Mein Mac (oder PC) ist jetzt auch ein 100-Dollar-Laptop

Das 100-Dollar-Laptop-Projekt, auch bekannt als “One Laptop per Child” (OLPC) ist eines der meistdiskutierten Vorhaben überhaupt in der IT-Branche. Der Gründer des MIT Media Lab, Nicholas Negroponte, will Entwicklungsländer mit billigen Laptops ausstatten, die Schulkindern zur Verfügung stehen sollen. Damit will man den Rückstand der ärmeren Länder in Bezug auf moderne Ausbildung zumindest ein wenig aufholen. Neuerdings.com hat neulich schon über das Design der 100-Dollar-Laptops berichtet.

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Wer auch mal die Software dieser völlig neuartigen Geräte ausprobieren will, muss nicht warten, bis womöglich die ersten Exemplare auf Ebay auftauchen. Da der OLPC unter Linux läuft, kann man das Betriebssystem auf jedem Intel-Mac oder PC installieren, am einfachsten mit Virtual-Machine-Software.
Wir haben die OLPC-Software auf einem Mac mit der Virtual-Machine-Software Parallels ausprobiert. Um das OLPC-Paket, das auf der Linux-Distribution Fedora (mit ein paar Red-Hat-Komponenten) basiert, zum Laufen zu bringen, sind ein paar Konfigurationsbasteleien nötig, aber die Beschreibung auf der OLPC-Website ist ausreichend genau. Das gleiche läuft auch auf jeder Windows- oder Linux-Maschine.


Nach einigem Gebastel bootet die OLPC-Oberläche, “Sugar” genannt, ordnungsgemäss. Ein niedlicher Pinguin ziert den Boot-Bildschirm. Es wird gleich klar, dass hier die Linux-Fraktion regiert und sich nicht hinter dem Berg hält. Der Linux-Pinguin begegnet einem noch öfter, beispielsweise heisst der eingebaute RSS-Reader “Penguin TV”.

Die OLPC-Benutzeroberfläche soll Kinder ansprechen, die noch nie einen PC gesehen haben, Darum ist sie auch anders und simpler als das meiste, was man sonst so kennt. Um die Menüs des Systems aufzurufen, bewegt man den Mauszeiger einfach an den Bildschirmrand. Dort kann man dann neue Applikationen starten oder zu bereits laufenden Programmen wechseln.

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“Etoys”: programmierbares Zeichnen und Animieren.

Vorinstalliert kommen ein Web-Browser, eine einfache Textverarbeitung, ein RSS-Reader, ein Zeichen- und Animationsprogramm namens “Etoys”, eine Chat-Software sowie zwei Programme, deren Zweck ich nicht eindeutig entschlüsseln konnte. Eins war so eine Art Memory-Spiel, das andere dient wohl musikalischen Zwecken, aber mangels Soundunterstützung auf der Virtual Machine war nichts zu hören.

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Einwandfreies Browsen, aber ohne Werbung

Der Web-Browser ist sehr brauchbar und zeigt auch locker moderne AJAX-Applikationen wie Google Maps anstandslos an. Es handelt sich offenbar um eine Mozilla-Variante, und daher werden alle üblichen Features unterstützt. Nur Flash-Werbebanner werden nicht angezeigt, aber darauf kann die Zielgruppe vermutlich auch gut verzichten. Auch sonst sind die Features auf das Nötigste beschränkt. Es gibt eine einfache Bookmark-Funktion, aber das war’s auch schon. Die Startseite des Browsers ist Google. Ob da der Suchmaschinen-Gigant wohl mit etwas Spendengeld nachgeholfen hat? Ein paar Dutzend Millionen mehr junge Kunden schaden schliesslich nicht…

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Texte schreiben mit den allernötigsten Funktionen

Die Textverarbeitung ist ebenfalls nur rudimentär, aber für Schulaufsätze dürfte das wohl reichen. Immerhin kann man Dokumente in einer ganzen Reihe von Formaten speichern, inklusive HTML und (gasp) Microsoft Word.

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Auch RSS lesen ist kein Problem.

Der RSS-Reader ist etwas verwirrend. Offenbar ist das Ding als multimediale Content-Download-Station samt Bittorrent gedacht, aber so richtig funktionierten diese fortgeschrittenen Funktionen nicht. Aber das kann auch an der Emulation in der Virtual Machine liegen. Oder an der immer noch frühen Version der Software.

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Unix-Shell und Systemmenü

Für jugendliche Hacker bietet das System auch vollen Unix-Shell-Zugriff. Da ein ausgewachsenes Linux unter dem System läuft, gibt es wohl nicht viele Grenzen dafür, was man mit dem Ding machen kann. Da der OLPC natürlich nur mit sehr einfacher Hardware und wenig Speicher auskommen muss, ist das System entsprechend abgespeckt. Aber immerhin: alle wesentlichen Komponenten sind da.

Mit der OLPC-Software herumzuspielen, ist ein eigenartiges Erlebnis. Natürlich vermisst man viele Funktionalitäten, die auf normalen PCs (oder Macs oder Linux-Maschinen) selbstverständlich sind, aber man könnte sich irgendwie doch vorstellen, dass man mit diesem beschränkten Funktionsumfang einen schönen Teil der täglichen Arbeit vernünftig abwickeln könnte, so lange man sich primär auf webbasierte Anwendungen beschränkt. Und das ist wohl auch das Ziel des OLPC-Projekts: Nicht die Corporate IT mit ihren hochgezüchteten Windows-Maschinen zu verdrängen, sondern Kindern in weniger begünstigten Ländern einen einfachen Einsteig in die Welt der globalen Informationstechnolgie zu bieten. Und das scheint die Software durchaus leisten zu können.

Es wäre aber gut, wenn die OLPC-Schöpfer der Benutzeroberfläche etwas weniger Linux-Ideologie und etwas mehr gesunden Menschenverstand angedeihen lassen würden. Manche Dinge sind wirklich nicht intuitiv, und dass Konfigurationsänderungen auf Linux-Konfigurationsfile-Ebene durchgeführt werden müssen (VI lässt grüssen), entspricht wohl wirklich nicht der Zielgruppe. Trotzdem: Das OLPC-Betriebssytem ist ein interessanter Versuch darin, Personal Computing radikal zu vereinfachen, und man kann dem Projekt nur allen Erfolg wünschen.

 

6 Kommentare

  1. Ich als Unterschicht der Schweiz kann mir doch nie einen normalen Laptop leisten, aber wie der 100$-Laptop gelobt wurde, beneide ich die hungernden Kinder Afrikas und möchte auch so ein Ding!

    Wo kann man man solch ein Gerät anschaffen?

  2. VI ist ein sehr effizienter und mächtiger Editor, man muss ihn halt zu bedienen wissen ? was ja für die meisten Programme gilt, bloss hat man sich längst daran gewöhnt, beispielsweise bei all den Microsoft-Programmen, die auf Anhieb alles andere als intuitiv sind… :(

    Wieso man allerdings dieses 100 Dollar-Notebook per Shell, usw. konfigurieren müsste, ist mir nicht klar. Dir offensichtlich auch nicht, denn Du stellst diese Aussage ohne weitere Erläuterungen in den Raum. Kannst Du dazu bitte noch etwas mehr schreiben?

  3. Also, wenn jetzt hier Lanzen für VI gebrochen werden (tauchte in der letzten Woche schon mal bei neuerdings auf), dann stelle ich mich aber hin und sage: Dann schaltet doch die Zentralheizung ab und macht Euch ein Lagerfeuer.
    Ich sollte ca. 1993 mal C++ lernen mit VI als Editor, da war ich immerhin noch einigermassen jung, und ich fand es fürchterlich.

  4. “Aufgrund der verschiedenen Arbeitsmodi brauchen Neueinsteiger für vi eine hohe Frustrationstoleranz.” (http://de.wikipedia.org/wiki/Vi) ;-)

    Zugegeben, vi ist kein Vorbild für Software-Ergonomie. Gleiches gilt allerdings leider auch für die meisten aktuellen Programme… :(

    Und was das 100 Dollar-Notebook betrifft: Ich gehe davon aus, dass man die Shell, usw. bei Bedarf nutzen kann, aber nicht muss.

  5. Etoys sieht nach Squeak(Smalltalk-Implementierung) aus. Ist das richtig?

  6. @Dissident: Es ist noch nicht klar, ob man den OLPC auch direkt kaufen koennen wird. Urspruenglich war der Plan, dass er nur an Regierungen verkauft wird, die ihn dann an die Kinder weitergeben, aber es wurde auch schon mal angekuendigt, dass er auch auf eBay verkauft werden soll (legal). Meines Wissens ist das alles noch nicht definitiv.

    @Shark: Wirklich was konfigurieren muss man an dem Ding normalerweise nicht, wenn es nicht fuer ungewoehnliche Dinge eingesetzt wird. Die Kiddies (und Lehrer) werden also nur mit dem GUI auskommen. Es gibt allerdings den Zugang zum System, damit interessierte Schueler auch Programmieren lernen koennen und so. Python und JavaScript sind vorinstaliert, spaeter soll auch Java hinzukommen.
    Bei der Emulation auf einer Virtual Machine muss man manuell mit der Konfiguration der Bildschirmtreiber und des Netzwerks nachhelfen, aber das ist soweit gut dokumentiert.

    @Chacky: Ja, Etoys ist Squeak, siehe hier: http://wiki.laptop.org/go/Etoys
    Spaeter soll noch LOGO dazukommen.

    Mehr Infos zur OLPC Software:
    http://wiki.laptop.org/go/Software_components

2 Pingbacks

  1. [...] als Bildungssoftware gedachtes Betriebssystem “Sugar” (hier im ausführlichen Test) soll nun portiert werden und auf den EEE PCs lauffähig sein. Ein, wie ich finde, sehr [...]

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