Ein Monat iPhoneDauertest - das Fazit (II/II)
Seit genau einem Monat ist das Apple iPhone jetzt in den USA auf dem Markt. Am Erscheinungswochenende haben wir das gehypte Handy bereits ausführlich getestet. Aber wie bewährt sich das iPhone nach einem Monat Nutzung in der realen Welt?
Die Anwendungen sind stabil und reichen für den Alltag, aber Poweruser werden viele Funktionen vermissen; die Kamera ist kein grosser Wurf und ihre Bilder höchstens als Doku-Schnappschüsse zu gebrauchen. Die Tastatur wird nach einer Eingewöhnungsphase zum schnellen Hackbrett (allerdings nur für eine Hand), aber die fehlende Fremdsprachen-Unterstützung nervt ebenso wie die Absenz der Copy/Paste Funktionalität.
Im Fazit kommen wir aber dennoch zum Schluss, dass es sich wie erwartet um ein herausragendes Gerät mit umwerfendem Design und vielen Hingucker-effekten handelt, das in Punkto Surfen und Mailen, aber auch Bedienung Massstäbe setzt.
Die Details:
Die E-Mail-Applikation und der eingebaute Kalender sind robust und bewährten sich im täglichen Einsatz nicht schlecht. Zwar vermisst man als Gmail-User schmerzlich die Möglichkeit, die auf anderen Handies verfügbare Gmail-Applikation laufenzulassen, aber für das Abrufen der Mail und eine gelegentliche kurze Message reicht die iPhone-Anwendung allemal gut aus. Sie ruft neue Mails brav und verlässlich alle paar Minuten im Hintergrund ab, wodurch man das Fehlen von echter Push-Mail kaum bemerkt. Ähnlich sieht es mit dem Kalender aus: Poweruser werden viele Features vermissen, aber nur zum gelegentlichen Anschauen der anstehenden Termine reicht es locker. Synchronisierungsprobleme mit dem PC/Mac gab es bisher keine zu beklagen. Sogar die mehrstufige Kette vom iPhone über den Mac bis zu Google Calendar (via Spanning Sync) und wieder zurück funktionierte stets einwandfrei.
Als unerwartete Killerapplikation stellte sich die Fotoalbumsfunktion heraus. Bei Meetings, beim Treffen mit Freunden oder beim Verwandtenbesuch macht es viel Spass, mal schnell das iPhone zu zücken und ein paar Bilder von der letzten Reise zu zeigen. Dank dem grossen, hellen Screen sehen die Betrachter auch wirklich, was auf den Bildern drauf ist. Und das Weiterschalten zum nächsten Bild per Fingerschnippen sieht nicht nur cool aus, sondern ist auch leicht zu erlernen. Meine Testsubjekte im Alter zwischen 3 1/2 und 91 Jahren beherrschten das jedenfalls alle schon nach Sekunden.
Die eingebaute Kamera mit ihren 2 Megapixeln ist wie schon anfangs vermutet kein grosser Wurf. Besonders in dunklen Lichtverhältnissen werden die Bilder arg verrauscht. Wackler und bewegte Motive sorgen sofort für unscharfe Fotos, und häufig geraten die Bilder auch bei gutem Licht zu dunkel. Noch ärgerlicher: Die Kameralinse ist an einer Ecke des Gehäuses angebracht, wo man fast automatisch häufig hinfasst, wenn man das iPhone in der Hand hält. Darum ist die Linse fast ständig von Fingerabdrücken verschmiert, und bei meinem Gerät blättert bereits die Linsenbeschichtung ab, was der Bildqualität garantiert nicht gut tut. Über das Prädikat “Notnagel” kommt die Kamera darum nicht hinaus.
Ein typisches iPhone-Bild: Etwas zu dunkel, nicht sehr kontrastreich, amoklaufende Rottöne. Aber immerhin: Ein mässiges Bild ist besser als gar keins.
Die virtuelle Tastatur auf dem iPhone-Touchscreen hinterlässt einen sehr widersprüchlichen Eindruck: Beim Schreiben auf Englisch bin ich inzwischen schneller als auf meinem alten Nokia E61 mit seiner phyischen Minitastatur. Die eingebaute Fehlerkorrektur ist wirklich ausgezeichnet, so dass man problemlos Notizen und e-Mails verfassen kann. iPhone-User tauschen auch gern Ratschläge über die beste Handhaltung beim Tippen aus. Der bisher schnellste Tipper, den ich gesehen habe, benutzt gleichzeitig Daumen, Zeigfinger und Mittelfinger nur einer Hand und lässt dabei tempomässig wohl auch den erfahrensten Blackberry-Junkie hinter sich.
Annähernd unbrauchbar ist die Tastatur aber für andere Sprachen, beispielsweise Deutsch, denn die englische Fehlerkorrektur versucht penetrant auch korrekte deutsche Wörter in englische umzuwandeln. Zwar lernt die Korrekturfunktion mit der Zeit dazu, aber das braucht schon enorm viel Geduld. Man muss sich darum sehr konzentrieren, um die Korrektur im richtigen Moment ihrerseits zu korrigieren, sonst steht statt “denn” halt eben “deny” und statt “immer” plötzlich “inner” im Text. Für den europäischen Launch kann man aber sicher davon ausgehen, dass das iPhone mit anderen vorinstallierten Sprachen kommt, womit sich dieses Problem erledigen dürfte. Wirklich störend ist im Alltag die fehlende Copy-Paste-Funktion. Da kann man wirklich nur hoffen, dass Apple diese Funktionalität schleunigst per Softwareupdate nachliefert.
Fast uneingeschränkt toll ist der iPod-Teil, mal abgesehen von der begrenzten Speicherkapazität des iPhone von 8 bzw. 4GB. Videos sehen auf dem iPhone-Display hervorragend aus, und auch das Anschauen kompletter Spielfilme ist durchaus angenehm, wenn man das iPhone irgendwie in einem vernünftigen Winkel installieren kann. Meine entsprechenden Versuche im Zug und Flugzeug waren jedenfalls erfolgreich. Die Bedienung ist dank Touchscreen prima. Das hübsch anzusehende Cover Flow, mit dem man sich dreidimensional durch die Albumcovers seiner Musiksammlung durchblättern kann, ist allerdings eher spektakulär als praktisch. Wer nicht den mitgelieferten Kopfhörer mit seinem eingebauten Universalschalter benutzt, stösst auf das Problem, dass man zum nächsten Song nur weiterschalten kann, wenn man das iPhone aus dem Schlafmodus weckt, was recht umständlich ist. Da fehlen dann plötzlich doch die physischen Tasten des iPod. Und auch befremdlich ist die Tatsache, dass zu den Titeln die Beschreibungstexte nicht anzeigbar sind, was gerade bei Podcasts sehr stört. Aber unter dem Strich ist Apples Versprechen, dass dies der bisher beste iPod ist, keine Übertreibung. Und es ist ein Genuss, nicht mehr zwei mobile Geräte mit sich herumtragen zu müssen.
Ebenfalls überzeugen können die Telefonfunktionalitäten: Das iPhone bietet solide und vor allem einfach zu bedienende Telefonie. Die Empfangsleistung und Sprachqualität bewegt sich im üblichen Rahmen für Smartphones und fiel nie negativ auf. Und nach vier Wochen mit der sehr effizienten Visual Voicemail fragt man sich, wie man jemals normale Voicemail ausgehalten hat.
Ein dunkles Kapitel ist hingegen das Roaming mit dem iPhone, und das ist nicht primär die Schuld von Apple, sondern von AT&T. Da das iPhone nur mit SIM-Karten dieses Providers funktioniert, ist man auf Reisen gezwungen, die horrenden Roaminggebühren zu bezahlen. Und da lässt AT&T selbst europäische Ex-Telecom-Monopolisten wie Waisenknaben aussehen: Je nach Land kostet die Gesprächsminute zwischen $1.29 und $3.99, und für Datenverkehr werden gar unverschämte $19.50 pro Megabyte verrechnet. Mit anderen Worten: Die meisten Funktionalitäten des iPhone sind auf Reisen kaum bezahlbar. Da einmal e-Mail abrufen schon locker 200-500 kByte an Datenverkehr (d.h. $2-$5) kostet, muss man sich sehr gut überlegen, was man unterwegs macht. Umso ärgerlicher ist es, dass man beim iPhone-Browser das Laden von Bildern nicht unterdrücken kann, denn die Grafiken sorgen natürlich für den Löwenanteil des Datenvolumens. So lange das iPhone also an die SIM-Karten eines Operators gebunden und die Roamingkosten nicht fallen, ist das Apple-Telefon für Vielreisende kaum geeignet.
Nach einem Monat intensiver Benutzung hat sich das Fazit unseres ursprünglichen Tests eigentlich bestätigt: Das iPhone ist ein herausragendes Gerät, das hinsichtlich Benutzungskomfort, mobilem Internet-Zugang und Multimediafähigkeiten ganz klar Massstäbe setzt. Insgesamt ist das iPhone ein ausgezeichnetes Universal-Smartphone mit vielen gut durchdachten Details. Wer allerdings in bestimmten Bereichen, beispielsweise Messaging, Kamerafunktionen oder Navigation besonders hohe Ansprüche stellt, findet bei Konkurrenzprodukten nach wie vor eine bessere Leistung.
Recht überraschend ist, dass bis auf die empfindliche Kameralinse und den gelegentlich etwas unstabilen Browser keine nennenswerten versteckten Schwächen aufgetaucht sind. Das ist für ein Produkt der ersten Generation schon sehr bemerkenswert. Viele der noch vorhandenen Kritikpunkte würden sich mit neuer Firmware auch leicht beheben lassen. Und Apple hat bei anderen Produkten gezeigt, dass man solche Verbesserungen durchaus vorantreibt.
Man kann nun gespannt sein, in welcher Form und über welche Vertriebskanäle das iPhone in Europa auf den Markt kommen wird. Noch immer fehlen bisher verbindliche Aussagen darüber, welche Operators den Zuschlag erhalten werden. Aber es ist jetzt schon klar, dass das iPhone eine echte Bereicherung für den europäischen Handy-Markt darstellen wird.
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(30. Juli 2007 17:09) - neuerdings.com » Blog Archiv » Ein Monat iPhoneHype-Gadget im Dauertest (I/II)
(22. Mai 2008 02:34)
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Peter Hogenkamp
Da lag ich ja fast genau in der Mitte. :-)
Sehe ich genauso. Habe mich beim E61 keineswegs an das Fehlen der Kamera gewöhnt, sondern vermisse sie eher jeden Tag mehr. Würde kein Handy ohne mehr kaufen.
Dave
Das die Kamera beim iPhone nicht optimal ist, war klar! ich finde grundsätzlich die handy kameras nicht gerade top! :-/ aber ich denke, da muss jeder selber entscheiden, ob er eine gute kamera braucht oder nicht. qualitätiv gute bis sehr gute bilder erreicht man so oder so am besten mit einer Digital Kamera. Wenn man aber Fotos fürs Web braucht, reicht allemal eine 2 MP Kamera im Handy!
Ansonsten ist das iPhone sicherlich ein Top Gerät. Bin mal gespannt, was Apple dann nach dem 3G iPhone bringen wird?! :-)