Führte Internet-Karte Blogger Kim in den Tod?
Zwei Tage nach der Rettung seiner Familie ist Cnet-Redaktor James Kim in den Wäldern Oregons tot gefunden worden.
Ganz Amerika, vor allem aber San Francisco, der Wohn- und Arbeitsort von James Kim, bangte seit mehr als einer Woche mit den Angehörigen der verschollenen Familie. Sie hatten sich auf der Rückfahrt von Seattle, Washington, im Staat Oregon verfahren und waren mit ihrem Auto auf einer Holzfällerstrasse im Schnee stecken geblieben. Nach neun Tagen wurden Kati Kim und ihre beiden Töchter beim Auto der Familie gefunden – James Kim hatte sich Tage zuvor zu Fuss auf die Suche nach Hilfe gemacht. Seine Leiche wurde gestern Mittag geborgen. Der 35jährige war leitender Redaktor des bekannten Informatik-Newsdienstes Cnet und als Video-Blogger wohl bekannt. Jetzt tauchen Spekulationen auf, der technisch versierte Kim habe die verhängnisvolle Route statt auf der mitgeführten Papierkarte unterwegs im Internet geplant.
Die Familie war am 25 November auf dem Weg von Portland im Norden Oregons nach Gold Beach, einem Ort an der Küste, wo sie die Nacht verbringen wollte. Zuletzt wurde die Familie in Roseburg beim Abendessen gesehen, einer Ortschaft im Landesinnern, von wo aus die Kims zuerst weiter nach Süden fuhren, den Abzweiger zum Highway 42 Richtung Küste verpassten und dann später auf eine wenig befahrene, gewundene Nebenstrasse abbogen. Sie führt zwar zur Küste, ist aber im Winter häufig gesperrt – und am 25 November herrschte heftiges Schneetreiben.
Nicht nur befuhren die Kims die Bear Camp Passstrasse statt eines richtigen Highways, irgendwo rund 70 Kilometer nach der letzten Ortschaft bogen sie auch noch in einen ungeteerten Holzfäller-Weg ab und blieben nach weiteren 20 Kilometern im Schnee stecken.
In Anbetracht der schlechten Ausrüstung der Kims scheint die Routenwahl noch viel eigenartiger, besonders, wenn man die Strasse in den Karten von Google oder Microsofts 3dEarth anschaut: Es handelt sich um eine langezogene, gewundene Route durch die rund 1000 Meter hohen Hügel westlich der Sierra Nevada weitab von jeglicher Zivilisation.
Jetzt werden Stimmen laut, die argwöhnen, der technisch sehr versierte James Kim habe, obwohl er eine Strassenkarte von Oregon mitführte, nach der verpassten Abzweigung zum Highway 42 mittels seines Laptops in Grants Pass im Internet die “kürzeste” Route nach Gold Beach ausfindig gemacht. Fahrtplaner-Anwendungen wie Google Maps, aber auch GPS-Software ist bekannt dafür, als kürzeste Route häufig auch etwas absurdere Nebenstrecken auszuwählen (ich kann davon ein Lied singen: meine Tomtom-Software spuckt bei dieser Betriebsart im Strassenschachbrett von San Francisco regelmässig völlig unbrauchbare Zick-Zack-Routen aus.)
Die Familie blieb beim Auto und hielt sich zunächst warm, indem sie den Motor laufen liess. Als das Benzin ausging, verbrannten die Kims die Reifen des Wagens als Wärmequelle und zur Signalgebung.
Der wenig bevölkerte Staat Oregon ist berühmt für seine weitläufigen Wälder. Wie in vielen ländlichen Gegenden der USA gibt es hier Gebiete von enormer Ausdehnung ohne eine einzige menschliche Siedlung, die Handy-Versorgung ist meist nur entlang der vielbefahrenen Highways garantiert. Überhaupt sind Distanzen und Siedlungsdichte selbst in Zentren wie der Bay Area kaum mit europäischen Verhältnissen zu vergleichen. Vor zwei Wochen hat sich ein junges Paar in d en Hügeln zwischen dem Silicon Valley und der Pazifik-Küste verirrt – einem Landstreifen von höchstens 30 Kilometer Breite – und ist zwei Tage lang in den Wäldern umhergeirrt, bevor es Hilfe fand.
Neun Tage nach dem Verschwinden der Familie wurde das Auto am Montag von der Crew eines Helikopters, den die Familie der Vermissten gechartert und den Suchtrupps zur Verfügung gestellt hatten, gefunden. Kati Kim und die beiden kleinen Töchter waren wohlauf, aber James Kim hatte seine Familie bereits zwei Tage zuvor verlassen, um zu Fuss Hilfe zu suchen.
Er ist gestern in schwer zugänglichem Gelände rund 15 Kilometer vom Auto entfernt tot geborgen worden. In San Francisco beherrscht die Geschichte die Medien, in der Stadt sind Trauerversammlungen abgehalten worden.
Obwohl James Kim jetzt als Held gefeiert wird, der sein Leben für einen Rettungsversuch für seine Familie opferte, kann ich nicht umhin, mich über viele Fakten zu wundern.
- Die Wahl der Route an einem dunklen Abend im Schneetreiben scheint mir geradezu selbstmörderisch. Wer hier in Kalifornien aufgewachsen ist weiss, wie heikel es werden kann, wenn man in abgelegenen Gebieten in schlechtem Wetter mit dem Auto stecken bleibt. die Kims scheinen keine Schneeketten dabeigehabt zu haben.
- Die Abzweigung auf eine ungeteerte Nebenstrasse von der ohnehin nicht idealen, 100 Kilometer langen Nebenstrasse zur Küste ist mir unerklärlich.
- Den ganzen Treibstoff zum heizen des Autos zu verbrauchen erwies sich genauso wie das Verbrennen der Pneus als schlechte Entscheidung: Während der 11 Tage ist in Oregons Süden der grösste Teil des Schnees geschmolzen – wahrscheinlich hätten die Kims nach vier, fünf Tagen Ausharren die gleiche Strecke zurückfahren können, wenn ihr Auto noch funktionstüchtig gewesen wäre.
- Kims Routenwahl für seinen wagemutigen Versuch, Hilfe zu holen (er war nur mit Tennisschuhen, Jeans und T-Shirt und einer Jacke bekleidet – die Temperaturen fielen in diesen Tagen nachts meist unter Null Grad Celsius): Statt auf der Strasse entlang zugehen und auf ein vorbei kommendes Auto zu hoffen, hat er den Weg nach rund zwei Kilometern verlassen und sich durch die beinahe undurchdringlichen Wälder aufgemacht. Das Gelände ist dermassen unzugänglich, dass die Hilfstrupps, die ihn bereits gestern in einem kleinen Tal vermuteten, erst heute dort hin gelangten und ihn tot auffanden.




















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… klingt nicht nach jemandem, der noch allzu sehr im real life verwurzelt war?! :(
Die Kalifornier sind halt nicht wirkliche Bergjungs, sondern Städter. Sie mögen zwar die nahen Gebirge und gehen häufig dorthin, aber an der Ausrüstung und ihrem Verhalten ist leicht zu erkennen, dass sie sich nie damit beschäftigt haben. Entsprechend eigenartig können ihre Handlungen sein. Aber allzuweit weg müssen wir nicht gehen: Schaut mal wieviele Deutsche, bzw. Schweizer Unterländer völlig ungenügend ausgerüstet in die Alpen gehen.
Hmm, jetzt wo ich das genauer angucke, muss ich feststellen, dass ich auf der Strasse auch schon mal lang gefahren bin – vor Jahren, allerdings im Sommer und in umgekehrter Richtung. War sehr abgelegen das Ganze und recht gebirgig. Nicht unbedingt etwas wo man im Winter durch will …
Internet-Routenplanung ist ja ok, mach ich auch fuer besiedelte Gebiete, wo ich eine bestimmte Adresse finden will. Aber fuer Ueberlandfahrten nehm ich doch immer noch lieber eine altmodische Papierkarte…