Amazon Kindle im Test (II/IV)
Blättern in virtuellen Büchern
Von Andreas Göldi am 22. November 2007 um 09:58 Uhr Kommentare (3)
Kategorien: Allgemein, Mobil, Portables, Tests, UMTS
Der Hauptzweck des Amazon Kindle ist das Lesen von Büchern. Bisher waren eBooks kompliziert, teuer und unhandlich. Kann Amazon das ändern?
Amazon Kindle im Test, Teil I/IV: Entfacht er das Ebook-Feuer?
Den frischgebackenen Kindle-Besitzer erwartet schon beim Einschalten eine erste Überraschung. Der Kindle wird nämlich vorkonfiguriert für denjenigen Benutzer ausgeliefert, der das Gerät bei Amazon bestellt hat — samt Begrüssungsbrief von Jeff Bezos:

Jeff Bezos persönlich begrüsst die Käufer des Amazon Kindle
Jegliche Konfiguration entfällt. Wer den Kindle auspackt, kann sofort loslegen und im virtuellen Buchladen schmökern. Das muss man auch, denn leider kommt bis auf die Bedienungsanleitung kein vorinstalliertes Buch mit dem Kindle mit.
Der Buchladen auf dem Kindle ist eine vereinfachte Version des normalen Amazon-Onlineshops. Was wiederum auffällt, ist die gute Integration: Der Kindle “weiss”, welche Bücher ich sonst schon bei Amazon bestellt habe und empfiehlt mir passend dazu interessante eBooks.
Ausserdem sind Bestsellerlisten und aktuelle Empfehlungen verfügbar.
Wie man sieht, sind derzeit gut 90′000 Buchtitel für den Kindle erhältlich, fast alle in Englisch. Darunter sind besonders viele aktuelle Titel: Über 90% der Bücher aus der aktuellen amerikanischen Bestsellerliste sind für den Kindle verfügbar. An Lesestoff mangelt es also nicht, auch wenn man sicher das eine oder andere Buch vermissen wird, besonders bei älteren Titeln.
Auch Magazine und Zeitungen bietet der Online-Shop, aber da ist die Auswahl wirklich noch recht bescheiden. Bei den Zeitschriften gibt es beispielsweise Time Magazine, Fortune, Forbes und Slate, bei den Zeitungen sind derzeit nur ein paar Top-Titel erhältlich: Die New York Times, das Wall Street Journal, die Washington Post und ein paar weitere. An internationalen Zeitungen gibt es die FAZ, Le Monde und die Irish Times.
Die Formatierung der News-Produkte ist ziemlich rudimentär. Im Prinzip entsprechen die Zeitungen und Zeitschriften auf dem Kindle in etwa einem Volltext-RSS-Feed, müssen also ohne aufwendige Formatierung und Bilder auskommen. Viel mehr als ein Notnagel ist das eigentlich nicht. Die gedruckte Zeitung oder selbst eine Zeitungswebsite kommt dadurch kaum in Gefahr. Aber immerhin ist es deutlich angenehmer, sich News unterwegs auf dem Kindle reinzuziehen als beispielsweise auf dem Mini-Bildschirm eines Mobiltelefons. Auch längere Magazintexte kann man so noch gut lesen.
Aber kommen wir zum Hauptanwendungszweck des Kindle: Zum Bücherlesen. Ein Buch im Kindle-Shop ist schnell bestellt. Per Menü oder per Volltextsuche (die ausgezeichnet funktioniert und bei der sich die eingebaute Tastatur sehr bewährt) gelangt man schnell zum gewünschten Titel. In diesem Fall will ich mir mal “The Age of Turbulence” kaufen, die neue Autobiographie von Ex-Federal-Reserve-Chairman Alan Greenspan.
All die üblichen Features aus dem Amazon-Onlineshop sind da: Rezensionen von Kunden, Hinweise auf ähnliche Bücher, Probekapitel usw. Gekauft wird der Titel ganz einfach: Mit einem einzigen Klick auf den “Buy”-Knopf. Der Kindle kennt vom Amazon-Shop her bereits meine Kreditkarte und bucht den Preis automatisch ab. Wer aus Versehen geklickt hat, kann die Bestellung aber auch rückgängig machen.
Und jetzt passiert etwas, was beinahe schon an ein kleines technisches Wunder grenzt. Über die Drahtlos-Verbindung des Kindle (genannt “Amazon Whispernet”) wird der Buchtitel sofort im Hintergrund heruntergeladen. Nach gerade mal etwa 20 Sekunden kann man mit dem Lesen beginnen. Schneller und bequemer kann man sich auch in der physischen Welt kein Buch kaufen.
Wohlgemerkt: Das funktioniert alles über das EVDO-Handynetz, das an den meisten Orten in den USA verfügbar ist. Für eine europäische Version wird der Kindle dann wohl dereinst UMTS-Datenfunk erhalten. Das ist unendlich viel praktischer als die Synchronisation mit dem PC (im iPod-Stil) oder per Wifi.
So kann man sich spontan neue Bücher oder Zeitschriften kaufen, auch wenn man gerade irgendwo unterwegs ist. Es ist wirklich verblüffend, wie gut das funktioniert. Der User muss sich keine Sekunde mit der Technik herumschlagen.
Aber zurück zum Lesen. Mit zwei weiteren Klicks gelangt man zum Buchtext.
Das Schriftbild ist angenehm und gut lesbar. Der Kontrast ist allerdings eindeutig nicht so gut wie auf Papier, weil der Hintergrund nicht weiss, sondern hellgrau ist. Man kann sich den Eindruck etwa vorstellen wie auf bedrucktem Verpackungskarton. Gute Beleuchtung ist also wichtig.
Die Schriftgrösse lässt sich auf Wunsch in sechs Stufen verstellen, was die meisten Präferenzen abdecken dürfte.
Durch die relativ kleine Bildschirmgrösse des Kindle passt auf eine Seite deutlich weniger Text als in einem gedruckten Buch. Grob gesagt entspricht eine Kindle-Seite etwa einer halben Taschenbuchseite. Hier der Vergleich zwischen dem Kindle und dem gedruckten Hardcover-Buch:
Umgeblättert wird mit den breiten Tasten auf beiden Seiten des Bildschirms. Das ist ergonomisch durchaus recht gut gelöst. Ob man den Kindle nun mit einer oder beiden Händen und mit der linken oder rechten Hand hält, man kommt problemlos an einen Blätterknopf heran. Nur die “Back”-Taste, die nicht etwa zurückblättert, sondern zum vorhergehenden Text oder Menü wechselt, ist etwas unpraktisch rechts unten angebracht. Dort kann man sie schon mal aus Versehen betätigen.
Beim Lesen wird auch klar, warum der Kindle mit so verschwenderisch viel Platz für eine Tastatur ausgestattet ist: Irgendwo muss man das Ding ja festhalten. Insgesamt liegt das Gerät gut in der Hand. Der Komfortfaktor ist durch das geringe Gewicht subjektiv besser als bei den meisten Hardcover-Büchern, aber etwas schlechter als bei einem Taschenbuch.
Negativ beim Blättern fällt auf, dass der Seitenwechsel etwa eine halbe Sekunde dauert und der Screen jedesmal kurz dunkel aufflackert. Ich vermute, dass das technisch nötig ist, um das ganze Display auf einmal mit neuem Inhalt zu beschicken. Man gewöhnt sich daran, aber zu Beginn schmälert das den entspannten Lesegenuss schon erheblich. Überhaupt blättert man aufgrund der begrenzten Screenfläche doch recht häufig. So gemütlich wie bei einem gedruckten Buch ist das Lesen mit dem Kindle eindeutig nicht.
Die Bedienung insgesamt stellt sich nach kurzer Benutzung als ziemlich intuitiv heraus, auch wenn man anfänglich nicht diesen Eindruck hat. Die Menüs sind gut strukturiert, und das Scrollrad ist ein effizientes Bedienungselement. Für alle wichtigen Funktionen gibt es physische Tasten, und darum hat man bei der Benutzung nie den Eindruck, dass man sich um etliche Ecken herumklicken muss, um zu einer gewünschten Funktion zu gelangen.
Insgesamt ist die Benutzung des Kindle deutlich angenehmer und problemloser, als man sich das zunächst aufgrund des etwas misslungenen Designs vorstellt. Die grosse Frage ist aber natürlich: Kann so ein eBook-Reader wirklich ein Ersatz für ein gedrucktes Buch sein?
Die Antwort ist ein klares “Jein”.
Natürlich hat das physische Buch immer noch Vorteile: Besseres Schriftbild auf grösseren Seiten, farbige Illustrationen sind möglich, kein Stromverbrauch, leicht weiterzugeben, sieht im Regal besser aus, relativ billig. Dafür ist der Kindle leichter und kompakter (sofern man mehr als einen Buchtitel mit sich tragen will), macht eine enorme Menge an Inhalten unterwegs sofort zugänglich, kann Musik und Hörbücher abspielen und bietet sogar einfachen Internet-Zugang.
Ob man so einen eBook-Reader braucht, hängt stark von den Lesegewohnheiten ab. Wer nur abends zu Hause im Bett Bücher liest, braucht garantiert keinen Kindle. Und Bildbände kann so ein Gerät schon gar nicht ersetzen. Wer aber viel unterwegs ist, gern auf Reisen liest und nicht immer Bücher und Zeitschriften mit sich herumschleppen will, wird sich vermutlich für so ein Gerät sehr interessieren. Der Kindle ist ein Kompromiss - im gleichen Sinn wie ein iPod ein Kompromiss im Vergleich zu einer ausgewachsenen Stereoanlage ist.
Im nächsten Teil: Die Sonderfunktionen.
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3 Kommentare
Was mache ich mit den gelesenen Ebooks? Kann ich die weitergeben? Extern speichern?
mds
schrieb am 22. November 2007, 10:58 Uhr (Permalink zum Kommentar)Blocksatz ohne Silbentrennung?
Andreas Göldi
schrieb am 22. November 2007, 13:38 Uhr (Permalink zum Kommentar)@Mick: Die Bücher sind DRM-geschützt, können also nicht weitergegeben werden. Extern speichern geht aber, man kann den Kindle voll als USB-Drive ansprechen. Und Amazon merkt sich auch, welche Bücher man gekauft hat, so dass man die sich bei Datenverlust wieder neu runterladen kann.
mds: Ja, Silbentrennung scheint (noch?) nicht implementiert zu sein. Im Englischen stört das aufgrund der kurzen Wörter nicht sehr, aber für andere Sprache ist sehr zu hoffen, dass Amazon dieses Feature nachreicht. Einige Bücher sind allerdings auch mit Flattersatz gesetzt.
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Mick
schrieb am 22. November 2007, 10:33 Uhr (Permalink zum Kommentar)