Hewlett Packard:
Ein Gigant sucht seine Strategie

Hewlett Packard steht bekanntlich an vielen Fronten unter Druck. Jetzt hatte HP zum “Global Influencer Summit” nach Shanghai geladen und wollte den Journalisten aus alle Welt zeigen: Uns darf man noch nicht abschreiben. Das allerdings ist nur teilweise gelungen.

Weckt Vorfreude: Windows Experience Index von 5.8 (Foto: siw)

Weckt Vorfreude: Windows Experience Index von 5.8 (Foto: siw)

Auf der Rückseite des Vorseriengeräts, das an einem Demostand liegt, prangt ein auffälliger Sticker. Darauf eine Nummer, die verrät: Im neu vorgestellten Ultrabook “Envy Spectre XT“ rechnet ein Ivy Bridge-Prozessor. Das System Panel bestätigt diesen Verdacht und verspricht Leistung satt: Der Windows Experience Index liegt bei 5.8. Das wäre einen Tweet wert: “HP bringt per 3. Juni 2012 eines der ersten Ultrabooks mit Ivy Bridge-Prozessor auf den Markt.”

Anzeichen einer Trendwende

Allein, das Konferenz-WLAN mit dem ungewollt ironischen Passwort “technologyworks” verweigert seinen Dienst. Kein Anschluss unter dieser SSID, die Gadget-Nachricht des Tages bleibt also vorläufig ungehört. Und das ist irgendwie symbolisch für HP: Der größte PC-Hersteller der Welt hat im rasant wachsenden Geschäft mit Tablets und Smartphones den Anschluss an die Konkurrenz verloren und bekundet Mühe, ein griffiges Branding aufzuziehen. Das ist nicht nur im Consumer-Bereich ein ernstzunehmendes Problem.

Dazu kommt die Firmengeschichte in der unmittelbaren Vergangenheit, aus der sich problemlos eine Tech-Soap entwickeln ließe. Strategische Neuausrichtungen im Halbjahrestakt und personelle Veränderungen hielten Belegschaft und Wirtschaftsberichterstatter auf Trab. Zuletzt verliess Anfang Prith Banerjee, Direktor der Forschungsabteilung HP Labs, das Unternehmen, um zu ABB nach Zürich zu wechseln (AllThingsD: “Exclusive: HP Labs Head Pirth Banerjee leaving”).

Nun lud der IT-Riese aus Palo Alto rund 700 Journalisten aus der ganzen Welt nach Shanghai zum “Global Influencer Summit”, um klar zu machen: “Wir sind und bleiben Innovationstreiber!” Die nakten Zahlen – und womöglich auch Banerjees Abgang – sprechen freilich eine andere Sprache: HP hat seit 2002 in jedem Geschäftsjahr die Ausgaben für Forschung und Entwicklung gemessen am Netto-Erlös reduziert. Erst 2011 wurde diese Kennzahl wieder marginal erhöht. Dementsprechend gestaltete sich das erneuerte Produktportfolio solide, aber wenig aufregend.

Zeit für eine Trendwende: HP will wieder mehr in Forschung und Entwicklung investieren. (Grafik: siw)

Zeit für eine Trendwende: HP will wieder mehr in Forschung und Entwicklung investieren. (Grafik: siw)

Langweilig-solides Portfolio

Der OfficeJet 150 Mobile (PDF) ist der erste mobile All-In-One-Drucker mit Bluetoothschnittstelle. Dank des verbauten Akkus sollen sich 500 Seiten wirklich kabellos drucken lassen. Der HP t410, ein mit 3M entwickelter “Smart Zero Client”, bezieht Daten und Strom zugleich über ein Ethernetkabel. Dabei glänzt er durch eine maximale Stromaufnahme von 13 Watt. Am anderen Ende des Leistungsspektrums ist die modular aufgebaute All-in-One Workstation Z1 angesiedelt. Wer die Leichtigkeit des Rechnens wertschätzt, kann sich über das bereits erwähnte Ultrabook freuen – wenn da bloss nicht diese ungelenke Namensgebung wäre (MG Siegler: “Envy Spectre XT Ultrabook”).

Die Begeisterung unter den Journalisten hielt sich in Grenzen, was sich im Wesentlichen auf zwei Aspekte zurückführen lässt: Erstens kommt keine Euphorie auf, wenn Evolution statt Revolution vorgeführt wird. Dabei wäre es für HP vergleichsweise einfach gewesen, wenigstens eine kleine Revolution zu inszenieren. Hätte der Konzern den Prototypen eines Windows-8-Tablets für den Consumer-Markt vorgestellt, Applaus und ausführliche Berichterstattung wären so sicher gewesen, wie das “Schön, dass ich helfen konnte” im Apple Store.

Gibt sich mit nur 13 Watt und einem Ethernetkabel zufrieden: HP t410 (Bild: HP)

Gibt sich mit nur 13 Watt und einem Ethernetkabel zufrieden: HP t410 (Bild: HP)

Zweitens haben CEO Meg Whitman und ihre Senior VPs es verpasst, erste konkrete Ergebnisse der angekündigten strategischen Neuerungen im Branding und Marketing zu präsentieren. Wer seit Amtsantritt bei jeder Gelegenheit “SKU reduction” verspricht, also auch eine Vereinfachung der Produktpipeline, sollte nicht mit einem Schlag 80 neue Geräte präsentieren und stolz verkünden: ”Wir haben ein Produkt für jedermann.” Fokussierung sieht anders aus. Immerhin: Hinter vorgehaltener Hand versicherten Marketing- und Brandingmanager, dass Rebranding und Vereinfachung des Produktportfolios auf gutem Kurs seien. MG Siegler wird’s freuen, ebenso die Retailer, die auf intuitiv verständliches Branding und Produktportfolio angewiesen sind.

Spötter sollen verstummen

“Hewlett Packard is a symphony of problems”, spöttelte Joshua Topolsky von The Verge auf einer Supersession auf der Messe für Consumer Electronics CES 2012. Gut möglich, dass Whitman dem Konzern entscheidende Impulse hat geben können und wir in zwei bis drei Jahren eine “Symphonie of products” zu sehen bekommen werden. Ihr Entscheid, das PC-Geschäft doch nicht abzustoßen und stattdessen mit dem Druckergeschäft zusammenzuführen, lässt hoffen und stösst zumindest extern auf Gegenliebe.

Intern sieht die Sache anders aus. Mitarbeiter der HR-, PR- und Marketing-Abteilungen des im Frühjahr 2012 aus dem Drucker und PC-Geschäft neu geschaffenen Bereichs PPS fürchten einen umfangreichen Stellenabbau in ihren Abteilungen. Whitman beantwortete meine diesbezügliche Frage auf der Abschlusskeynote in Shanghai ausweichend: Sie plane im Wachstumsmarkt China keine größeren Entlassungen. Kein Wort über Mitarbeiter in Nord- und Südamerika oder EMEA.

Jetzt ist Geduld gefragt

Doch es ist klar, was der Verwaltungsrat Ende Mai in San Diego in dieser Sache entscheiden wird. Whitman hat sich in einem Conference Call Ende Februar 2012 unmissverständlich ausgedrückt: “Unsere derzeitige Kostenbasis ist schlicht unhaltbar.” (AllThingD: “Whitman: HP’s Turnaround Is a Multi-Year Journey That’s Just Getting Started”) Also wird der Softwareriese mit seinen knapp 400.000 325.000 Mitarbeitern bald schon wieder in den Schlagzeilen stehen – nicht wegen innovativer Produkte, sondern wegen eines massiven Stellenabbaus.

Dennoch sollten Geeks ihre Hoffnung auf wirklich spektakuläre Gadgetnews aus dem Hause HP noch nicht aufgeben. HP hat wiederum eine Erhöhung der Mittel für Forschung und Entwicklung im Budget für 2012 in Aussicht gestellt. Nun muss das Management diesen Entscheid, gestützt durch den Verwaltungsrat und die Aktionäre konsequent durchziehen. Man darf hoffen: Whitman hatte in besagtem Conference Call auch betont, sie wolle sich nicht an kurzfristigen Erwartungen der Aktienmärkte orientieren, sondern langfristig planen.

Geduld ist auf jeden Fall gefordert: Die Früchte intensivierter Forschungs- und Entwicklungsarbeit wird man frühestens in drei Jahren ernten können. Wenn die Marketing- und Brandingabteilungen bis dahin ein ansprechendes Branding und eine übersichtliche Produktpipeline geschaffen haben, könnte HP durchaus zur Hochform vergangener Zage zurück finden.

Update (18. Mai 2012): Erste Berichte zu möglichen Entlassungen bei HP machen die Runde. Es ist von 25’000 bis 30’000 Angestellten die Rede, das wären 10% bis 15% der gesamten Belegschaft. Mehr dazu bei AllThingsD oder Bloomberg.

 

Mehr lesen

Hewlett Packard Spectre One: All-in-one-PC mit Multitouch-Trackpad

13.9.2012, 3 KommentareHewlett Packard Spectre One:
All-in-one-PC mit Multitouch-Trackpad

Hewlett Packard stellt eine Reihe besonders schlanker All-in-one-PCs vor, darunter ein Modell, bei dem zugunsten der Gehäusedicke auf den Touchscreen verzichtet wurde - statt dessen gibt es ein Touchpad neben der Tastatur.

HP Envy 14 Spectre: Schwarz, stark, schön, Ultra

30.1.2012, 1 KommentareHP Envy 14 Spectre:
Schwarz, stark, schön, Ultra

Hewlett Packard stellt jetzt seine Vision vom Ultrabook vor, das durch Front- und Rückseite komplett aus Glas hervorsticht.

Hewlett Packard schasst WebOS: Adieu, Touch-Pionier!

19.8.2011, 15 KommentareHewlett Packard schasst WebOS:
Adieu, Touch-Pionier!

Hewlett Packard wird bald keine Hardware mehr für WebOS verkaufen, und auch das übrige Computergeschäft steht zur Disposition.

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen.

* Pflichtfelder