Erdfunkstelle Raisting (1/3):
Erster Kontakt ins All

1964 wurde die erste Satellitenschüssel für Fernsehübertragungen in Raisting am Ammersee in Bayern unter einer riesigen Schutzhülle aufgestellt – der “Champignon” ist nun ein Industriedenkmal. Beinahe wäre er aber schon abgerissen worden.

Ländliche Idylle mit futuristischen Ufos: Erdfunkstelle Raisting (Bild: wor)

Ländliche Idylle mit futuristischen Ufos: Erdfunkstelle Raisting (Bild: wor)

Die weltweite Live-Übertragung der Mondlandung war ein wichtiges Ereignis des letzten Jahrhunderts. Dabei spielten Satelliten eine wichtige Rolle – Intelsat 1, der unter anderem aus Deutschland Signale zugeführt bekam, von der “Erdfunkstelle Raisting”.

Zuvor waren 2-Zoll-Magnetbänder von Kontinent zu Kontinent zu fliegen. Erst ab 1964 ermöglichte die Anlage in Raisting weltweite Live-Fernsehübertragungen, ob von Olympischen Spielen oder vom Vietnam-Krieg. Das “rote Telefon” zwischen Washington und Moskau lief ebenfalls über Raisting.

Der erste für Fernsehübertragungen geeignete, in den USA gestartete Satellit “Telstar 1” lebte 1962 nur vier Monate, bevor er dem US-Weltraum-Atombombentest “Starfish Prime” zum Opfer fiel. Er konnte zusätzlich 600 einseitige oder 60 zweiseitige Tonübertragungen in Telefonqualität liefern, aufgrund seiner niedrigen Flugbahn jedoch nur etwa 10 Minuten lang. Dies war schon ein großer Fortschritt, zuvor waren zwischen Deutschland und den USA insgesamt maximal 38 Telefongespräche möglich gewesen.

Erdfunkstelle Raisting (Bilder: wor, Förderverein Radom Raisting)
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Es war jedoch klar, dass der geostationären Positionierung die Zukunft gehört, mit der dauerhafte Übertragungen möglich sind. Der erste geostationäre Satellit, Intelsat 1 (“Early Bird”), wurde am 6. April 1965 gestartet und auf die Position 28° West gesetzt, um den Atlantik überbrücken zu können – die Erdfunkstelle Raisting war eine seiner designierten Gegenstationen.

Der Standort Raisting wurde ausgewählt, da in diesem Tal terrestrische Mikrowellenstrahlung von Radar- und Richtfunkstrecken abgeschirmt ist und so weniger Störungen des Empfangs aus dem Weltraum zu befürchten sind. Aufgrund der größeren Entfernung (36.000 km statt weniger als 1/6 bei Telstar 1) und der zunächst geringen Satelliten-Sendeleistungen (wenige Watt bei Intelsat 1) waren hochleistungsfähige Empfänger an der Grenze des damals technisch Möglichen erforderlich, um eine Übertragung zu ermöglichen.

Zum Aufblasen

Die Satellitenfunktechnik der 1960er Jahre erscheint aus heutiger Sicht kurios: Die Satellitenschüssel wurde ähnlich der Konstruktion einer Tennishalle komplett unter eine Kunststoffhaut gesteckt, die unter leichtem Überdruck (3,8 Millibar) stand, Dieser “Radom” (Radar-Dom) sollte vor Witterungseinflüssen schützen. Bei starkem Wind wurde der Überdruck bis auf 12,5 Millibar erhöht, um es stabil zu halten.

Der gesamte Raum unter der Satellitenschüssel mit den technischen Anlagen wurde beheizt, um Schneeablagerungen zu verhindern. Gesendet wurde mit Wanderfeldröhren, empfangen per Maser (Microwave Amplification by Stimulated Emission of Radiation), die mit flüssigem Helium gekühlt wurden. Dieser 1955 entdeckte Effekt führte 1964 zur Verleihung des Nobelpreises. Der Maser als Vorläufer des Lasers nutzte in Raisting einen 80 mm langen künstlichen Rubin-Einkristall zur Signalverstärkung, der mit zehn Litern flüssigen Heliums auf -269°C gekühlt wurde und mit Mikrowellen statt sichtbarem Licht arbeitete.

Die Satellitenschüssel der ersten Raistinger Satellitenantenne hat einen Durchmesser von 25 m, die Kunststoffhülle Radom knapp 49 m. Der 280 t schwere und auf 2 mm genau gebaute Cassegrain-Spiegel arbeitet im C-Band: Sendefrequenz 5925…6425 MHz, Empfangsfrequenz 3700…4200 MHz. Die Kunststoffhülle wog 15 t. Die Erdfunkstelle Raisting sollte allerdings auch Satelliten auf niedrigeren Umlaufbahnen verfolgen können, was bedeutete, dass diese riesige Antenne sich bei Bedarf auch noch relativ schnell drehen musste: 3,5°/s in der Vertikalen und immer noch 2°/s in der Horizontalen.

Ist die Erdfunkstelle Raisting heute noch in Betrieb und kann das Radom als Industriedenkmal besichtigt werden? Davon berichtet neuerdings.com in Teil 2 dieser Funk-Reise ins All.

 

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Ein Kommentar

  1. Danke für den Artikel! Hier noch ein Link-Tipp mit zusätzlichen Informationen zum Radom Raisting:
    http://www.radom-raisting.de

2 Pingbacks

  1. [...] jener Tage bekommen. Kurze Zeit gab es diese Austellung ja vor bald zehn Jahren bereits, so wie sie in Teil 1 zu sehen ist. Schließlich war dies die eigentliche Intention dabei, das Radom zu erhalten: Es soll mit Leben [...]

  2. [...] ging diese Zeit, als ich im August mit einigen Freunden die Erdfunkstelle Raisting besichtigt hatte und wir dort noch auf der Wiese neben dem Parkplatz picknickten. Eine Frau mit [...]

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