Amazon Kindle2 im Test:
Der Vorleser

Peter Sennhauser, 15. März 2009 16:38 Uhr, 11 Kommentare Kommentare

Das Ebook von Amazon, der Kindle2, ist simpel zu bedienen und beherrscht das, wofür er bestimmt ist. Allerdings ermöglicht er nicht nur das Lesen, er liest auch vor. Und zwar beeindruckend gut. Tonprobe weiter unten.

Der Kindle2 ist nicht nur schöner als sein Vorgänger, das neue Ebook-Lesegerät von Amazon hat neben dem eingebauten Datenfunk jetzt einen weiteren Trumpf gegen die Konkurrenz von Sony und Co unter der Abdeckhaube. Er kann vorlesen.

Als ich nach der Präsentation des Kindle2 von Protesten der Verleger gegen die Vorlesefunktion hörte, hielt ich das zuerst für typische Technologie-Panik. Nachdem ich den Kindle2 gehört habe, denke ich, die Verleger – wenigstens die von Hörbüchern – haben Grund zur Sorge.

Denn sie haben in den USA einen beträchtlichen Markt, weil hier viele der Autopendler die Stunden im morgendlichen Stau mit dem Anhören der nicht ganz billigen Hörbücher verbringen.

Der Kindle2 macht nun aus jedem Buch, nein, aus jedem (englischen) Text ein Hörbuch. Vielleicht nicht ganz so angenehm anzuhören wie das, was ein Schauspieler oder Radiosprecher aus einem Buch macht. Aber die Sprachausgabe des Kindle gehört dennoch zum Besten, was ich bisher an synthetischer Massenware gehört habe. Abgesehen von gelegentlichen Fehlbetonungen oder mangelnden Pausen an Satzenden liest der Kindle2 beeindruckend lebhaft und verständlich. Mal reinhören?

Hier eine Audioprobe(Rechtsklick, “Speichern unter”) aus dem Buch “Wired for War” von P.W. Singer. Ich bin ziemlich beeindruckt. Eine Passage aus “Alice in Wonderland” klang noch besser (leider keine Aufnahme) – bloss mit Fremdsprachen kommt Kindle2 derzeit noch nicht so gut zu Rande. Viel Glück beim Erraten aus welchem deutschen Werk diese Passage stammt.

Was ich leider nicht finden konnte in den Kindle-Einstellungen, das war die Frauenstimme, von der man sich alternativ vorlesen lassen können soll. Es ist schlicht kein Menüpunkt für die Stimmenwahl zu finden.

Überhaupt: Einstellungen und Optionen bietet der Kindle2 nicht grade im üppigen Masse. Das mag einen Geek wie mich ein wenig enttäuschen – ich wollte doch die Bilder für den Standby-Modus auswechseln etc. – aber es ist die konsequente Benutzer-Ausrichtung, wie sie auch Apple mit seinen Geräten bis hin zum iPhone umgesetzt hat: Lieber auf ein paar Features verzichten und dem Kunden dafür eine intuitive Bedienung ermöglichen. Amazon hat sich von Apple mehr als die schöne Verpackung und das iTunes-Systemmodell abgeguckt, und das ist gut so.

Woraus also besteht die Bedienung des Kindle2: Er hat einen Ein-Ausschalter an der Oberkante (und gleich daneben eine 3.5mm-Klinkenbuchse für Kopfhörer), der nur zum Aufwecken benutzt werden muss. Nach ein paar Minuten ohne Umblättern geht der Kindle2 selbständig in den Standbymodus. Auf der schmalen rechten Gehäuseseite findet sich eine Lautstärke-Wippe. Unten gibt es einen winzigen USB-Anschluss als Stromzufuhr und ein LED, das den Ladestatus anzeigt. An der linken Gehäusekante sind zwei feine Schlitze zu finden, die zum anklicken des für obszöne 30 Dollar unverschämterweise nur als Zubehör erhältlichen Ledercovers für den Kindle dient.

Auf der Oberfläche besitzt der Kindle2 links und rechts auf Daumenhöhe einen “nächste-Seite”-Knopf. Links sitzt darüber der “vorherige Seite”-Knopf, rechts an der gleichen Stelle die “Home”-Taste, die zum Hauptmenü mit allen Büchern, Zeitungen und Blogs in einer Liste führt.

Darunter findet sich rechts der “Menu”-Knopf, ein 5-Wege-Joystick und der “Zurück”-Knopf, der einen aus dem Menü in die letzte Funktion bringt. Ausserdem hat der Kindle eine vereinfachte Tastatur.

Die flachen Haupttasten sind sinnvollerweise an der Gehäuse-Aussenseite mit einem Scharnier versehen und müssen innen gedrückt werden. So braucht es einen eindeutigen Tastendruck zum Blättern, zufälliger Druck gegen die Gehäusekante bewirkt nichts.

Die beiden Weiterblättern-Knöpfe würde ich mir allerdings jetzt bereits lieber etwas gegen die Mitte unter den Bildschirm verschoben wünschen. denn der Kindle2 ist nicht federleicht, und wenn man ihn mit einer Hand hält, ruht der Daumen aus Stabilitätsgründen unter dem Bildschirm – und damit nicht auf dem Blättern-Knopf, obwohl der genügend Widerstand bieten würde.

Wer nur Bücher lesen will und auf die Zusatzfunktionen des Kindle – Anmerkungen zu Textpassagen oder Lesezeichen anbringen, Textpassagen markieren (und dieses Markierten Stellen in einem Untermenü jeden Buches verwalten) oder auch mal den “experimentellen” Browser benutzen, kommt mit den Hauptfunktionen sehr schnell zurecht. Ausser den Knöpfen zum Blättern, zum Menu und zurück braucht man nichts weiter. Den Joystick indessen muss man einsetzen, um Elemente aus der Liste der Bücher oder dem Menü auszuwählen; leicht verwirrend könnte sein, dass die Tastatur zwar eine Enter-Taste aufweist, zum Bestätigen von Menü-Befehlen oder der Auswahl eines Buches aber der Joystick eingedrückt werden muss.

Er dient ausserdem in komplexeren Inhalten wie Zeitungen und Zeitschriften zur Navigation: Ein kleines, simples Zusatzmenü erlaubt es dort, mit einem Klick nach rechts zum nächsten Artikel und mit einem nach links zum vorherigen Artikel zu springen, während die Blätter-Tasten die Bewegung im Artikel übernehmen.

In der Fusszeile unten wird zudem bei Zeitungen immer auch der Titel des nächsten Artikels angezeigt. Ein Druck auf den Joystick bringt einen zu einer Inhaltsübersicht der aktuellen Zeitung nach Ressorts. Statt direkt in den Wirtschaftsteil kann auch mit einem Klick auf die Anzahl der Wirtschafts-Artikel eine Übersicht mit Abrissen aller Texte angezeigt bekommen, und man kann darin navigieren. Daran gewöhnt man sich in Minuten – und vermisst die Übersichtlichkeit des Zeitungslesens nach Kindle2-Art sofort sowohl auf Papier als auch am grossen PC-Bildschirm online. Spannend!

Das Umblättern in Büchern und anderswo lässt den Bildschirm zwar jedesmal “aufblitzen”, aber es dauert nicht lange genug, um störend zu wirken. Ich behaupte, das Umschlagen einer Paperback-Seite dauert länger.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist die neue Art, wie man sich in den Texten zurechtfinden muss: Sie weisen keine Seitenzahlen, sondern sogenannte “Locations” auf: Jeder Abschnitt ist so ein Merkpunkt, Buchzeichen werden an sie geknüpft. Singers “Wired for War” hat weit über 12.000 Locations, ich bin bei 832… In der Fusszeile unter der Buchseite zeigt der Kindle2 die Locations dieser Seite an und in einem Prozentbalken, wie tief man sich schon ins Buch verstrickt hat. Bis ich das kapiert hatte, fand ich es etwas unangenehmem nicht zu wissen, wie viel Buch man schon “geschafft” oder noch vor sich hat.

Den Joystick kann man auch benutzen, um Auskünfte zu kriegen: Der Kindle2 hat die New Oxford American Dictionary eingebaut. bringt man den Cursor in einem Text vor ein Wort zu stehen, wird unten sofort die Erklärung angezeigt, ein Druck auf die Enter-Taste (jetzt die der Tastatur) bringt einen zur entsprechenden Seite im Wörterbuch. Für Fremdsprachler eine wunderbare Funktion, leider ist die Navigation mit dem Joystick im Text so zäh, dass ich dies nicht zu oft benutzen werde.

Das gleiche gilt für den “experimentellen” Browser, der allerdings im “komplexeren” Modus sogar Googlemaps anzeigt – für Notfälle ganz reizvoll.

Alles in allem bin ich nach knapp zwei Tagen mit dem Kindle2 schon überzeugt, dass in elektronischen Büchern nicht nur die Zukunft der meisten Bücher (Fotobände und ähnliches logischerweise vorerst ausgenommen – bis wir die grossen OLED-Folienbücher haben…), sondern auch der Printmedien sein dürfte.

Die Elektronische Tinte ist sehr angenehm zu lesen, obwohl die Druckschrift mehr Schwarz auf hellgrau als Schwarz auf Weiss ist. In praller Sonne ist das gar angenehmer als weisses Zeitungspapier.

Allerdings taucht bei diesen “mechanischen” Bildschirmen plötzlich offenbar ein Problem wieder auf, das wir seit dem verschwinden der Röhren nicht mehr kannten – das Einbrennen. Das ist zwar hier nicht möglich, der Bildschirm besteht aus einer Schicht winziger, zweifarbiger Kügelchen, die durch Anlegen einer Spannung gedreht werden. Aber wenn ein Bild – wie die zufällig ausgewählten Autorenportäts, die der Kindle2 beim Wechsel in den Standbymodus anzeigt – lange auf dem Screen gestanden hat, sind danach beim Lesen einige Umblätter-Vorgänge lang leichte graue Schleier des Bildes sichtbar. Nicht störend, nur am Bildschirmrand und kein grosses Problem – aber möglicherweise ein kleines, das mit Alterung des Bildschirms grösser werden könnte.

Trotz der simplizistischen Bedienelemente ist der Kindle insgesamt ein raffiniertes Stück Hightech. Der Konkurrenz von Sony und Co ist er, was die Bedienung und Möglichkeiten wie die Anzeige von PDF und vielen anderen Formaten angeht, klar unterlegen. Aber just darin liegt seine Stärke. Denn das Konzept, das hinter dem Gerät steckt, gleicht demjenigen von iPod und iTunes, allerdings nochmals eine Elle weitergedacht: Der Bücherkauf ist so unglaublich bequem und schnell, dass man kaum mehr aufhören will.

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11 Kommentare

  1. Kindle2 Beobachter
    schrieb am 15. März 2009 um 18:57 Uhr (#)

    Du scheinst ja richtig begeistert von dem Teil zu sein :)

    Mir persönlich ist da aber zu viel “Kindle2″ um den Bildschirm. Vorallem die Tastatur ist schon gut 1/3 von dem Gerät groß. Der Pendant von Sony hat für mich genau das richtige Verhältnis.

    Der Kindle2 wird wohl hoffentlich nicht der Letzte seiner Art sein, vorallem deutlich preiswertere Geräte würde ich begrüßen. Idealerweise mit Touchscreen um Notizen ins Buch zu schreiben.

  2. Pan
    schrieb am 15. März 2009 um 22:28 Uhr (#)

    ich habe gut gelacht ! also wenn sich da die hörbuch sprecher sorgen machen sollten , dann sollten diese aber ganz schnell zum logopäden gehen :-)) ich biege mich schon vor lachen . also für fachliteratur kann ich mir das Kindle2 noch vorstellen , aber für belletristik … niemals

  3. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 15. März 2009 um 22:33 Uhr (#)

    Pan: Berechtigter Einwand – hätte ich auch so differenzieren sollen. Natürlich geht es nicht um die Liebhaber von belletristischen Hörbüchern, sondern um die Zweckkäufer, die keine oder wenig Zeit zum Lesen haben, aber viel im Auto sitzen – die kriegen jetzt zum Preis eines Paperbacks das und das “Hörbuch”. Dabei dürfte diesen Leuten der Preis zwar egal sein, aber interessieren dürfte sie die unmittelbare Verfügbarkeit und der Umstand, dass eben faktisch “alles” bei Neuerscheinen als “Hörbuch” verfügbar ist.

    1. Tim
      schrieb am 8. März 2010 um 15:43 Uhr (#)

      Als Hörbuch ist dieses Text-to-Speech doch auf keinen Fall zu gebrauchen! Ich kann die Begeisterung nicht nachvollziehen. Das engl. Hörbeispiel klingt abgehackt und synthetisch wie eh und je.
      Übrigens: Lies noch einmal die Rechtschreibregeln um die Benutzung des ß’ nach. Nach langen Vokalen kommt wie gehabt ein ß, die Verdopplung des s’ nur bei kurzen genau wie bei jedem anderen Konsonanten. Wie unterscheidest Du sonst zwischen in Maßen (genügsam) und in Massen (über den Verhältnissen)?
      Beste Grüße,
      Tim

    2. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
      schrieb am 8. März 2010 um 21:38 Uhr (#)

      Tim, ob es zu gebrauchen ist oder nicht, ist wohl eine Frage Deiner Ansprüche.

      Was den Hinweis auf die Rechtschreiberegeln angeht: Die werde ich nachlesen, sobald wir in der Schweiz das SZ eingeführt haben. Solange amüsiere ich mich über die Deutschen, die nach den neuen Regeln nicht mehr in der Lage sind, zwischen «das» und «dass» zu unterscheiden.

    3. Peter Hogenkamp
      schrieb am 10. März 2010 um 02:22 Uhr (#)

      Ich begegne auch immer wieder Deutschen, die mich schulmeistern, was ß angeht. Auf Twitter hat mich sogar mal irgendein ß-Bot angetwittert, ich solle gefälligst richtig screiben.

      Siehe http://de.wikipedia.org/w…und_in_Liechtenstein

      Wie unterscheidest Du sonst zwischen in Maßen (genügsam) und in Massen (über den Verhältnissen)?

      Wie unterscheidest Du denn zwischen sieben und sieben oder Tau und Tau? :-) Ich glaube, die Begründung passt nicht ganz.

    4. Schtonk!
      schrieb am 10. März 2010 um 13:03 Uhr (#)

      hehe, ‘ichabe doch gar kein Esszett, Senora!

  4. Pan
    schrieb am 16. März 2009 um 14:31 Uhr (#)

    Peter Sennhauser: das Kindle2 wird darin seine stärken haben und z.b. schulbücher ersetzen. wenn das display sich verdoppelt und der preiß sich halbiert könnte es so einige fachbücher ersetzen . ob es sich dann auch ökologisch besser darstellt bleibt dann nur zu hoffen.

  5. Hofnarr Florian
    schrieb am 16. März 2009 um 19:42 Uhr (#)

    Naja also die Hörprobe ist zwar für einen Computer nicht schlecht, aber trotzdem würde ich mir so niemals ein Buch einflößen.

  6. Peter
    schrieb am 27. Oktober 2009 um 07:11 Uhr (#)

    Wenn das Ding keine PDFs anzeigen kann, ist es eigentlich unbrauchbar.

  7. uschi
    schrieb am 14. Februar 2010 um 16:58 Uhr (#)

    also, ich hab so ein ding und bin begeistert…es liest sich gut, es hört sich gut an (wenn man das will), es ist leichter an gewicht als z.b. der neue “limit” von schätzing…..ich les halt so richtig gern und immer mehr. was mir fehlt, sind bücher in anderen sprachen als englisch. weiß jemand, wann es soweit ist? wann gibt es was auf deutsch??? kennt jemand die diesbezüglichen entwicklungen?
    thanks

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