprochen. Die meisten meiner Freunde haben keine netzunabhängige SMS-Flatrate (ich werfe den Providern vor, die Möglichkeit nicht als Rettungsanker zu begreifen) und deswegen ist es eben WhatsApp. Würde ich mich von dort zurückziehen, würde ich von einigen Freunden künftig deutlich weniger hören…

    • Ich hab tatsaechlich WhatsApp vor Monaten deinstalliert. Und ja es stimmt, ich bin weniger kontaktiert worden. Wuerde ich meinen Facebook Account loeschen, so waere das gleich dem Leben auf einer einsamen Insel. Traurig.
      Dennoch kann ich ja nicht von den Leuten erwarten, dass sie 24/7 Online sind.
      Die Provider muessen flexibler werden. Den Trend haben sie tatsaechlich verpasst. Ob Joyn eine Option sein kann, wird sich demnaechst zeigen.

      Und wenn es Microsoft schafft, dass bisherige Programme einfach auf ein Windows Phone kopiert werden koennen, dann steigt die Anzahl von verfuegbaren Apps/ Programmen sehr rapide an und Windows wird sich im mobile Bereich auch durchsetzen…

  3. Ich benutze seit Jahren WebOS, deswegen war WhatsApp bisher kein Thema. Habe mir letztes Jahr ein BB PlayBook gekauft (welches ich ganz toll finde :-) ), darauf läuft eine AndroidVersion von WhatsApp, nach anfänglicher “Sturmphase” hat sich das Ganze für mich gelegt, mit Hinsicht auf die gezwungene “Offenheit” von WhatsApp (auf dem PlayBook läuft es im “Sandkasten”) denke ich, auf dem nächsten Telefon werde ich es nicht benutzen. Wo wir schon dabei sind, ich liebäugele stark mit dem Z10, und bin schon sehr gespannt auf den Testbericht hier.
    Kann sein dass ich da mit meiner Meinung ein Einzelfall bin, aber eine App ist nicht wirklich entscheidend, das Gesamtpaket ist es.

  4. Wieso wird eigtl immer so getan, als sei Winodws Phone 8 ein schlechtes OS und dem Blackberry gottgeben besser ist? Was ich auf der Präsentation gesehen habe reicht vom Aufbau und Flow her noch lange nicht an WP 8 ran!

    • Sie haben beide noch ihre Probleme und ihre klaren Vorzüge. Beispiel: In bald anderthalb Jahren Windows Phone (7 wie 8) habe ich noch keine einzige stabile WhatsApp- oder Spotify-Version vorgefunden. Multitasking bleibt ein Riesenproblem und der Versuch, etwas wie Notifications anzubieten, klappt so leidlich. Live-Tile-Updates funktionieren dafür mittlerweile sehr gut.

      Auf BB 10 gibt es dafür noch überhaupt keine Apps für Spotify und WhatsApp. Dafür wirkt der Hub als fest verankerter Ersatz für die bei anderen Systemen meist nur oben aufgesetzten Notifications durchdacht. Das Bedienkonzept auch. Wie oben geschrieben: Der Verzicht auf einen Home Button ist gewöhnungsbedürftig. Aber das Gesamtkonzept ist für mich stimmig.

  5. Ich hatte auf der CeBIT die Gelegenheit, ein Blackberry Z10 auszubrobieren und fand die Oberfläche sehr “schwammig” – verglichen mit Android, iOS und gerade auch Windows Phone 8 sicher am schwächsten. Aber die Geschmäcker sind ja verschieden.

    Speziell zum Thema Windows Phone und Apps habe ich vor kurzem was gebloggt:

    http://severint.net/2013/…tupid-windows-phone/

  6. Nachtrag:

    Allein wegen Instagram habe ich mein gutes altes HTC Desire HD nicht weggelegt, sondern schleppe oft zwei Smartphones mit mir herum. Erwähnung sollte in dem Zusammenhang auch Nokias #2InstaWithLove App finden.

    http://nokia-smartphone.d…gram-2instawithlove/

  7. Dieser Punkt ist es, der m.E. das neue Firefox-OS so interessant macht. Hier ist die Plattform auf der die Apps laufen nicht eigentlich das Betriebssystem, sondern der im wesentlichen auf offenen Standards aufbauende Browser. Insofern werden für Firefox geschriebene Apps über kurz oder lang vermutlich auch auf den anderen großen Plattformen lauffähig sein ohne, dass jemand großen Portierungsaufwand betreiben muss.
    Wer weiß: Vielleicht ist das die Lösung für das im Beitrag beschriebene Dilemma.

  8. Natives WhatsApp für BB10 nächste Woche verfügbar, schon mal den Daumen vorglühen!!! :-)

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