Kommentar:
Nokia zeigt, wie die Zukunft des 3D-Drucks aussieht

Handyhersteller Nokia bietet Muster für Oberschalen an, die man sich an einem 3D-Drucker selbst ausdrucken kann. Damit zeigen die Finnen vor allem einen Weg auf, wie etablierte Unternehmen die größte industrielle Revolution unserer Zeit selbst mitgestalten können.

Oberschalen wie diese sollen sich Besitzer des Nokia Lumia 820 bald selbst ausdrucken können.

Oberschalen wie diese sollen sich Besitzer des Nokia Lumia 820 bald selbst ausdrucken können.

Vor knapp zehn Jahren habe ich einmal einen Beitrag über einen Kleinunternehmer geschrieben, der seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Handy-Oberschalen verdiente. Damals ein Modegag, seinem Einheitshandy ein wenig Individualität zu verschaffen, kommt dieser Trend auf etwas andere Art und Weise heute zurück. Bei den wenigsten Smartphones ist überhaupt noch vorgesehen, das Gehäuse zu öffnen, geschweige denn eine Oberschale zu tauschen, aber immerhin ist es wieder in, Smartphones in allen möglichen bunten Farben anzubieten. Nokia bietet für sein aktuelles Modell Lumia 820 wieder wechselbare Oberschalen an und hat nun einen ziemlich interessanten Service obendrauf gepackt: Ein Tool, um eine eigene Oberschale zu entwerfen und mit einem 3D-Drucker selbst auszudrucken.

Nun ist eine Handy-Oberschale ein Wegwerfprodukt und dazu noch eins der einfacheren Objekte, die ein 3D-Drucker fertigen kann. Aber ein bekannter Hersteller für Elektronikprodukte, der nun ein massentaugliches 3D Template vorstellt – das ist ein ziemliches Novum.

Qualität steigt, Preise fallen

Die wenigsten von euch werden zu Hause schon einen 3D-Drucker stehen haben. Die Hersteller des MakerBot Replicator 2, des Cubex oder des Form 1 verlangen für ihre Einstiegsgeräte immerhin noch um die 2.000 Euro und auch das Druckmaterial ist nicht billig zu bekommen. Wer Geld sparen will, baut sich seinen Ultimaker selbst zusammen. Die Preise dürften aber in den kommenden Jahren deutlich fallen und dann für den Hausgebrauch erschwinglich werden. Steht im Jahr 2020 ein 3D-Drucker in den meisten Haushalten? Ich würde mich sogar eher wundern, wenn nicht. Hier hält eine neue Technik Einzug, die eine größere Revolution darstellt als die Digitalfotografie.

Schon heute können 3D-Drucker Spielzeugfiguren, Deko-Bedarf, Bauteile, Masken, Musikinstrumente und sogar einfache Kleidung herstellen. Die Profitechnik wird in den nächsten Jahren noch weiter ausgereift. Spannend wird es, wenn 3D-Drucker nahezu jeden Haushaltsgegenstand herstellen können. Noch spannender, wenn jeder Haushalt das selbst kann. Nehmt die Möglichkeit, euch morgens zum Frühstück eine eigene Kaffeetasse auszudrucken als profanstes Beispiel. Nokia selbst verweist noch einmal auf ein CNet-Video der London 3D Printer Show von vergangenem Oktober, die schon viele erstaunliche Möglichkeiten aufzeigt:

Beinahe die größte Herausforderung für den Hausgebrauch ist, 3D-Modelle selbst herzustellen. Das wird lange nicht jeder können. Aber wenn man auf einen großen Fundus professionell vorgefertigter Templates zurückgreifen kann, ergibt sich hier ein neues Geschäftsfeld. Noch kein Geschenk für die Geburtstagsparty, auf die es in einer Stunde geht? Dann eben schnell ein Template aus dem Netz herunterladen und eins ausdrucken. Auch Elektronikhersteller werden gut daran tun, diesen Trend mitzugehen, ihre Produkte mit eigenen Templates zu Werbezwecken unterstützen oder Ersatzteile einfach als Download anzubieten. Nokia macht hier nicht viel mehr als ein Zeichen zu setzen, aber ein wichtiges. Andere Hersteller werden folgen, ganze Industrien werden sich verändern. 3D-Druck wird ein Thema der Zukunft werden, für komplizierte Dinge ebenso wie für profane Oberschalen.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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Ein Kommentar

  1. Disruptiv scheinen sich die 3D-Drucker vor allem auf den skeptischen gesunden Menschenverstand von Gadget-Journalisten auszuwirken. Oder bin ich der Einzige, der noch nie die Möglichkeit vermisst hat, sich morgens eine Tasse auszudrucken? Spielen Handy-Hüllen und Plastikspielzeug in meinem Leben einfach eine untypisch geringe Rolle? Bin ich ein Exot, der zu einer Feier lieber eine Flasche Wein verschenkt als ein dummes Plastikspielzeug?

    Im Nachdenken über diese Frage habe ich mir, als kleines Experiment, meinen Haushalt angesehen. Nur ein Bruchteil meines Hausstands kann von der Größe her in einem 3D-Drucker, den ich mir selbst in die Wohnung stellen würde, hergestellt werden. Möbel fallen weg, sonst geht ein Zimmer für den Drucker drauf. Vieles von dem, was von der Größe her zum Drucken in frage käme, ist in der Küche beheimatet, aber da schätze ich Materialien wie Stahl, Glas, Aluminium, Holz, Keramik, die gegossen, gebrannt, geschmiedet, etc werden müssen, damit sie die Eigenschaften bekommen, die sie funktional, schön und wertig werden lassen. Werden Weinkenner wirklich zum Plastebecher greifen, bloß weil sie ihn ausdrucken können? Schmeißen wir das gute Silber zu Gunsten der Plastikgabel auf den Müll? Der Trend bei Bekleidung geht auch nicht gerade zu mehr Synthetik. Beim Produktdesign läufts seit Jahren in Richtung Wertigkeit, “craftsmanship”, Nachhaltigkeit und Materialität; das zeigt schon ein kurzer Besuch bei Kickstarter. Und wer glaubt, man werde sich bald seinen iPod ausdrucken hat keine Ahnung von Produktionsprozessen, geschweige denn von Chipfertigung.

    Dass 3D-Drucker in verschiedenen Industriezweigen, vom Produktdesign bis zu Prothesen oder gar Transplantaten, revolutionäre Auswirkungen entfalten können, halte ich für möglich. Dafür, dass sie im Heimbereich mehr verändern als eine Werkbank im Keller eines Bastlers, oder die Strickmaschine im Hobbyraum einer begeisterten Näherin, habe ich noch nirgendwo ein plausibles Beispiel gesehen.

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