Ansichtssache:
Fanboy of all Systems

Wer sich als Fanboy auf ein Ökosystem einschießt, lässt sich viel entgehen. Die besseren Innovationen haben nämlich oft die anderen. Ein Plädoyer für weniger Fanatismus, mehr Wettbewerb und die Offenheit, von anderen zu lernen.

Firefox OS auf einem Geeksphone

Morgen geht mein aktuelles Testgerät mit Windows Phone an den Hersteller zurück. Wie immer verabschiede ich mich dabei mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Windows Phone hat auch in der Version 8 noch Kinderkrankheiten, viele moderne Apps sind vorhanden, aber längst nicht immer auf dem gleichen Stand wie die jeweils neueste iOS- oder Android-Version. Sehr gelungen hingegen die TV-Tipps direkt auf den Homescreen (TV-Spielfilm), die frei konfigurierbare und letztlich platzsparende Kachel-Oberfläche und die “Ich”-App, die persönliche Nachrichten aus mehreren Netzwerken aggregiert. So etwas haben iOS und Android nicht direkt ins System integriert. Das Gefühl, etwas zu vermissen, wenn man es gerade wieder abgeben musste, kam auch bei anderen Systemen immer wieder auf, die ich getestet habe. Es wird schwerer, sich noch für ein einziges zu entscheiden.

Mobile Betriebssysteme
HTCLifestyle700-nokia-lumia-820-redUbuntuPhoneMessagesUbuntuPhoneCamera
UbuntuForPhonesHomescreenTizen2_HomeTizen2_CameraApp
Tizen2_BrowserTizen2_AboutTizen2_1-1SailfishOS2
SailfishOSGoogleNow2Keon2Peak2
Keon1GeeksphoneFirefoxPeaklseries_black_eng_front_4glte1
BlackBerry10BlackBerry BrowserBlackBerry AppWorld

Mein erstes Smartphone, ein iPhone 3GS, habe ich vor geraumer Zeit eingetauscht. Danach vermisste ich vor allem die Apps. Die einheitliche, meist sehr schöne Typographie und vor allem die Auswahl an neuesten Apps ist nach wie vor unerreicht. Dann wiederum wundere ich mich jedes Mal, wenn ich das virtuelle Keyboard an meinem iPad benutze, warum Apple es nicht schafft, in der Tastatur Kleinbuchstaben darzustellen, wenn ich mit Kleinbuchstaben schreibe. Android und Windows Phone stellen hier automatisch um. Android hingegen ist mir trotz mehrmaliger Versuche bislang immer ein wenig fremd geblieben. Ich mag jedoch die von Google entworfenen neuen Designs, Google Now und die Notifications – vor allem die Möglichkeit seit Android 4.1, sie für einzelne Apps abzuschalten.

Entwicklungen immer schneller

Es ist schade, dass man sich meist längere Zeit an ein Ökosystem binden muss. Verträge und Netlock der Mobilfunkprovider laufen meist für zwei Jahre. Und auch die Plattform-Anbieter wollen die Kunden, die sich einmal dorthin verirrt haben, möglichst lange halten, nageln sie deswegen auf ihre eigenen Content-Stores fest. Alltagstauglicher wäre bei dem Überangebot eher die Freiheit, alle Daten und Dateien in einer persönlichen Cloud zu speichern und mitzunehmen, wohin auch immer man gerade wechseln möchte.

Einmal erlernte Gesten gibt man so schnell nicht auf, auch wenn neue Modelle besser sein können. Am Blackberry Z10, das ich derzeit teste, fehlt mir zum Beispiel schmerzlich ein Home Button, ebenso wie ein nativer WhatsApp-Client (auch wenn der noch im Laufe des Monats kommen soll). Worauf ich aber jetzt schon kaum noch verzichten mag, sind der Blackberry Hub, die Active Frames und der Schlafmodus, den man mit einer einfachen Geste im Lockscreen aktiviert.

Fragt man mich heute, welches Smartphone mein Erstgerät ist und welches System ich bevorzuge, kann ich darauf keine klare Antwort geben. Ich mag sie eigentlich alle wegen ihrer Vorteile und gewöhne mich schnell an die Nachteile, wenn es nicht ein absolutes no-go ist. Wäre ich nicht gleichzeitig Umweltfreund, würde ich deswegen jedem raten, einfach alle drei Monate ein neues System zu testen und das jeweils alte Handy zu verkaufen. Es gibt inzwischen so viele Weiterentwicklungen, dass der übliche 2-Jahres-Rhythmus, in dem man das Smartphone wechselt, hoffnungslos überholt erscheint.

Grabenkämpfe wirken heute befremdlicher denn je

Der Trend wird eher noch weitergehen, gerade da neue Systeme sich bereits ankündigen. Bei Firefox OS gefallen mir die Typographie und die Websuche in mehreren Apps, auch in solchen, die man gar nicht installiert hat. Bei Ubuntu for Phones gefallen mir das Konzept Welcome Screen und die Schnellstartleiste aktiver Apps. Jollas Sailfish OS hat einen interessanten Multitasking-Screen, Tizen zumindest einen übersichtlichen Task Switcher.

Es gibt nach wie vor große Unterschiede zwischen den Plattformen. Und gerade das Fehlen wichtiger Apps auf neueren Systemen ist ein Argument für iOS und Android. Aber Innovationsvorsprünge sind heute nur noch von kurzer Dauer. Nur die Vorteile eines Herstellers sehen, die Nachteile ignorieren und nicht anerkennen, dass die anderen auch gute Ideen haben? Einen derart klaren Vorsprung wie noch vor drei Jahren Apple hat heute keiner mehr. Nie war es deswegen so lächerlich wie heute, Fanboy eines Systems zu sein.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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10 Kommentare

  1. Wieso kauft man denn Geräte noch mit Netlock und Vertrag, wenn man weiß, das man spontan wechseln möchte?
    Zumal es mit Vertrag mindestens gleich teuer kommt, wenn man nicht eh noch draufzahlt gegenüber Einzelkauf…

  2. >Nie war es deswegen so lächerlich wie heute, Fanboy eines Systems zu sein.

    Lächerlich ist es so zu tun,als ob es egal ist.
    Dem einen gefällt das iOS konzept,dem nächsten das ubuntu,und wieder dem nächsten das Firefox OS.

    Ich nutze das was mir gefällt,udn wenn Autoren wie du sich selber als lächerlicher bezeichnen dann macht das den Artikel noch Lächerlicher.

    Meine Entscheidung für das iPhone war eine Persönliche entscheidung.

    Wer behauptet es gäbe alle 3 Monate was neues,der guckt sich die Geräte nicht wirklich an.
    Aber Klar der Youtuieb Kanal,oder das Gadget Block wollen halt gefüllt werden.

  3. “Meine Entscheidung für das iPhone war eine Persönliche entscheidung” Das hört sich ja fast an wie das was letzte Woche ein Blondine zu Ihrer Freundin in der Bahn sagte:

    “Meine Entscheidung für die Silikontitten war eine rein Persönliche Entscheidung. Ich habe das nur für mich getan”

  4. Wenn es eh keine großen Unterschiede gibt, möchte ich (ebenfalls Umweltfreund) gerne die Meinung vertreten, dass man ja dann auch bei einem Gerät bleiben kann :)

    Man muss ja nicht “Fanboy” eines Systems sein, aber wechseln macht ja dann auch keinen großen Sinn.

  5. Also ich merke das selbst bei mir, zugegebener Maßen habe ich als App Entwickler auch mehrere Systeme da.
    Zum Spielen nehme ich am liebsten Kindle Fire (praktisch 7″ und Karussell Oberfläche), als Telefon liebe ich mein Android und für alles sonst so Querbeet mein Ipad(3). Zum lesen habe habe ich noch ein Kindle Paperwhite ;-)
    Langsam wirds unübersichtlich daheim, aber eins fällt mir dabei schon jetzt auf, mein Notebook packe ich nur noch zum arbeiten an, trotz fetter Grafikkarte und High Performance.

  6. Ich bin faul, nutze jenes System welches keine Umstellung nachzieht und zudem am Markt häufig vertreten ist.

    LG
    Flo

  7. Als Smartphone Nutzer der ersten Stunde kann ich hier nur beipflichten!
    Es gab Zeiten, da war Windows mobile respektive CE mal ganz weit vorn;) : Die Zeiten ändern sich – zum Glück!
    Als Nutzer von Blackberry, Android und iOS kann ich wohl behaupten, dass jedes System hier seine Vorzüge hat! Auf die neuen Systeme (vor allem auf Ubuntu) bin ich sehr gespannt. Wirklich Spaß machen Android und iOS allerdings erst wirklich wenn der Root bzw. Jailbreak durchgeführt wurden. Blackberry habe ich vor allem im Berufsleben als sehr stabil und zuverlässig erlebt: der spaßigen Spielereien zum Opfer!
    Jedes System hat seine Vorzüge! Gerade den “Fanboys” (aller Systeme) wäre sehr an einem Blick über den Tellerrand geraten, um Ihre Markenblindheit zu überwinden!

  8. Ein guter Artikel, auch wenn manche es persönlich nehmen, und den Sinn wieder mal nicht verstehen wollen. Eigentlich ist es immer noch das Gleiche wie früher, mein Stamm, meine Religion, meine Automarke…
    Ich benutze derzeit beruflich ein Nokia 6300i (kann sich noch einer erinnern? ;-) ) weil der Akku hält und das Teil unkaputtbar ist, privat habe ich schon seit Jahren WebOS (Pixi+ und Pre3), das System ist wirklich gut, auch wenn wenige Apps zur Verfügung stehen und es (natürlich) Macken gibt. Als Tablet läuft das BlackBerry PlayBook, auch hier gibt es ganz tolle Sachen, aber auch Schattenmomente. Bevor einige wieder schreien, ja ich hatte schon mal ein iGerät, und nein, es wäre nicht die “Allzweckwaffe”. Ich denke es wird immer so bleiben, man muss den richtigen Mix selbst finden, und Festlegung auf ein “heiliges” System ist eher hinderlich, aber das kann ja jeder für sich entscheiden.

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