Arcor Digital-TV:
Das blaue Fernsehen

Wolf-Dieter Roth, 28. Januar 2008 10:43 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Arcor will mit “Digital-TV”, Fernsehen über den DSL-Anschluß, nun den Kabelfernsehgesellschaften Konkurrenz machen.

Arcor DSL fuer Telefon Internet TV
Schöne neue Multimedia-Zweisamkeit: Gemeinsam gleichzeitig telefonieren, surfen und glotzen (Bild: Arcor)

Die Telekom wollte als erste unter dem Namen T-Home “richtiges” Fernsehen über Internet anbieten. Großartig die Präsentationen, zunächst gering der Erfolg: das spezielle Telekom-Breitband-DSL VDSL konnte nur in ausgewählten Gebieten angeboten werden und als erste Teilnehmeranzahl kursierte eine peinliche Nummer unter 50. Arcor hat seine Version des kleinen Fernseh-Spiels bereits zur letztjährigen CeBIT angekündigt. Dieses Jahr soll es nun tatsächlich so weit sein:

“Der Pilot ist ausgelaufen”, so verkündete ein Arcor-Sprecher auf der CeBIT-Preview in München. Damit war aber nicht etwa Inkontinenz eines Flugkapitäns gemeint, sondern dass Arcors IP-TV nun vom Pilot- in den Regelbetrieb gehen will. Technisch funktioniert also wohl alles.

Radio unerwartet gefragt

Über 50 der normalen, heute im Kabel oder über Satellit empfangbaren freien TV-Programme, über 60 Bezahl-TV-Programme und IP-Multicast von über 60 digitalen Radiosendern verspricht Arcor. Vom Interesse und Erfolg des Radioangebots war man dabei überrascht, doch das ist ein altes Leiden: schon bei SAT-Empfängern wird heute kaum an den Radioempfang gedacht, obwohl viele Besitzer einer Satellitenschüssel damit mehr Radio hören als fernsehen.

Wie bei Bezahlfernsehen wohl unvermeidlich, gibt es auch bei Arcor ein Erotikangebot für 5,95 ? im Monat, das allerdings “Sports & Male” genannt wurde, obwohl dort weniger Männer als Frauen gezeigt werden dürften. Durch den “unschuldigen” Namen des Senders können die Herren ihn ungestört ansehen, ohne dass ihre Frau etwas bemerkt, so die Argumentation von Arcor. Zum gemeinsamen Ansehen ist das Programm also wohl ungeeignet. Kommt es dann doch zum Ehekrach, kann man ja mal versuchen, von Arcor sein Geld zurückzuverlangen.

Der Preis für das Grundangebot liegt bei 9,95 ? im Monat, die Set-Top-Box und der einmalige Anschlusspreis betragen jeweils knapp 50 ?, eine weitere Set-Top-Box kostet 100 ? extra. Im Gegensatz zum Telekom-Angebot ist kein spezielles VDSL notwendig, das Arcor ja auch gar nicht anbietet, es reicht ein normaler ADSL-Anschluss mit sechs oder 16 MBit/s, wobei bis zu drei gleichzeitige Empfänge garantiert werden. Es ist also möglich, mit der Box gleichzeitig einen Kanal anzusehen und einen anderen aufzuzeichnen, so man das Modell mit 160-GB-Festplatte gewählt hat.

GEZ: TV, nicht Internet

Ohne die spezielle Set-Top-Box - und auch ohne einen Arcor-Anschluß - ist kein IPTV-Empfang möglich, was allerdings auch Vorteile hat: derartige Dienste gelten gebührentechnisch nämlich nicht als Internet, sondern als regulärer Fernsehempfang, weshalb keine Rundfunk-, sondern eine Fernsehgebühr fällig wird. Hängen dann am selben Internetanschluss noch drei beruflich genutzte Computer, könnte das mit drei weiteren TV-Gebühren sehr teuer werden - so sind dagegen für diese nur eine weitere Rundfunkgebühr zu bezahlen.

Die Übertragung selbst erfolgt mit MPEG4 im H.264-Standard bei 3,2 bis 3,5 MBit/s. HDTV ist damit im Gegensatz zu der Telekom-Lösung allerdings erstmal nicht drin. Auch Video on Demand als Alternative zur DVD-Ausleihe soll für 1,00 bis 3,99 ? für 24 Stunden möglich sein, allerdings im Gegensatz zur DVD zunächst einmal nur mit deutscher Tonspur. Während Arcor momentan in einigen Großstädten gestartet ist, kommt als nächstes das Ruhrgebiet an die Reihe.

Doch nicht alle der hochgreifenden Pläne sind bereits umgesetzt. Probleme macht beispielsweise Restart: schaltet man auf einen Sender ein, während die Sendung schon läuft, weil man zu spät nach Hause kommt oder erst beim Zappen diese Sendung entdeckt hat, so kann man für 49 Cent zum Anfang der Sendung zurück springen und diese komplett ansehen.

Restart erstmal nicht am Start

Dies ist eine Netzfunktion, der Anbieter lagert die Fernsehsendungen bis zu deren Ablauf auf eigenen Servern zwischen, von denen sie Restart abruft. Dazu ist aber eine entsprechende Vereinbarung mit den Fernsehsendern notwendig, die diese Funktion entweder als Wiederholung oder als Video on Demand betrachten und dafür zusätzliche Gebühren verlangen. Deshalb ist diese eigentlich geniale Funktion bislang nur für den BBC World Service und das Börsenfernsehen Bloomberg TV verfügbar. Ob und wann es für die normalen, deutschen Fernsehprogramme angeboten werden kann, ist noch offen.

Zu einem anderen Dienst, “Interaktive Funktionen, wie Shopping oder Voting” gab der Anbieter sehr ehrlich zu, diese seien dazu da, “das Gefühl zu haben, man arbeite aktiv mit”. Daß das nichts bringt, hat man ja am gerade gescheiterten Betty TV gesehen.

Auch offen ist bislang, wie einfach beziehungsweise kompliziert der Umstieg für Interessenten ist: einerseits haben die heutigen Kabelgesellschaften oft schon mit den Vermietern feste Verträge abgeschlossen, die der Mieter zahlen muss, ob er sie nutzt oder nicht, andererseits gibt es beim Umstieg von Telekom auf alternative Anbieter oft Verzögerungen. Manfred Peters von Arcor berichtete hierzu, dass sein Unternehmen und die Telefonica ein offizielles Missbrauchsverfahren gegen die Telekom eingerichtet habe und diese nun vier Euro Strafe pro Tag zahlen muss, wenn sie beim Umschalten im Verzug ist, was aktuell trotzdem bei insgesamt 20.000 Anschlüssen der Fall ist.

Kein angenehmer Gedanke, wenn so auf einem einzigen Anschluss Telefon, Internet und Fernsehen liegen: dann geht bei Störungen gleich gar nichts mehr. Das allerdings gilt für T-Home der Telekom ebenso. Und auch die Preise liegen bislang nicht so niedrig, dass sie zum Umsteigen verlocken dürften. Höchstens bei einem Umzug wird man über IPTV nachdenken.

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2 Kommentare zu diesem Artikel

  1. collin

    schrieb am 29. Januar 2008 um 01:46 Uhr (#)

    das wird nie, niemals flüssig laufen. keine chance. wenn bluewin tv schon probleme auftauchen bei kunden die 20mbits/s haben, kann ich mir nicht vorstellen, dass über dsl das bild gut sein sollte. testpilote sind schön und gut, aber ob jetzt 100 leute testen, oder 10′000 leute am netz ziehen, ist ein riesen unterschied, vorallem bei dem heiklen übertragung von bildern in der richtigen reihenfolge

  2. Sven

    schrieb am 10. April 2008 um 15:09 Uhr (#)

    Also ich muss dem Vorredner wiedersprechen. Mit 6 MBit/s ist ohne weiteres ein flüssiges Bild in guter Qualität möglich - eine ausgefeiltes Bandbreitenmanagment vorausgesetzt. Zudem dürfte das Arcor DigitalTV-Angebot langsam aber sicher ausgereift sein, obgleich es glaube bisher keine HD in der Set-Top-Box gibt…


1 Trackback

  1. gutes-fernsehen » Blog Archive » Re: 100% Ack - c’t 18/2007, S. 84: Fernsehen im Umbruch
    (29. März 2008 05:01)

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