RIM Blackberry Torch 9860 im Test (2/2):
Guter Klang, langer Atem

Der erste Teil schilderte meine persönliche Erfahrung hinsichtlich Robustheit und Praxistauglichkeit eines RIM Blackberry Torch 9860 – eindeutiges Fazit: Das RIM Smartphone ist hart im Nehmen. Doch wie sieht es mit der Software aus?


Blackberry Torch 9860 {RIM;http://www.rim.com/}
Blackberry Torch 9860 (Quelle: RIM)
Zusammengesunken sitzt er auf seinem Stuhl, den Kopf tief gesenkt, der Atem tief und gleichmässig. Schläft er? Ah, da – die Finger huschen flink über den Bildschirm und umklammern die Lifeline ins Internet. Das muss ein Blackberry-User sein. Es ist interessant, denn nur BB-Besitzer zeigen dieses typische Verhalten: Sie können sich tatsächlich nur schwer vom Display des Gerätes trennen. Grund dafür ist unter anderem der BBM, der Blackberry Messenger. Eine Chat-Software, die nur auf Blackberrys läuft und wie Skype oder ICQ Nachrichten, Bilder und Audiofiles in Echtzeit tauschen lässt. Verwunderlich daran jedoch, dass gerade diese Software zum Einsatz kommt. Liegt es daran dass Skype unter BB OS 7 nicht läuft? Oder daran, dass man nur durch einen EUR 10 teuren Drittanbieter Skype einbinden kann? Ich weiss es nicht.


Informationskünstler

Ein Blackberry zeichnet sich durch eine Tastatur aus, basta! Deshalb ist der Torch 9860 für mich auch eine Mogelpackung. Beim chatten vertippe ich mich ständig, was meine Gegenüber regelmässig an die Decke springen lässt und vor Senden muss ich Emails immer zweimal durchlesen, ob auch alles korrekt geschrieben ist. Dabei sind meine Daumen gar nicht so gross, das Problem betrifft auch andere Hersteller. Das heisst nicht, dass es auch möglich ist, fehlerfrei zu schreiben, doch geht das deutlich langsamer vonstatten als auf einer mechanischen Tastatur und bedarf höherer Konzentration. Die Integration von Twitter ist sehr gut, gleiches gilt für Facebook. Laut Martin Thyssen, Director Alliances EMEA, erfolgen die überwiegenden Zugriffe auf Facebook und Twitter über Blackberrys.

Wie auch schon beim Bold 9900 beschrieben, hapert es bei Privatkunden mit der Emailverwaltung. Der Blackberry Internet Server erlaubt nur die Verwaltung der Inbox, nicht der Unterordner und ist auch vom eigenen Email-Provider abhängig. Strato beispielsweise verweigerte in meinem Fall die IMAP-Kommunikation, wodurch ich gelesene Mails am Blackberry, auf dem PC nochmals als gelesen markieren muss. Die Konkurrenz, die ohne Zwischenserver auskommt, und das sind alle ausser RIM, macht hier problemlos, was sie soll. RIM Vertreter geloben Besserung, ohne jedoch einen Zeitrahmen zu nennen. Anhänge jeglicher Art können geöffnet werden, Dokumente übernimmt, Documents To Go, was zu Zeiten von Palm die Microsoft Dateien besser verarbeitete, als das Microsoft-eigene Windows Mobile.

Anders. Besser.

Ich gebe zu, dass ich Blackberry lange Zeit ignoriert habe: Man muss eine extra Blackberry-Option hinzubuchen, seine Daten über einen externen Server laufen lassen und die Softwareunterstützung war lange Zeit suboptimal. Dabei zeigt RIM durchaus Vorzüge. Die Arbeitsgeschwindigkeit hat sich mit den letzten Modellen drastisch erhöht, nun flutscht alles und reagiert sofort auf Eingaben. Die Icons wurden aufgemöbelt und die Appworld hat sich auf einige zehntausend angereichert. Als Bastler gefallen mir die vielen Einstellungen zur Schriftgrösse, dem Verhalten der Ruftaste und der seitlichen Komforttaste, Benachrichtigungseinstellungen und vielem mehr. Vorallem ist Blackberry OS eigenständig und keine Kopie eines anderen bekannten Systems.

Das bringt auch Nachteile mit sich. So setzt Blackberry auf eine eigene Navigationslösung. Die muss nicht nur ohne Sprachnavigation auskommen, sondern hat auch Probleme mit dem Auffinden von bestimmten Strassen. Das ist sicherlich nur ein Bedienungsfehler, doch wenn ich als relativ versierter Nutzer Probleme damit habe, spricht das nicht für eine intuitive Bedienung. Am Ende musste ich ein Navigationsgerät aus der Tasche ziehen und mich per Sprachansage aus der Pampa zurück auf Kurs leiten lassen.

Dafür arbeitet der Akku zuverlässig. Egal wie lange der Tag, ob Überstunden oder Nachsitzen: Der flache Kraftpotz gibt sein bestes und gibt nicht eher auf, als sein Besitzer die heimische Dockingstation erreicht hat. Wenn es sein muss, auch erst nach Mitternacht.


Multimedia

Der 5 Megapixelkamera mit Autofokus, also nicht so ein grässĺiches EDoF wie im Bold 9900, darf man getrost wichtige Fotos anvertrauen: Die Bilder sind detailreich, gut belichtet und mit einem guten Weissabgleich versehen. Das wird am Fell der Katze eindrücklich demonstriert. Sobald man sich Panoramen widmet, fällt das durchschnittliche Rauschverhalten auf und die Details sinken aufgrund der schlechten Linse ab. Für eine Smartphone-Kamera trotzdem ein respektables Ergebnis. Vielleicht bessert RIM beim Rauschalgorithmus noch nach. In Videos werden die Farben etwas überzeichnet und der Autofokus zuckt ab und an nervös nach, das lässt sich nach Bedarf im Menü nachregeln.

In Sachen Klang gibt sich der Torch 9860 grossmütig: Ein breites Bassfundament füllt die Tiefen, übertreibt jedoch leicht, die Mitten werden klar gespielt und die Höhen kommen unverzerrt und luftig. Bei Bedarf wählt man aus einer Vielzahl von Equalizern aus. Leider fehlt der letzte obere Frequenzbereich, was man nur im A-B-Test mit einem Vergleichsgerät hört. Seit langem endlich wieder mal ein Gerät das Spass macht, einen guten Klang wiedergibt und ich uneingeschränkt für Musikgenuss empfehlen kann!

Fazit

Der Blackberry Torch 9860 von RIM ist ein empfehlenswertes Gerät. Er sieht schick aus, liegt gut in der Hand und hat einen langen Atem. Die Bedienung ist nicht jedermanns Sache, doch wem sie gefällt, der kommt davon nicht mehr weg. Ganz klar muss man sich jedoch entscheiden: Will man einen «echten» Blackberry, weil man viel schreibt, dann gewinnt der Torch keinen Blumentopf. Sucht man dagegen nach einem Multimediakünstler mit gutem Klang und grossem Display für Videos, dann ist der Torch 9860 in seinem Element.

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