Bring your own device:
Consumerization motiviert Mitarbeiter und macht IT-Chefs Angst

Der gemeine Angestellte macht ohnehin, was er will. Er hat seinen Arbeits-PC und daneben sein eigenes Smartphone im Betrieb. Weil sie es nicht verhindern können, machen immer mehr Unternehmen daraus eine Tugend namens BYOD – Bring your own device. Sie lassen den Mitarbeiter seine eigenen Geräte wählen, die er sowohl für die Arbeit als auch das Privatleben verwendet. Für die Arbeitgeber bedeutet das hohe Anforderungen an die Sicherheit, während Mitarbeiter darin einen Produktivitätsgewinn sehen.

Verschiedenste technische Geräte an jedem Arbeitsplatz sind längst die Realität. Bild: Cisco.

Verschiedenste technische Geräte an jedem Arbeitsplatz sind längst die Realität. Bild: Cisco.

Die Zahlen sind wenig überraschend: 69 Prozent der Mitarbeiter in Unternehmen mit mindestens 250 PC-Arbeitsplätzen nutzen ein privates Gerät auch während der Arbeit. Das fand der IT-Analyst Techconsult im Rahmen einer Studie (PDF) heraus, die Microsoft in Auftrag gegeben hat. Das meist genutzte Device ist dabei das Smartphone (67 Prozent), gefolgt von einem eigenen Laptop (53 Prozent), einem einfachen Handy (31 Prozent) und einem Tablet (17 Prozent). Es gibt dabei leichte Unterschiede zwischen Wirtschaftsunternehmen und öffentlichem Sektor (bei letzterem geringere Verbreitung von Gadgets), allerdings nur marginale Abweichungen zwischen Männern und Frauen.

Etwa jeder vierte Mitarbeiter – Männer hier deutlich mehr als Frauen – nutzt private Services während der Arbeit, etwa für E-Mails mit Freunden oder dem Surfen im Netz. Allerdings gab ein erstaunlicher hoher Anteil der Befragten auch an, mit der privaten Hardware Arbeitsaufgaben zu erledigen, wie Office, Bildbearbeitung, elektronische Kalender oder geschäftliche E-Mails. Das legt den Schluss nahe, dass die Unternehmens-IT den aktuellen Entwicklungen nicht stand hält und Mitarbeiter oft veraltete Hard- und Software benutzen müssen. Die Mehrheit erhofft sich einen Produktivitätsschub, wenn sie eigene Systeme verwenden darf.

Entweder Sicherheit oder Zufriedenheit?

Einig sind sich allerdings beide Seiten – Arbeitgeber wie Arbeitnehmer – dass BYOD eine sehr hohe Herausforderung an das interne IT-Netz stellt. Zum einen werden private Laptops, Smartphones oder Tablets als mögliches Einfalltor für Schadsoftware wahr genommen, zum anderen betrachten beide auch das Thema Datensicherheit als Risiko, wenn etwa sensible Kundendaten auf einem Smartphone mit nach Hause, ins Fußballstadion oder die Kneipe um die Ecke mitgenommen werden.

Einige Unternehmen gehen bereits dazu über, dem Mitarbeiter Geräte nach Wahl zu überlassen und sich an den Anschaffungskosten zu beteiligen. Die Herausforderung besteht hier im Update-Zyklus und natürlich ebenfalls in der Sicherheit. Zur Zeit scheint es ein bisschen so zu sein, als hätten die Arbeitgeber nur die Wahl zwischen zufriedenen Mitarbeitern oder einem sicheren System. Beides geht nicht. Oder?

Nutzen Sie private Endgeräte im Unternehmen? Grafik: Techconsult

Nutzen Sie private Endgeräte im Unternehmen? Grafik: Techconsult

Microsoft würde diese Studie nicht breittreten und mitfinanzieren, wenn man nicht selbst eine Antwort auf diesen Trend namens Consumerization hätte: Produkte wie Systems Center und Windows Intune sollen das sichere Device Management ermöglichen – allerdings nur, wenn das Unternehmen auf eine reine Microsoft-Infrastruktur setzt. Das klingt nach einer ordentlich Basis, allerdings: Das letzte Mal, als ich mir aktuelle Marktzahlen angeschaut habe, war Microsofts Marktanteil unter den Smartphones und Tablets verschwindend gering. Nur eine Infrastruktur sicher zu halten und Consumerization gleichzeitig zu ermöglichen, gelingt damit nicht. Die Mitarbeiter werden auch Apple-Geräte, Android-Phones und Blackberrys mit ins Unternehmen schleppen. Citrix hat hierfür eine Fernwartung für Smartphones namens GoToAssist vorgestellt, die seit heute auch von Samsung unterstützt wird.

Mitarbeiter haften für Datenverlust

Die Meinungen über “Bring your Own” und Consumerization sind ebenso gegensätzlich wie die Redaktion darauf. Bei Fraunhofer lobt man den möglichen Produktivitätsgewinn und nennt die Mitarbeiter den “Innovationsmotor des Unternehmens”. Laut einer Umfrage des Bitkom, die im Oktober veröffentlicht wurde, lehnen 53 Prozent der deutschen ITK-Unternehmen BYOD ab. 43 Prozent sind dafür, auch, weil sie dadurch als modernerer Arbeitgeber wahrgenommen werden wollen. Die Gegner fürchten den hohen Sicherheitsaufwand und Produktivitätsverluste – etwas, was übrigens auch einige von Techconsult befragte Mitarbeiter bestätigten. Viele befürchten, dass ihre eigenen Geräte sie von der Arbeit abhalten.

Für den Umgang mit sensiblen Daten auf Privatgeräten führen viele Unternehmen Datenschutzrichtlinien ein, und oft werden die Mitarbeiter dabei in die Haftung genommen. Computerwoche-Redakteur Martin Beyer fasste im August aktuelle Meinungen über Consumerization zusammen und kam zu dem Ergebnis: “Der Trend zur Consumerisierung lässt sich nicht aufhalten.” Das Verbot privater Geräte am Arbeitsplatz würde das Sicherheitsproblem nicht lösen, da die Nutzer ihre beliebten Gadgets notfalls auch heimlich verwenden.

Trend begrüßen, nicht verbieten

Beim IT-Dienstleister Citrix gab man jedem Mitarbeiter ein Budget, mit dem er sich einen beliebigen Windows7- oder Mac-Rechner selbst anschaffen konnte. Voraussetzung war nur, dass man das interne IT-Sicherheitspaket installiert. In der Folge senkte Citrix die IT-Kosten um 20 Prozent, weil Ausgaben für Support, Schulungen und Fehlbedienungen deutlich reduziert wurden. Smartphones und Tablets allerdings kommen auch im Consumerization-Projekt bei Citrix nicht vor.

Bei IDC gibt man mittlerweile Praxistipps, wie man BYOD abschaffen kann. Was rückwärtsgerichtet klingt, soll in Wahrheit fortschrittlich sein und Sicherheitslecks minimieren. Statt dass sie ihre privaten Geräte im Firmennetz nutzen, würde den Mitarbeitern vom Unternehmen moderne Hardware gestellt, die den eigenen Sicherheitsrichtlinien entspricht. So ließe sich auch leichter zwischen Arbeit und Freizeit wechseln. Egal, welche Strategie man wählt: Am schlimmsten wäre es, gar nichts zu machen. Denn dass Mitarbeiter ihre eigenen Geräte nutzen, ist längst an der Tagesordnung, das Sicherheitsproblem auf jeden Fall vorhanden. Verbote erscheinen zusätzlich kontrakproduktiv: Die Mitarbeiter werden eher gegen den Chef arbeiten, als ihr iPhone zu Hause zu lassen. Wer es richtig macht, kann seine Mitarbeiter durch einen modernen Arbeitsplatz motivieren, und bei der Gelegenheit auch Internetnutzung und Social Media erlauben. Motivation steigert die Produktivität und beide Seiten profitieren.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

Ein Kommentar

  1. Ganz nett, dieses BYOD, aber aus sicherheitsrelevanten Gründen sicherlich für große Unternehmen nicht machbar. Was hier nicht betrachtet wird sind ausserdem lizenzrechtliche Gründe…welche Software MUSS der Mitarbeiter haben, welche DARF er, welche muss er selbst bezahlen, welche zahlt der Arbeitgeber…ein etwas unrealistischer Ansatz, auch wenn es natürlich eine tolle Sache wäre.

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