Amazon Kindle im Test (III/IV)Mehr als eBooks » neuerdings.com

neuerdings.com medienlese.com imgriff.com fokussiert.com netzwertig.com fraulich.com

Amazon Kindle im Test (III/IV)
Mehr als eBooks

Von Andreas Göldi am 23. November 2007 um 10:34 Uhr Kommentare (3)
Kategorien: Allgemein, Mobil, Portables, Tests, UMTS

Ein schlaues Gerät wie der Amazon Kindle hat natürlich noch ein paar zusätzliche Tricks über das Lesen von eBooks hinaus auf Lager. Wir zeigen im dritten Teil unseres Tests, was sich im neuen eBook-Reader sonst noch versteckt.

Amazon Kindle im Test Teil I/IV: Entfacht er das Ebook-Feuer?
Amazon Kindle im Test Teil I/IV: Blättern in virtuellen Büchern

Die technischen Daten des Kindle sind nicht in allen Details bekannt, aber die Innereien scheinen jedenfalls durchaus mit einem üblichen Smartphone vergleichbar zu sein: hochauflösender Screen, 256 MB Flash-Memory, schneller Datenfunk, Soundchip und eine Intel-PXA255-CPU. Als Betriebssystem wird angeblich — auch das ist nicht überraschend — eine Linux-Variante verwendet.

Img 1536-2
Webbroswer auf dem Amazon Kindle

Da wäre es doch gelacht, wenn der Kindle nicht noch mehr könnte als “nur” brav durch eBook-Seiten zu blättern. Und tatsächlich: Amazon hat sein neues Gerät mit ein paar Zusatzfunktionen ausgestattet, die im Moment aber noch eher experimentellen Charakter haben.

Nützlich ist da vor allem der eingebaute Webbrowser.

Browsen mit dem Kindle ist ein ziemlich eigenartiges Erlebnis. Dank dem EVDO-Datenfunk geht der Seitenaufbau eigentlich sehr flott voran. Die Darstellung des Layouts ist allerdings nur recht simpel und entspricht etwa dem, was man von einfacheren Smartphones (also nicht dem iPhone oder neueren Nokias) kennt. Tabellen scheint der Kindle-Browser nicht zu beherrschen, die Seiten werden alle linearisiert dargestellt. Flash und Java-Applets kann man sowieso vergessen. Und ausserdem wird alles — durch das E-Ink-Display bedingt — nur schwarzweiss dargestellt.

Die Displaytechnologie des Kindle macht auch eine ziemlich merkwürdige Bedienung des Browsers erforderlich. Mit E-Ink kann man nicht scrollen, sondern man muss sich per Next-Button Seite für Seite durch eine längere Webpage “vorblättern”. Links werden mit dem Scrollrad ausgewählt, was auch nicht sehr intuitiv ist.

Immerhin funktioniert aber auch einfache Interaktion einigermassen. Ich konnte beispielsweise auf Gmail zugreifen und auch Nachrichten abschicken, wenn auch mit der einen oder anderen seltsamen Fehlermeldung. Ist doch prima: Wer mal im Urlaub mal so richtig abschalten und nur in Ruhe ein paar eBooks lesen will, braucht auf heimliches eMail-Lesen trotzdem nicht zu verzichten.

Bear1Amazon Kindle
Vorher und nachher: PDF-Konvertierung mit dem Amazon-Dienst

Eins ist klar: Als Webtablett sollte man sich ganz sicher keinen Kindle anschaffen, dafür sind seine Internet-Fähigkeiten zu primitiv. Der Browser ist aber immerhin ein nettes Zusatzfeature, das im einen oder anderen Fall nützlich sein kann. Derzeit kostet das drahtlose Surfen noch nicht einmal etwas, und das allein ist ja schon bemerkenswert.

Dass man auf dem Kindle nicht nur gekaufte Bücher, sondern auch andere Dokumente lesen will, ist eigentlich naheliegend. Allerdings macht Amazon einem das nicht ganz einfach: Der Kindle unterstützt derzeit von Haus aus keine PDF-Darstellung.

Dafür kann man aber verschiedene Dokumenttypen — PDF, DOC, JPG, HTML und andere — an eine spezielle eMail-Adresse schicken. Von der wird das Kindle-gerecht aufbereitete Dokument entweder direkt drahtlos an das Gerät gesendet (für eine Gebühr von 10 Cent allerdings) oder per eMail zwecks manuellem Hochladen auf den Kindle gratis zurückgesendet. Das ist eine etwas umständliche, aber besonders im Fall der drahtlosen Übermittlung recht bequeme Lösung. Angesichts der üblichen Datenpreise für Mobilfunk erscheinen 10 Cents auch noch als vernünftige Gebühr. Anderswo zahlt man das schon pro 10 KB Rohdaten.

Wunder darf man sich von der Konvertierung allerdings keine erwarten (siehe Bild oben). Ein Test mit einem nicht allzu kompliziert gelayouteten PDF-Dokument brachte ein zwar lesbares, aber doch arg deformiertes Dokument hervor.

Am besten funktioniert die Konvertierung mit rein linearen Dokumenten, beispielsweise einfachen Reports oder Vertragsdokumenten. Es ist durchaus vorstellbar, dass sich z.B. nicht so PC-affine Manager mit dem Kindle zwecks elektronischem Aktenstudium anfreunden könnten.

Eine häufig gehörte Kritik an eBooks ist: “Aber da kann ich ja gar nichts unterstreichen oder keine Randnotizen machen.” Auch daran hat Amazon gedacht. Mit ein paar einfachen Menüpunkten kann man Textstellen markieren oder Notizen anbringen. All diese markierten Ausschnitte sind sogar zentral im Hauptmenü als Liste von “Clippings” abrufbar. Diese Ausszüge kann man per USB-Schnittstelle auch problemlos als TXT-File auf den PC oder Mac herunterladen und so nach Herzenslust weiterverarbeiten. Noch besser wäre es freilich, wenn man diese Clippings auch gleich direkt mit dem eh schon eingebauten Datenfunk verschicken könnte, aber das geht zumindest in der aktuellen Version noch nicht.

Kindle2
Kindle-Ansicht per USB: Die Datei “MyClippings.txt” enthält die markierten Abschnitte und Kommentare. Auch die Buchdateien können per USB gesichert werden.

In der USB-Ansicht ist auch ein “System”-Folder vorhanden, in dem aber nur ein paar Caching-Files zu finden sind, keine eigentlichen Systemdateien. Aber man kann sich natürlich gut vorstellen, dass man irgendwie auch an die Innereien des Geräts herankommen könnte. Bisher sind uns noch keine Kindle-Hacks bekannt, aber wie immer ist das vermutlich nur eine Frage der Zeit.

Der Direktor von Amazons Kindle-Projekt deutete sogar an, dass Amazon mit der Zeit die Kindle-APIs öffnen könnte. Zweifelsfrei wäre es interessant, auch Drittapplikationen auf so einer Plattform laufen lassen zu können. Denn dank dem eingebauten Linux-OS wären den Erweiterungsmöglichkeiten zumindest theoretisch kaum Grenzen gesetzt. Da kann man sicher gespannt sein…

Wirklich schlau gelöst von Amazon ist die Integration des Kindle mit der Amazon-Website. Wer sich als Kindle-Besitzer bei Amazon einloggt, bekommt ein ausführliches Management-Interface, mit dem sich Bestellungen mitverfolgen, Abos ändern und löschen sowie zusätzliche e-Mail-Adressen für den Konvertierungsdienst freischalten lassen.

Kindle1-2

Auch Musik kann der Kindle abspielen, allerdings ist der eingebaute MP3-Player sehr rudimentär. Er ist ausdrücklich nur für Hintergrundmusik beim Lesen gedacht und läuft ausschliesslich im Shuffle-Mode, spielt also die hochgeladenen MP3s in zufälliger Reihenfolge ab. Kein iPod-Ersatz, das ist klar.

Besonders ungewöhnlich ist eine weitere experimentelle Funktion auf dem Kindle: Amazon “NowNow” ist eine Art Auskunftsdienst. Der Kindle-Benutzer kann eine Frage auf der eingebauten Tastatur tippen und absenden. Im Hintergrund beantwortet nicht etwa eine Suchmaschine die Anfrage, sondern ein Mensch, und zwar einer, der sich über Amazons “Mechanical Turk”-Dienst dafür (gegen Geld) zur Verfügung stellt. Die Rechnung bezahlt in dieser Testphase freundlicherweise Amazon. Leider ist es mir aber nicht gelungen, eine Antwort auf meine beiden Testfragen zu erhalten. War wohl zu schwierig, denn ich wollte relativ spezifische Auskünfte, die nicht mit einer einfacher Google-Suche zu beantworten sind. Da fragt man sich natürlich, wozu “NowNow” genau gut sein soll, denn nur googeln kann ich auch selber.

Insgesamt versteckt sich im kompakten Gehäuse des Kindle eigentlich weit mehr als nur ein einfacher eBook-Reader. Bisher sind die Zusatzfunktionen zwar noch primär experimenteller Natur und noch stark verbesserungsbedürftig, aber man sieht klar das Potential. Und noch interessanter ist, dass die Kindle-Plattform theoretisch auch Drittapplikationen unterstützen könnte. Wer weiss, was da noch kommt.

Zuguterletzt sei noch eine Sonderfunktion viel weniger technischer Natur erwähnt: Der Kindle hat einen wunderschönen Screensaver. Wenn man das Gerät einige Minuten lang nicht benutzt, schaltet es sich in einem Schlafmodus, und auf dem Screen werden Motive aus Büchern aller Epochen angezeigt, Portraits von berühmten Autoren und schön gestaltete Hinweise zur Benutzung. Dadurch erhält der Kindle einen richtig bibliophilen Anstrich.

Ein paar Beispiele aus einer Kollektion von Dutzenden von Motiven:
Img 1524

Img 1535
Img 1526
Img 1532
Img 1525
Ein schöner Zusatz, der gut zum Ziel von Amazon passt, den Kindle als Gadget für Buchliebhaber zu positionieren.

Im nächsten und letzten Teil: Das Fazit.


Vorheriger / nächster Artikel

<< Briefmarke mit Mobile Tagging -
Link im Miniaturformat
Logitec LBT-HP110C2:
Freisprech-Surround-Sound
>>


3 Kommentare

Feylamia

Oscar Wilde im Screensaver? Das machen die doch extra, nur um mich zu locken!


[…] Amazon Kindle im Test (III/IV)Mehr als eBooks » This Summary is from an article posted at neuerdings.com on Friday, November 23, 2007 Ein […]


mds

Ich inzwischen Gelegenheit einen «Kindle» zu nutzen. Als negativ empfand ich vor allem die Geschwindigkeit, das Gerät arbeitet unglaublich langsam … aber Lesen soll ja gemütlich sein! :->


Einen Kommentar schreiben


Leseservice

Kontakt

RSS-Feed, was ist das? Artikel 1x täglich per E-Mail:

E-Mail-Adresse eingeben:

Unsere Blogs

Über Blogwerk

Autorenarchiv