Digitalradio DAB “Streaming” über den Äther

Die bewegte Geschichte des digitalen terrestrischen Radios ist noch längst nicht abgeschlossen. Der einstige Hoffnungsträger als rauschfreier Nachfolger für UKW wird zwar aus politischen Gründen vielfach totgesagt. Aber er ist – deutschland- und schweizweit – noch immer auf Sendung.

Teil I: Wer dem Zukunftsradio auf der Leitung stand

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Auch ohne Online-Mediathek kann man bei diesem Gerät, dem Pure Digital Evoke 3, die letzten 20 Minuten der digitalen Sendung zurückspulen oder das gerade gehörte Lied auf einer Speicherkarte ablegen (Bild: W.D.Roth)

DAB – Digital Audio Broadcast – startete in Deutschland als Pilotprojekt: Ende April 1995 gingen in Bayern neue Stationen wie BR mobil und Rockantenne auf Sendung, für 600 DM baute eine Werkstatt ein Autoradio mit einer zusätzlichen Box im Kofferraum und einer zweiten Antenne betriebsfertig ein. Der eigentliche Wert der Anlage lag damals (ohne Einbau) bei 3000 DM, als Gegenleistung waren lediglich einige Fragebögen auszufüllen. Die Vorteile des geschenkten Gauls waren dennoch verhältnismässig gering – Rundfunkanstalten, die Politik und sogar das Militär standen senderseitig auf der Leitung.

DAB sollte die Probleme des normalen UKW-FM-Rundfunks bei Mehrwegeempfang umgehen, die im Auto als Zwitschern und Rauschen besonders unangenehm auffielen. Empfänger für zuhause – ob als Stereoanlage oder als Küchenradio – oder tragbare Empfänger für unterwegs gab es dagegen lange Zeit nicht. Damit blieb das Interesse an DAB gering: Von zuhause bekannte Sender auch unterwegs zu hören, ist interessant – neue Sender nur im Auto hören zu können und sonst nirgends, lockt dagegen nicht einmal PS-Besessene.

Ab 150 km/h kommt die DAB-Konkurrenz ins Stottern

Doch der Mangel an DAB-Empfangsmöglichkeiten außerhalb eines Autos war nur ein Problem. Es folgten markenrechtliche Probleme: “DAB” ist von Philips als Marke eingetragen, deren Gebrauch durch andere Hersteller somit lizenzpflichtig. Auch despektierliche Umschreibungen (“DAB – dead and buried”) kamen in Umlauf.

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Schicker DAB-CD-Receiver von Marantz, davor: DMB-Mini-Fernseher. DMB ist eine videotaugliche DAB-Weiterentwicklung (Bild: W.D.Roth)

Kurzerhand wurde das System in Deutschland deshalb eine ganze Zeit lang nur noch “Digitalradio” genannt, doch der Interessent erhält im Handel unter diesem Begriff höchstwahrscheinlich ein normales Analog-Radio mit digitaler Frequenzanzeige. Bei etwas technisch bewanderteren Verkäufern könnte er stattdessen auch bei DVB (ob über Satellit, Kabel oder Antenne), den letzten Empfängern für das in Kürze auslaufende Astra Digital Radio ADR, dem zukünftigen Digital Radio Mondiale (DRM) für Mittel- und Kurzwelle, weiteren Satellitensystemen wie Worldspace oder auch einem “Webradio” für Internetstreaming landen.

Am meisten litt DAB in Deutschland jedoch unter rundfunkpolitischen Streitigkeiten: Die nördlichen Bundesländer Deutschlands lehnten es alleine schon deshalb ab, weil es aus Bayern kam. Der DAB-Ausbau wurde im Bereich des NDR bis weit ins neue Jahrtausend blockiert; das digitale Fernsehsystem DVB-T sollte stattdessen auch Radio mit abdecken.

Dies ist aus mehreren Gründen problematisch. Zunächst ist DVB-T nicht für den Empfang bei 250 km/h ausgelegt: ein Autoradio auf DVB-T-Basis würde bei hohen Geschwindigkeiten ins Stottern kommen und auch in der Stadt nicht so störungssicher empfangen wie mit DAB. Dann ist die Datenrate von DVB-T deutlich höher als von DAB, was aufwändigere und mehr Strom verbrauchende Prozessoren in den Empfängern bedingt – für tragbare Geräte gar nicht gut.

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2005 von Technisat auf der IFA als Prototyp gezeigt: Nicht ganz stilsicheres DVB-T-Radio, das nur am Stromnetz funktionierte – für Batteriebetrieb braucht DVB-T einfach zu viel Strom… (Bild: W.D.Roth)

Es müssen zudem mehr Radioprogramme in einem Paket zusammengeführt werden – statt sieben oder acht bei DAB sind es bei DVB-T bis zu 50. Die müssen erst einmal zusammenkommen und sich einigen – außerhalb von Großstädten ist dies kaum der Fall. Ebensowenig wie die funktechnische Versorgung: Entgegen erster Planungen wird DVB-T in Deutschland bis auf weiteren nicht flächendeckend eingeführt. Wer aber will ein Radio, das nur in Städten funktioniert?

Das Geschwindigkeits- und das Stromproblem von DVB-T soll die Weiterentwicklung DVB-H lösen, die aber erst in einigen Jahren aus dem Prototypenstadium herauskommt. Doch mittlerweile stiegen die meisten Privatsender schon wieder aus den Digitalradionetzen aus, weil sie trotz technisch besserer Funkversorgung von DAB gegenüber UKW mangels Hörern keine Werbung verkaufen können, um die neuartigen Ausstrahlungen weiter zu zahlen. In England ist DAB dagegen ein voller Erfolg, egal ob bei BBC- oder Privatsenderhörern.

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Inzwischen gibt es von Pure Digital mit dem “Siesta” auch ein DAB-Küchenradio für 99 Euro (Bild: W.D.Roth)

Das Auto-Problem ist gelöst: Inzwischen gibt es auch DAB-Empfänger für zuhause ebenso wie zum Spazierengehen. Über DVB-S (Astra-Satellit 19,2° Ost) sind die meisten DAB-Stationen ebenfalls zu empfangen. Wer allerdings tatsächlich mit einem tragbaren DAB-Empfänger in Gebäuden Radio hören will, wird enttäuscht: Es blubbert nur aus dem Lautsprecher oder er bleibt ganz stumm.

Die Feldstärke der DAB-Sender bei 240 MHz im Band III ist für den Empfang in Gebäuden bislang viel zu gering, weil die deutsche Bundeswehr zur Störungsvermeidung im von DAB heute meist benutzten Kanal 12 nur 1 kW Sendeleistung erlaubt: Die Militärs benutzen die angrenzenden Frequenzen, die ursprünglich als Kanal 13 verplant waren.

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Hatte auch einen Scart-Ausgang, um als DVB-T-TV-Tuner benutzt werden zu können: Technisat DVB-T-Radio-Prototyp (Bild: W.D.Roth)

Im L-Band bei 1,4 GHz, wo derartige Einschränkungen nicht herrschen, schirmt wiederum jede Hausmauer bereits deutlich ab. Das L-Band ist aufgrund der Frequenzknappheit neben Satellitenaussendungen (“Worldspace Radio”) für lokale Programme vorgesehen, würde aber wie Mobilfunknetze ein engmaschiges und damit teures Sendernetz erfordern und mit einer zusätzlichen Empfangsbaugruppe unnötig die Digitalradios verteuern.

Demnächst in Teil II: Aussichten, Anwendungen und Möglichkeiten der Zukunftstechnik aus der Vergangenheit.

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