Live von der CeBIT:
digital living — das Event mit Erlebnischarakter
Die parallel zur CeBIT stattfindende Sonderschau “Digital Living” für Endverbraucher wird als “Erlebniswelt mit Eventcharakter” oder wahlweise auch “Event mit Erlebnischarakter” bezeichnet. Wer es noch etwas ausführlicher haben will, für den ist die Seite Über die Veranstaltung:
Anders als bei klassischen Ausstellungen mit Produkten hinter Glasvitrinen und in Schaukästen, wird “digital living” ihren Besuchern die Funktionen, Möglichkeiten und Geschäftschancen der Digital Lifestyle Produkte vermitteln. Exponate werden offen präsentiert und laden ein zum Anfassen und Ausprobieren. Der Besucher erlebt die Produkte live und kann sich so sein ganz eigenes Bild machen: Der Fachbesucher erkennt seine Business Opportunities, der Endkunde entdeckt die Erfüllung seiner Wünsche.
Aber der Reihe nach. Positiv fällt zunächst schon im Skywalk die gute Werbung für Digital Living auf:

“Plug & Pray” hiess es ja nicht ohne Grund damals bei Windows 95, wobei man fairerweise zugeben muss, dass das inzwischen mit USB und so um einiges besser geworden ist. Trotzdem, ich fühle mich “abgeholt” und entscheide, da gehe ich hin. Ich erwarte coole Media-Center-, Home-Automation-oder sonstige Bond-mässige Ein-Knopfdruck-und-alles-fährt-in-Position-Installationen.
Nach einem längeren Fussmarsch erreiche ich den Eingang. Digital Living ist eine Sonderschau ausserhalb des eigentlichen Messegeländes, d.h. man kann auch von aussen kommend nur diese Halle besuchen (und auch nur bezahlen, 10 Euro statt 36 für die ganze CeBIT). Komischerweise muss man sich aber von innen kommend enebfalls neu registrieren. “Dieser Teil ist nur für Fachbesucher”, wird mir gesagt, was mich etwas irritiert, weil ich vorher gelesen hatte, dass Digital Living eben den Spagat zwischen der klassischen IKT-Messe CeBIT und den Consumer-Interessen herstellen solle. Na ja, ich gebe meine Visitenkarte ab und muss zusätzlich einen Zettel unterschreiben, auf dem steht, dass alle Aussteller dieses Bereichs mir jetzt Werbung schicken dürfen. Neben mir steht eine Dame, die keine Visitenkarte hat und sichtlich keine Fachbesucherin ist, aber auch sie erhält den Zettel mit den Worten: “Schreiben Sie einfach irgendwas hin.”
Wenige Meter weiter wird klar, dass das mit den “Fachbesuchern” eine Farce ist:

Ein bisschen weiter sind haufenweise Schüler, die in verschiedenen Teams am Roboking-Finale teilnehmen, bei dem ihre selbstgebastelten autonomen Roboter durch einen kleinen grünen Parcours fahren:

Die Gefährte, denen man ansehen kann, dass sie direkt aus dem PC-inneren kommen, erinnern durch ihre merkwürdige Form etwas an diese überdimensionierten Fahrzeuge der Tuscen Raiders aus dem ersten Star-Wars-Film, in das R2D2 reingesogen wird. DARPA Grand Challenge für Arme, muss ich spontan denken, aber dann finde ich es doch ganz herzig, wie zwei geschätzt zwölfjährige Mädichen über einem Laptop mit Code sitzen und über “Kalibrieren” und “Debuggen” reden.
Das war aber auch der letzte positive Eindruck der Halle. Nachdem man kurz vorher noch im Trouble der richtigen CeBIT war, wirkt die Halle 27 vor allem - leer. Wenig Aussteller, wenig Besucher, die sich an den Ständen verlaufen, an den meisten ist gar nichts los. Ausserdem sind die Ausseteller total willkürlich zusammengewürfelt. Hier ein bisschen Torwandschiessen von Samsung Mobile, ohne dass zu erkennen wäre, was das miteinander zu tun hat:

Hier ein bisschen XBox 360 in einem sphärenartigen Gebilde:

Hier wiederum ein Messetand der Firma Astak (nie gehört, macht offenbar Webcams), der aussieht, als habe er sich von der übrigen CeBIT hierher verirrt. Man beachte die Vitrinen rechts in Relation zum eingangs zitierten Text (”Anders als bei klassischen Ausstellungen mit Produkten hinter Glasvitrinen…”)

Aber am allerallerbesten gefällt mir der Stand “Global Responsibility”. Man weiss nicht so richtig, wer der Aussteller ist, worum es genau geht und was der integrierte Stand “Flechtwelten” damit zu tun hat:

Die Seite des Standes besteht aus verschiedenen Texten aus der “Erklärung zum Weltethos. Die Deklaration des Parlamentes der Weltreligionen”, unter anderem diesem hier:

(Daneben steht der Verweis auf die Veranstaltung “Der Mensch lebt nicht von digitaler Technik allein” mit Hans Küng vom letzten Samstag.)
Alles gut und schön. Aber ein bisschen komisch ist es schon, dass sich genau neben diesem flammenden Plädoyer gegen sexuelle Ausbeutung der Stand von ATI mit diesen beiden in ATI-rot bekleideten Damen befindet:

Fazit: “Event mit Erlebnischarakter” kann stimmen, das Erlebnis ist, dass man staunt über diese Frechheit. Wer dafür extra angereist wäre wie “Axel Wunzdorf, 27, Facharbeiter aus Augsburg”, in einem vermutlich fiktiven Testimonial unter “Stimmen zu digital living”, der hätte sich wohl ziemlich geärgert. Ich jedenfalls war heilfroh, als ich nach erneuter Kontrolle des Ausweises wieder zurück in der ganz normalen CeBIT-Hölle war.
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3 Kommentare zu diesem Artikel
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MILE
Na toll, da fahre ich einmal nicht nach Hannover hoch und dann verpasse ich doch glatt einen derart stylishen und informativen Sonder-Event…!? Mist aber auch…! ;)
Peter Hogenkamp
Ja, also, das mit dem Nichtfahren würde ich mir echt nochmal überlegen, das wäre echt schade drum.
Ich habe an einem Stand noch jemanden angesprochen, der einigermassen normal aussah und gefragt, was mit dieser “Sonderschau” eigentlich los ist, da hat er mir zuerst runtergebetet, wie es eigentlich gedacht und offiziell kommuniziert war — aber als ich dann gesagt habe, das habe ja wohl null hingehauen, meinte er nur: “Tja, das sehen wir auch so, aber da müssen wir jetzt durch.”
Die Presse findet es auch nicht so toll. Ich habe während der Messe einige Artikel gelesen, und man liest aus jedem sofort raus, ob der Autor tatsächlich in Halle 27 war oder nicht.
Der von der NZZ z.B. war definitiv nicht da, obwohl der Artikel von Freitag stammt, liest er sich noch wie eine Vorschau:
MILE
Naja, ich bin seit rund 15 Jahren fast immer auf der CeBIT, aber dieses Jahr ist es eben einfach nicht machbar gewesen…manchmal haben private Dinge eben Vorrang…! ;)
Aber es ist ja ohnehin nicht das erste Mal, dass eine ganz anders gedachte Sonderveranstaltung zu einem solchen Debakel verkommt…leider…