Das Röcheln des sterbenden Kosmonauten

Wolf-Dieter Roth, 1. Oktober 2007 14:36 Uhr, 9 Kommentare Kommentare

Zwei italienische Funkbegeisterte hörten Ende der 50er-Jahre die ersten Satelliten und Raumfahrer mit einer selbstgebauten Anlage ab. Entdeckten sie dabei gescheiterte bemannte Missionen der Russen? Und welche Geräte brauchten sie dazu?

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Giovanni Cordiglia auf der selbstgebauten Antenne (Bild: Arte France)

Zu Beginn der 60er Jahre konnte man auf einem Hügel in der Nähe von Turin zwei junge Männer beobachten, die sich an einer riesigen, spinnennetzförmigen Antenne zu schaffen machten. Mit einer Ausrüstung, die sie im Wesentlichen selbst hergestellt hatten, fingen die seit ihrer Kindheit film- und funkbegeisterten Brüder Achille und Giovanni Battista Judica Cordiglia die Signale auf, die von den ersten Satelliten und Raumschiffen aus dem Weltraum gesendet wurden.

Nun ist es gar nicht so gerne gesehen, wenn jemand nicht für die Allgemeinheit bestimmte Sendungen abhört. Früher war es in Deutschland sogar klar verboten! Doch es ist natürlich technisch reizvoll - und manchmal auch gar nicht beabsichtigt.

Ein israelischer Funkamateur vereitelte so beinahe 1977 die Beendung der Entführung der Lufthansa-Maschine “Landshut”: Er hatte die Pläne, das Flugzeug von der neu gegründeten Anti-Terror-Einheit “GSG9″ stürmen zu lassen, auf Kurzwelle mitgehört und “vertraulich” einigen Tageszeitungen gemeldet, die diese Nachricht nicht vor Durchführung der Aktion bringen sollten, woran sich aber nicht alle hielten.

Die beiden Italiener horchten dagegen Ende der 50er-Jahre ins All. Nicht nach Aliens, sondern nach den ersten vom Menschen dort ausgesetzten funkenden Objekten. Seitdem 1957 der Satellit “Sputnik I” auf die Erdumlaufbahn gebracht worden war, arbeiteten die USA und die UdSSR vor dem Hintergrund ihres Wettstreits um die technische und ideologische Vorherrschaft an der Verwirklichung eines neuen Ziels: einen Menschen in den Weltraum zu schicken.

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Achille und Giovanni Battista Judica Cordiglia mit ihrer Funkanlage, die sie im Wesentlichen selbst hergestellt haben. (Bild: Arte France)

Nach Sputnik I und Sputnik II, einige Wochen vor Juri Gagarins historischem Flug ins All, den sie auch auf ihrer Anlage empfingen, hörten die beiden jungen Italiener in einer Februarnacht des Jahres 1961 nun angeblich etwas ganz anderes als das Sputnik-Gepiepse, das ihnen mittlerweile vertraut war: Die Töne, die sie dort auffingen waren das angstvolle Atmen von jemand, der schlecht Luft bekam, und es wurde begleitet vom heftigen, unregelmäßigen Herzschlag eines Sterbenden.

War etwa schon vor Gagarin ein unbekannter sowjetischer Kosmonaut in den Weltraum geflogen, in einer geheim gehaltenen Mission, von der er niemals zurückkehrte? Auch einen SOS-Ruf aus dem All wollen die beiden Funker empfangen haben - und einen Funkspruch einer Kosmonautin, die in ihrer Raumkapsel verglühte. Wieviele Kosmonauten starben unter strenger Geheimhaltung?

Dieser Frage stellt sich die 2007 entstandene 52 Minuten lange Dokumentation (Regie: Regie: Enrico Cerasuolo, Alessandro Bernard, Paolo Ceretto) “Die Sputnik-Jahre”, die der deutsch-französische TV-Kulturkanal Arte erstmals am Samstag, den 6. Oktober 2007 um 20.45 Uhr aussendet. Wiederholungen sind Mittwoch, 17. Oktober 2007 um 9.55 Uhr, Freitag, 19. Oktober 2007 um 14.00 Uhr und Dienstag, 30. Oktober 2007 um 14.00 Uhr. Über die neue Online-Videothek “Arte plus 7″ kann die Dokumentation dann jeweils noch sieben Tage auf dem Computer angesehen werden.

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Heute blicken Achille und Giovanni Battista Judica Cordiglia etwas ängstlicher nach oben als zu den Zeiten ihrer Weltraum-Empfangsanlage “Torre Bert” (Bild: Arte France)

Ein spannender, sehenswerter Film berichtet aus den Zeiten des kalten Krieges und zeigt, was zwei Geeks mit Hobbymitteln so möglich war, auch wenn die Anlage im Laufe der Zeit in einen alten deutschen Bunker wanderte, “Torre Bert” genannt wurde und größere Antennen verpasst bekam. Manches allerdings dürfte “Funkerlatein” sein: Zwar starben einige der ersten Raumfahrer, doch nicht röchelnd am Mikrofon. Heute können Funkamateure jedoch sogar ihre eigenen Satelliten bauen und benutzen.

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9 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Matt

    schrieb am 2. Oktober 2007 um 12:09 Uhr (#)

    Danke für die Info - das klingt echt verdammt interessant!
    Wäre ja schon irgendwie verdammt gruselig, wenn die da echt nen sterbenden Astronauten angehört hatten…

    Das muss ich auf jeden Fall einprogrammieren, damit ichs nicht vergesse!

  2. Tim DO1TIM

    schrieb am 8. Oktober 2007 um 00:54 Uhr (#)

    Ich habs gesehen, es ist verdammt unheimlich und interessant zugleich… Vor allem das Röcheln und die sterbende Cosmonautin, man hört die Angst regelrecht heraus, auch wenn es russisches Kurzwellen-Geblubber ist… uah!

  3. Wolf Dieter Roth

    schrieb am 8. Oktober 2007 um 08:57 Uhr (#)

    Nun, wie gesagt, die Fachleute sind sich uneins, ich vermute eher Jet-Versuche z.B. in der Stratosphäre als echte Raumschiffe, was natürlich nichts an der Sitation ändern, aber auf jeden Fall eine gute Dokumentation.

    Leider mußte ich feststellen, daß Arte gerade diesen Film nicht in der Online-Videothek hat - da ist bislang nur eine kleine Auswahl zu finden. Das war etwas anders angekündigt worden. Es bleiben also nur die (immerhin drei) Wiederholungstermine tagsüber, die man sich ja programmieren kann.

  4. targan

    schrieb am 23. Oktober 2007 um 13:19 Uhr (#)

    Der Funkspruch der “ersten Kosmonautin im Weltall” klingt schon sehr gespenstisch.

    Ich frage mich nur: Warum haben die Italiener in den immerhin 7 Tagen, die das Geheimunternehemen angeblich dauerte, keine weiteren Sendungen empfangen? Und: Warum hört man die Bodenstation nicht?

    Andererseits: Der Spruch klingt sehr authentisch, man hört die Verzweiflung, obwohl die Frau dabei sehr sachlich und gefaßt bleibt.

  5. Wolf Dieter Roth

    schrieb am 23. Oktober 2007 um 19:26 Uhr (#)

    Das mit der Bodenstation ist nicht weiter verwunderlich: die hat ja keine so erhöhte Position wie schon ein einfaches Flugzeug. Obwohl damals Kurzwelle verwendet wurde und es von daher mitunter auch möglich war, die Bodenstation zu empfangen. Heute wird mit höheren Frequenzen und weit effektiveren Richtantennen gearbeitet, da würde man selbst im eigenen Land Land nichts vom Boden hören, weil die Antenne ja gen Himmel strahlt. Und weiter als die Sichtweite kämen jene Frequenzen dann auch nicht.

  6. Philz

    schrieb am 25. Oktober 2007 um 13:12 Uhr (#)

    Blöd, dass man während dem Glühen auch heute noch (Spaceshuttle/Sojus) gar nicht funken kann (Plasma)…

  7. Hansjörg Migl

    schrieb am 30. Oktober 2007 um 18:35 Uhr (#)

    Hallo an alle und HILFE!
    Ich hab’s ja eigentlich genau gewusst, dass es so kommt: ich bereite alles vor, lege meine Termine weit entfernt um diese Sendung herum, da macht ein einziger Telefonanruf, der mich (sofort!) zu einem Kunden ruft, alles zunichte.
    So habe ich außer den Infos im “Flash” auf Arte leider nix gesehen.
    Gibt es denn jemanden, der mir mit einer entsprechend aufgenommenen Videokassette aushelfen kann?
    Gegen Bezahlung natürlich und Vorkasse:-)
    Das Prinzip der Online-Videothek ist bestimmt eine gute Idee, bloß sollten eben auch die richtigen Filme drin sein…

  8. Ted

    schrieb am 6. Dezember 2007 um 21:43 Uhr (#)

    Hallo,
    Leider hatte ich die Sendung über die breiden Brüder verpasst.
    Die tolle Flash Webseite bei Arte und die darin zu hörenden Sounds trösten jedoch darüber hinweg.
    Ich glaube sicher, dass es vor J.Gagarin von Raumflüge gab und etliche Kosmonauten dabei ums Leben gekommen sind und dies auch mit selbstgebauten Empfängern abzuhören war.
    Ich werde jedenfalls mal meine beiden SAT-Antennen wieder öfter zum Himmel richten.

    Gruss Tom DL7UZO Amateurfunker

  9. EgonO

    schrieb am 13. April 2008 um 02:54 Uhr (#)

    Soweit ich herausfinden konnte hieß die sterbende (?) Kosmonautin wohl Ludmila oder Ludmilla mit Vorname - mehr ist scheinbar nicht bekannt. Traurig. Weil das ganze war schon irgendwie sehr gespenstig. Es ist aber auch gut möglich dass diese Frau damals bei einem Übungsflug ums Leben kam. Leider wird man das wohl nie erfahren - sie ist eine von vielen von den Sovjet-Befehlshabenden aus den Büchern getilgte.


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