Nokia E7 im Test (2/3):
Symbian S3 – Glanz und Trümmer

Das für Arbeiter gedachte Symbian-Handy glänzt und krankt gleichzeitig an dem Betriebssystem: Nokia hat viele Funktionen schlicht wieder aus der Software entfernt. Dafür wurde die Oberfläche durchgehend aufgehübscht – ob das für den Kaufentscheid reicht?

Der erste Teil lobte die Hardware und ihre Verarbeitung über alle Maßen, nun soll sich Symbian dem Praxisalltag stellen.

Bevor wir uns ins Getümmel stürzen noch eine Warnung: Wie im Februar bei uns zu lesen war, verabschiedet sich Nokia von Symbian. Symbian soll, wenn überhaupt, nur noch in den Billighandys zum Einsatz kommen, Windows Phone 7 ist das neue OS der Wahl. Entwickler werden sukzessive darauf reagieren und ihre Anstrengungen entsprechend auf andere Plattformen konzentrieren. Die Preise für die Flagschiffe N8 und E7 sind drastisch gefallen, das Nokia E7 (Affiliate-Link) wurde mit 649 Euro bzw. 599 Euro beworben und kann nur zwei Monate später schon für 444 Euro bei Amazon erworben werden. Nokia entläßt 4000 Mitarbeiter und lagert alles Symbian-bezogene zu Accenture aus, die schon vor zwei Jahren Teilaufgaben übernommen hatten. Als Folge dessen sollte man sich seiner Sache sehr sicher sein und nicht auf zukünftige Programme und Updates hoffen, die Nokia teilweise versprochen hat.

Warum es sich trotzdem lohnt, in ein Symbian 3 Smartphone zu investieren, werden wir jetzt erläutern.

Endlich zuhause

Symbian^3 ist eine riesige Steigerung vorheriger Versionen, im Zusammenspiel mit der potenten Hardware begeistert es jeden S60-Fan. Das E7 läßt bis zu drei verschiedene Homescreens zu, die jeweils maximal sechs Widgets mit drei Zeilen und eigenem Hintergrund erlauben. Die Einrichtung ist intuitiv und schnell erledigt, bis auf Dokumente läßt sich alles einbinden.

Wie schon vom N97 oder C6 bekannt, beschränkt das Layout die Kalendereinträge auf drei Events, der “altmodische” Homescreen mit dem gesamten Tagesüberblick ist verschwunden – doch genau der sollte bei einem Geschäftskunden-Handy oberste Priorität haben. Stattdessen kann man sich die sechs Slots mit RSS-Feeds, Social Networks und seinen Mailboxen zumüllen. Wirklichen Nutzen bringt nur die Wetterabfrage der mitgelieferten Software Psiloc World Traveler, komfortabler und übersichtlicher wird es mit einem kostenlosen Wetter-Widget aus dem Ovi-Store. Kurzum, hätte man wenigstens zwei Slots für die Kalenderübersicht eingeplant, wäre der Homescreen für geschäftliche Belange angemessen gewesen.

Vom Homescreen aus gelangt man entweder direkt in das angezeigte Programm oder verrenkt den Daumen, um an die unglücklich platzierte Menütaste zu gelangen, die zu allem Überfluss auch noch schräg gestellt ist, durch die homogene Gewichtsverteilung ist das einhändig durchführbar. Symbian-typisch werden jeweils 12 Symbole angezeigt, die man auf Ordner und Unterordner verteilen kann. Statt aus den Fehlern der “5th Edition” zu lernen, hat man die Ordner teilweise wieder hinter Programmsymbolen versteckt. Das wirkt schon fast wie boshafte Absicht.

Schiebung

Dem Aufschieben der Tastatur können mehrere kontextspezifische Aktionen zugeordnet werden, vom Homescreen aus läßt sich ein Programm öffnen oder ein Dokument erstellen, während eines Telefonats auf Freichsprechen schalten und beim Zuschieben die Tastensperre aktivieren.

Was begeisterte iPhone-Nutzer schon lange nicht mehr stört, stößt hier sauer auf: Telefonate beginnen und beenden geht nur über den Touchscreen, selbst das Zusammenschieben der Tastatur zeigt keine Wirkung. Gab es wirklich keinen Platz mehr für zwei gesonderte Hardwaretasten an einem Gerät extra für Tastenliebhaber? Immerhin hat man die Lautstärkeregelung an der Seite nicht vergessen, solange das Handy Töne ausgibt, funktioniert sie selbst dann noch, wenn die Tastensperre aktiviert ist. Die schnelle Hardware macht den Programmen Dampf, und so starten sie fast verzögerungsfrei. Anspruchsvollere Apps kann man dank des großen Arbeitsspeichers immer geöffnet halten und so blitzschnell hin und her wechseln.

Verschlimmbessert, der Kalender

Schon in den vorherigen Versionen war der Kalender nur rudimentär und angegraut. Was auf anderen Geräten Standard war, suchte man bei Nokia vergeblich. Das Jammern wurde erhört, denn endlich erlaubt der Terminplaner nicht nur mehrere farblich abgesetzte Kalender für private und öffentliche Synchronisation, er kann auch erstmals die Adresse in Ovi Maps anzeigen. Geht es bei einer Besprechung um eine bestimmte Datei, verknüpft man sie einfach mit dem Termin, um sie zu gegebener Zeit direkt aus dem Kalender heraus aufzurufen.

Die Vorgänger-Version zeigte neben der Termin- und Monatsansicht immer eine Vorschau des Tages, aus unerfindlichen Gründen hat sich Nokia entschieden, sie verschwinden zu lassen, das wäre nur halb so schlimm, könnte man mit einem Tipp die Ansicht ändern. Doch in alter Symbian-Manier poppt ein Fenster auf, indem man Monats-, Wochen-, Tages- oder Aufgabenansicht auswählt, sozusagen “back-to-the-roots” nur im negativen Sinne. Auf der anderen Seite gibt es nun eine Registerkarte für “Versäumte Erinnerungen”. Es scheint fast so, als hätten zwei Teams zeitgleich daran gearbeitet, und weil man sich am Ende nicht einigen konnte, durfte jeder zu 50% bestimmen, was in den Quellcode geschrieben wird.

Bewährter Mail-Client

Mit der Einführung von Nokia Messaging sieht man endlich HTML-Formatierungen ohne den lästigen Browser in den Anhängen aufzurufen und Nachrichten werden auch bei IMAP-Konten auf Wunsch vollständig heruntergeladen. Wenn wir uns wieder dem Busniess-Szenario zuwenden, dann spielen IMAP-Ordner eine große Rolle: Emails von Kontakt A werden nach Unterordner A geordnet und Kontakt B erhält gerechter weise auch seinen eigenen Ordner B. Die lassen sich auch abonnieren, doch der Aufruf von Unterordnern ist beschwerlich, zuerst klickt man die Inbox an, dann “Ordner”, dann “B”, einen direkten Weg über das Hauptmenü oder die Startansicht erhält man nicht. Und selbst das ließe sich noch verschmerzen, wenn man wenigstens eine Benachrichtigung für eingegangene Nachrichten von “A” oder “B” erhielte, doch Nokia Messaging klingelt nur, wenn die Nachricht im Eingang liegt, geht sie im Unterordner ein, sieht man das nicht. Damit ist die Hälfte der Errungenschaften von IMAP vernichtet und der Poweruser nur noch am Schmerztabletten schlucken.

Das bedeutet nun nicht, dass die Emailsoftware gänzlich schlecht wäre, sie nimmt den unbedarften an die Hand, kennt die Einstellungen für die meisten Mailanbieter oder MS Exchange und erledigt nach Eingabe von Mailadresse und Passwort alles selbst. Man kann tägliche Abrufzeiten definieren, Abrufintervalle von 5 Minuten bis einmal täglich einstellen und Dateien aus jedem Programm heraus an eine Mail anhängen. Doch altbewährtes wirft Nokia wieder einmal über Bord, zugunsten einer optisch aufgehübschten Barbie-Oberfläche, schön anzusehen, aber innen hohl.

Fernseh-Zeit

Nach soviel Aufregung sollten wir uns erst mal eine kleine Auszeit gönnen, miniHDMI-Kabel eingesteckt, Füße hoch und Film ab. Hat man sein Video gefunden, es versteckt sich unter “Menü – Programme – Videos & TV – Videos – Andere Videoclips”, ist alles vergessen: der HDMI-Ausgang liefert ein 720p-Signal inklusive Dolby Digital Plus Sound beliebiger Videodateien. Divx- und Xvid-Support gibt es ohne weiteres zu tun, auch Auflösungen jenseits von 720p werden ruckelfrei abgespielt – immerhin zeichnet das E7 Videos mit 1280×720 Pixeln bei einer Bitrate von 12Mbit/s auf.

Lädt man sich noch die Original Nokia-App “Big Screen” aus dem Ovi Store herunter, bedient man das E7 über eine MediaCenter-ähnliche Oberfläche auch mit einer Wii-Mote oder einem Playstation 3 Controller. Was Nokia verschweigt: der 3,5mm Klinkenstecker liefert weiterhin auch ein Composite-Signal, die RCA-Kabel alter Symbian Smartphones sind also voll kompatibel. Das bedeutet, egal wo man hinkommt, mit HDMI und Video-Out findet man garantiert immer Anschluss an einen Beamer oder Fernseher. Das Erlebnis auf dem riesigen, blickwinkelunabhängigen 4-Zoll Amoled-Display ist nicht minder beeindruckend, und durch den aufgeklappten 30° Winkel erspart man sich die Suche nach einer passenden Unterlage.

Lauscherchen auf

Der Musikplayer erfuhr ebenfalls eine Überarbeitung und startet mit einer Coverflow-Ansicht, da flippt man sich flüssig durch die Albencover und sucht seinen Wunschtitel aus. Aber wer hätte es gedacht: Will man nach Interpret, Genre suchen oder alle Songs auflisten, klickt man sich wieder umständlich durchs Menü, keine Shortcut-Funktion auf der Tastatur, kein liebenswürdiges Icon, keine Einstellung, die die Startansicht verändern würde.

Die unter Symbian 5th eingeführte Songtext-Option ist ebenfalls wieder verschwunden, so gesehen ist zwar optisch was passiert und hinzugefügt worden, aber vom Bedienungskonzept ist man wieder einen Schritt zurück gegangen, es ist zum Verzweifeln. Auch das Podcast-Programm wurde entfernt. Da hat man also einen multimedialen Tausendsassa und wird seiner Möglichkeiten beraubt, als wollten die Nokia-Programmierer zum Ende ihrer Tage uns Kunden nochmal die lange Nase zeigen. Das integrierte FM-Radio funktioniert, speichert bis zu 20 Sender und fischt sich automatisch die beste Frequenz aus dem RDS-Text heraus, immerhin ist die Fernbedienung vorheriger Geräte weiterhin nutzbar.

Out-Of-Office-Arbeiter

Versuchen wir es mal mit den Office-Fähigkeiten. Ein Zip-Manager erlaubt uns das Extrahieren von Dateianhängen, mit dem altbekannten Quickoffice Premium zum Erstellen und Editieren aller MS Office-Dokumente soll uns unterwegs bei unserer Produktivität geholfen werden. Und hier haben wir unseren ersten Lichtblick, die Nokia-fremde Software arbeitet tadellos, zeigt auch die allerneuesten Dokumente einwand- und verzögerungsfrei an und auf dem großzügigen Bildschirm ist das Arbeiten eine wahre Freude. Weniger spendabel war Nokia aber beim PDF-Viewer, der ist zwar vorhanden, doch aus unerfindlichen Gründen gibt es keinen Vollbildmodus – die Vollversion kennt dieses Feature.

Zwei weitere Office-Feature buhlen um unsere Aufmerksamkeit, da wäre zuerst Psiloc World Traveler zu nennen, damit erhält man aktuelle Updates zum Wetter, Währungskursen, Flugplänen, speichert Passwörter verschlüsselt ab und liest nach in welcher Zeitzone sich verschiedene Städte befinden. Die F-Secure Anti Theft Software will uns weismachen, dass der Symbian-Browser geschützt werden muss und eine Firewall nebst AntiViren Programm benötigt. Das einzig nützliche Feature ist die Anti Theft-Sicherung, die den Dateninhalt verschlüsselt und vor unbefugtem Zugriff schützt, da Nokia die Hardwareverschlüsselung erst mit dem Anna Update ausliefern wird.

“Anna” steht kurz bevor, spätestens Mitte Juni will Nokia mit der Verteilung beginnen, in dem wichtige und grundlegende Veränderungen eingeflossen sein sollen.

Im nächsten Teil bespreche ich den erstaunlich guten Browser, die Qualität der neuartigen EDoF-Kamera und einige interessante Softwaretitel, die einem das Leben erleichtern.

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