Lytro-Lichtfeldkamera im Test:
In Europa nur zu Besuch

Während der Photokina gab es – höchst konspirativ – die Gelegenheit, mit der wundersamen Lichtfeldkamera “Lytro” zu fotografieren und Fragen zu stellen. Bei einem dieser “Photowalks” war ich dabei und konnte nicht nur die Lytro selbst ausprobieren, sondern auch mit Eric Cheng sprechen, dem Director of Photography bei Lytro.

Leider nicht der Preis - Größenverhältnis der Lytro (Bild: gar)

Leider nicht der Preis - Größenverhältnis der Lytro (Bild: gar)

Mal vorweg: Die Lytro, über die wir schon berichtet hatten, wird für uns in absehbarer Zeit noch nicht erhältlich sein. Wer vor der Photokina darüber spekuliert hatte, dass Lytro hier als Aussteller auftreten würde, gar endlich den Verkaufsstart für Europa ankündigen würde, der lag daneben. Und das, obwohl die Photokina immerhin die weltgrößte Verbrauchermesse für alles rund ums Fotografieren ist.

Nur ein Vorgeschmack

Die versammelte Gruppe von Fotoenthusiasten – es waren gerade mal zwei Journalisten anwesend – erhielt von Eric zunächst eine Einführung in die Bedienung. Die ist weitgehend intuitiv und funktioniert teilweise mit “Wisch”-Bewegungen, wie wir es von Touchgeräten gewohnt sind. Die Metallgehäuse der Lytro werden in unterschiedlichen Farben angeboten, haben aber alle ein graues Kachelmuster am Ende: Dieser Teil ist für die Bedienung. Es gibt eine Ein/Aus-Taste an der Unterseite und einen Auslöser an der Oberseite. Drückt man in diese Mulde, schaltet sich die Lytro aber bei Bedarf auch ein. Streicht man mit dem Finger von links nach rechts oder umgekehrt, bedient man das Zoom. Die Lytro ist mit einem achtfachen optischen Zoom ausgestattet, bei einer durchgehenden Lichtstärke von f2. Eine gute Voraussetzung für Fotos auch bei schlechteren Lichtverhältnissen.

Lytro im Test
Eric Cheng mit der Lytro (Bild: gar)Größenverhältnis der Lytro (Bild: gar)LCD zur Bedienung und Wiedergabe (Bild: gar)LCD zur Bedienung und Wiedergabe (Bild: gar)
Spartanisch: Bedienelemente auf der Unterseite (Bild: gar)

Komfort ist anders

Leider ist das Display auf der Rückseite winzig, so etwas war an herkömmlichen Digitalkameras zuletzt vor etwa zehn Jahren noch Standard. Aber das lässt sich bei der ungewöhnlichen Bauform einfach nicht anders lösen. Zum Zielen und für die Wahl des Bildausschnitts reicht das so einigermaßen. Es war aber fast unmöglich, bei unserem Photowalk im Tageslicht noch irgendwie zu erkennen, was man da gerade aufgenommen hat.

Wie auch bei anderen Kameras kann man ein paar Einstellungen vornehmen, und das Menü dafür wird ebenfalls auf der LCD-Briefmarke angezeigt. Das ist unkomfortabel, um es höflich zu sagen. Im Wiedergabe-Modus “wischt” man von einem Bild zum nächsten. Per Touchscreen-Bedienung kann man Bilder löschen oder mit einem Sternchen für den späteren Download markieren. Die Bilder werden übrigens in den internen Speicher abgelegt (je nach Modell ist Platz für 350 oder 750 Bilder), es gibt keinen Speicherkartenslot.

Der Sensor in den Lytro-Kameras hat eine Auflösung von 11 Megapixeln, auf Grund der Lichtfeldtechnologie haben die resultierenden Bilder aber nur etwa 1,2 Megapixel – die einfallenden Lichtstrahlen werden durch ein sogenanntes Mikrolinsenarray gelenkt und die Anzahl der Mikrolinsen entspricht in etwa der Bildauflösung hinterher. Wer sich für die Technik in der Tiefe interessiert, kann hier eine Einführung in die Lichtfeldfotografie lesen, oder alles im Detail in Ren Ng’s Doktorarbeit finden.

Wie Eric uns bei der Einführung erklärte, gibt es derzeit zwei Aufnahme-Modi, nämlich den “Point-and-Shoot”-Modus und den “Creative”-Modus. “Point-and-Shoot” meint einfach Automatik – draufdrücken und los. Auf Grund der knappen Zeit habe ich im Wesentlichen in diesem Modus fotografiert – die Bilder könnt ihr hier sehen.

Bilder verarbeiten

Zur Zeit lassen sich die Fotos nur direkt von der Kamera stationär herunterladen, so erklärte Eric auf entsprechende Nachfrage. Ich hätte doch gern das eine oder andere “normale” Bild aus meinen Aufnahmen extrahiert, um die Qualität genauer unter die Lupe zu nehmen. Es hat mich geärgert, dass ich nicht einfach meine Bilddaten aus dem Netz herunterkopieren oder per E-Mail bekommen kann, um sie lokal abzulegen und zu bearbeiten. Dafür hätte ich meinen PC zur Hand haben müssen, die Lytro-Software installieren (Voraussetzung: Betriebssystem ab Mac OS X 10.6.6 oder Windows 7 mit 64 Bit) müssen, um dann die Bilder von der Kamera ziehen zu können.

Unsichere Rechtslage

So erklärt sich übrigens (teilweise), warum die magische Lichtfeldkamera in Europa bisher auf sich warten lässt: Eric antwortete auf meine Frage, dass vor einem Verkaufsstart zunächst das Thema der Bildveröffentlichungen im Internet geklärt sein müsse, da man hier bei uns so strikt mit den Bildrechten umgehen würde. Bilder lassen sich ja mit anderen nur über den Upload auf die Lytro-Seite teilen – um Freunde an dem Erlebnis des nachträglichen Fokussierens teilhaben zu lassen, müssen sie entweder vor dem selben Computer sitzen, oder man stellt die Bilder mehr oder weniger öffentlich ins Netz.

Ein anderer Aspekt in Sachen Bildrechte: Wer ein konventionelles Foto schießt, hat einen gewissen kreativen Anteil daran – man legt die Schärfe irgendwo hin, belichtet, wählt den Bildausschnitt. Die Wahl der Bildschärfe ist dabei wahrscheinlich einer der wichtigsten Punkte für die Bildaussage. Der Fokuspunkt erzählt die Geschichte des Bildes, dort wo es scharf ist, wird die Aufmerksamkeit hingelenkt. Wo bleibt dieser kreative Faktor, wenn man den Fokuspunkt erst nachträglich festlegen kann? Was ist mit Fotografen und Fotokünstlern? Die Frage nach dem Schutz des Werkes und dem Urheberrecht bekommt hier eine neue Dimension.

Mit dem Lichtfeld halte ich stattdessen einfach einen Moment an dem Ort fest, an dem ich mich gerade aufhalte. Am Lichtfeld-Bild ist kaum erkennbar, welche “Geschichte” der Mensch am Auslöser dabei im Sinn hatte. Erst wenn man ein stationäres Bild daraus zieht, entsteht ein nachvollziehbarer Gedanke in Bildform.

Würde ich nun ein Lichtfeldbild ins Netz stellen, und ein anderer könnte (was ja im Moment nur über einen Screenshot realisierbar ist) daraus ein beliebiges Bild extrahieren: Wer hat an dem extrahierten Ausschnitt die Urheberrechte, der Auslöser-Drücker, oder derjenige, der den Ausschnitt extrahiert. Die Rechte-Diskussion ist hierzulande im vollen Gange, und so kann es sein, dass wir auf Lytro noch lange, lange warten müssen.

Und das ist sehr schade, weil es ein tolles Gadget ist – mit hohem Haben-wollen-Faktor. Das ging nicht nur mir so: Beim Ausprobieren auf der Photokina bin ich kaum vom Fleck gekommen ohne alle paar Meter danach gefragt zu werden. Auf der anderen Seite ist das nicht ganz so tragisch, weil die Technik nicht ausgereift ist und Bilder bisher nur so eine kleine Auflösung haben. Wenn es noch etwas dauert, bekommen wir vielleicht die nächste Produktgeneration in Europa, die dann eine höhere Auflösung haben könnte.

 

Gabriele Remmers

Gabriele Remmers schreibt gelegentlich als freie Autorin bei neuerdings.com. Sie interessiert sich für Fotografie, aber auch sonst für alles, was irgendwie “klick” bei ihr macht.

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6 Kommentare

  1. Ich erblasse vor Neid – hätte das Ding nur allzu gerne selbst mal in der Hand.
    Das der Aspekt mit dem Urheberrecht hätte ich nie nachgedacht. Es wirkt etwas verwunderlich, dass man den Schutz nicht einfach auf das komplette Lichtfeld ausweiten kann.

    • Hallo AdSin,

      ob man den Schutz nicht auf das Lichtfeld ausweiten kann, weiß ich nicht – aber ich stelle mir den Nachweis extrem schwierig vor.
      Anwälte könnten möglicherweise argumentieren, dass die Absicht des Fotografen in einem Lichtfeld nicht erkennbar ist, und damit eine generelle Schutzfähigkeit wegen mangelnder Unterscheidungskraft oder so absprechen, ähnlich wie bei Markenschutz.
      Ich kenne wahrscheinlich zu viele Anwälte und werde die Denkweise nicht mehr los.. Vielleicht finden sich unter unseren Lesern ja Anwälte, die hier eine Diskussion über diesen Aspekt fortführen können?

      Viele Grüße,
      GR

  2. Wir in der Schweiz müssen nicht mehr warten. ISt seid einem Monat bei Digitec (www.digitec.ch) erhältlich.

    Freundliche Grüsse

    • Stimmt, danke für die Ergänzung. Eric sagte, es gäbe eine Schweizer Firma, die quasi auf eigene Faust in den USA einkauft und importiert. Ohne Quelle wollte ich das aber nicht schreiben, um nicht unnötig Begehrlichkeiten zu wecken.

  3. Naja, wenn es keinen Urheberschutz gibt ist das doch für 95% der normalen nutzer egal, Profi nutzer werden ja doch wieder nachträglich den fokuspunkt setzen und es dann als normales bild vertreiben.

    Ich sehe das problem das man vielleicht keine schützenswerten bilder macht, aber ist das wirklich ein problem. wer schütz den wirklich bilder die er danach frei auf eine webseite stellen muss?

    Zur not könnte man ja noch hingehen und kein freies fokusieren bei anderen webseiten erlauben sondern nur 3-5 fokuspunkte zum auswählen. somit hätte man also 5 bilder geschützt.

    Aber ich denke wahrscheinlich zu einfach.

  4. Das Argument mit dem Urheberrecht scheint mir seltsam – weil ich den Grund nicht erkennen kann.

    In erster Linie halte ich es für Unsinn. Bildkomposition ist doch ein klein wenig mehr als die Fokusebene. Nicht viel, aber z.B. Wahl der Tageszeit, Hoch- oder Querformat, Bildaufteilung nach Goldenem Schnitt – oder was auch immer, buntig oder schwarz-weiß, Weißabgleich, Belichtungszeit etc. Hoppla, doch so einiges.

    Die Logik der Lytroerfinder das würde ja bedeuten, dass Bilder aus Fixfokuskameras keine Schöpfungshöhe haben oder Bilder, die dank Minisensor keine bzw. unendliche Schärfentiefe haben. Und Bilder die man im P-Modus seiner DSLR geschossen hat sind dann auch keine geschützten Werke mehr, weil man ja gar nicht wusste, wie das bei dem Bild mit der Schärfenttiefe und anderen Effekten ist?

    Die Frage nach dem Schutz des Werkes und dem Urheberrecht bekommt hier eine neue Dimension.

    Nö, das ist nichts neues. Denn es geht um die Frage: Wie schaffe ich es – diesmal als Lytroerfinder – die Fotografen um ihre Urheberrechte zu bringen?

2 Pingbacks

  1. [...] in allem ist es eine faszinierende Technik, die wie Kollegin Gabriele Remmers in ihrem Lytro-Test schrieb, einen “großen Haben-Wollen-Faktor” hat. Dort erklärt sie auch einige weitere [...]

  2. [...] Es war die Geburtsstunde der Idee für eine Lichtfeldkamera, die Jahre später, 2012, als “Lytro” auf den Markt kommen sollte. Einen ähnlichen plenoptischen Sensor will der japanische [...]

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